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Plinius 9.12 Übersetzung — 2060 Aufrufe
pliniusGOAT am 16.5.25 um 15:23 Uhr (Zitieren)
Meine Übersetzung (von einem Oberstufenschüler) lautet für Pl. Epst. 9.12

Ich will nur wissen, ob das 15 Punkte in einer Klausur im Übersetzungsteil sind.

Jemand tadelte seinen Sohn, weil er ein wenig zu teuer Pferde und Hunde kaufte. Als der junge Mann weggegangen war, sagte ich zu seinem Vater: “Hör mal, hast du nie etwas getan, wofür dich dein Vater hätte tadeln können? 'Du hast es gemacht”, sage ich. Machst du nicht manchmal etwas, das dein Sohn, wenn er plötzlich der Vater wäre und du der Sohn, genauso streng tadeln würde? Machen nicht alle Menschen einmal irgendeinen Fehler? Lässt sich nicht der eine in dieser Sache etwas durchgehen, ein anderer in jener?”. Durch dieses Beispiel einer übermäßigen Strenge gewarnt, schreibe ich Dir dies wegen unserer gegenseitigen Zuneigung, damit nicht auch du einmal deinen Sohn allzu streng und hart behandelst. Bedenke, dass er noch ein Kind ist und du einmal eines gewesen bist! Gebrauche deine Stellung als Vater so, dass du stets daran denkst, ein Menschn und Vater eines Menschen zu sein!
Re: Plinius 9.12 Übersetzung
hs35 am 16.5.25 um 17:19 Uhr (Zitieren)
Zum Vergleich:
Castigabat quidam filium suum quod paulo sumptuosius equos et canes emeret.
Jemand züchtigte seinen Sohn (körperlich), weil er Pferde und Hunde ein wenig zu teuer eingekauft habe.

Huic ego iuvene digresso: 'Heus tu, numquamne fecisti, quod a patre corripi posset?
Ich (sagte) zu ihm, nachdem der junge Mann weggegangen war:
He/hör mal, hast du nie (etwas) getan, was von deinem Vater hätte getadelt/kritisiert
werden können (Potent. der Vergangenheit)

„Fecisti“ dico. Non interdum facis quod filius tuus, si repente pater ille tu filius, pari gravitate reprehendat?
Das hast du(getan). Machst du nicht auch manchmal, was dein Sohn, wenn plötzlich
jener Vater du sein Sohn (wärst), mit gleicher Heftigkeit/Strenge tadeln könnte? (konsekut.
Relativsatz oder Potentialis)
Non hic in illo sibi, in hoc alius indulget?'
Lassen sich nicht alle Menschen von irgendeinem Irrtum leiten?
Verzeiht nicht dieser in jenem (Irrtum) sich, in diesen (ihm) ein anderer?

Haec tibi admonitus immodicae severitatis exemplo, pro amore mutuo scripsi, ne quando tu quoque filium tuum acerbius duriusque tractares.
Dies habe ich, gewarnt durch ein Beispiel einer maßlosen/überzogenen/unverhältnismäßigen Strenge einer Zurechtweisung (= eines strengen Tadels) angesichtss unserer gegenseitigen Zuneigung/Wetschätzung geschrieben, damit du nicht irgendwann einmal deinen Sohn zu streng und
zu hart behandelst.

Cogita et illum puerum esse et te fuisse, atque ita hoc quod es pater utere,
ut memineris et hominem esse te et hominis patrem. Vale.
Bedenke, dass sowohl jener ein Knabe ist als auch (einer) warst, und benutze die Tatsache, dass du sein Vater bist so, dass du daran denkst, dass du ein Mensch und der Vater
eines Menschen bist!

emeret: Konj. wegen innerlicher Abhängigkeit (Sicht/Meinung des Vaters)
-> auch Konj. im Dt. verwenden!

castigare meint hier die körperliche Züchtigung, tadeln ist zu schwach.

pro heißt nicht wegen, hier passt: angesichts, wegen macht Sinn,
steht streng genommen aber nicht da.

hominem esse te et hominis patrem: Hier liegt ein AcI vor.
Dein bloßer Inf. drückt eine Aufforderung aus. Die liegt aber nicht vor.

Deine ÜS ist sehr gut!
Ich tendiere zu 14 Punkten wegen der genannten Feinheiten.
Wegen schöner Wendungen könnte man vlt auch 15 P. geben als Kompensation bzw.
Belohnung für das Bemühen um eine gute ÜS im Dt.







Re: Plinius 9.12 Übersetzung
pliniusGOAT am 17.5.25 um 13:19 Uhr (Zitieren)
Danke für das Feedback!

Ich würde das Wort „tadeln“ doch einmal stehen lassen, denn ich denke es ist dennoch sinngemäß und ist nicht zu schwach. Außerdem habe ich den letzten Paragraph auch gelassen, weil „Cogita“ doch im Imperativ steht und eine Aufforderung ist.

Die anderen Bemerkungen habe ich angepasst: Wie sieht es hiermit aus?

C. Plinius grüßt seinen Iunior.

(1) Jemand tadelte seinen Sohn, weil er ein wenig zu teuer Pferde und Hunde gekauft habe. Als der junge Mann weggegangen war, sagte ich zu seinem Vater: “Hör mal, hast du nie etwas getan, wofür dich dein Vater hätte tadeln können? 'Du hast es gemacht”, sage ich. Machst du nicht manchmal etwas, das dein Sohn, wenn er plötzlich der Vater wäre und du der Sohn, genauso streng tadeln würde? Machen nicht alle Menschen einmal irgendeinen Fehler? Lässt sich nicht der eine in dieser Sache etwas durchgehen, ein anderer in jener?”.
(2) Durch dieses Beispiel einer übermäßigen Strenge gewarnt, schreibe ich Dir dies angesichts unserer gegenseitigen Zuneigung, damit nicht auch du einmal deinen Sohn allzu streng und hart behandelst. Bedenke, dass er noch ein Kind ist und du einmal eines gewesen bist! Gebrauche deine Stellung als Vater so, dass du stets daran denkst, ein Mensch und Vater eines Menschen zu sein!

Leb wohl!

Außerdem habe ich folgende Stilmittel gefunden: Ich kann nur die Funktion der Hyperbel, der parallelistischen Satzstruktur mit „Non [...] ...“ und des Chiasmus nicht verstehen.

Rhetorische Frage / Suggestivfrage („Numquamne fecisti, quod a patre corripi posset?” – „Fecisti, dico”, Z. 4-5)
o Der Vater wird zum Nachdenken gezwungen, ohne dass Plinius ihn direkt angreift (indirekte Kritik über das Nachdenken)
o Anregung zur Selbstreflexion

Hendiadyoin („acerbius duriusque”, Z. 9-10)
o Verbindung von zwei synonymischen Verben (streng und hart)

Parallelismus / Anapher („Non [...], Non [...], Non [...]”, vgl. Z. 5-7)

Hyperbel („paulo sumptiosus”, Z. 2)
o Übertreibung bei „ein wenig zu teuer gekauft habe”

Chiasmus („Non interdum facis, quod filius tuus, si repente pater ille, tu filius [...]”, Z. 5-6)
o Kreuzstellung von filius und tuus bzw. tu

Re: Plinius 9.12 Übersetzung
hs35 am 17.5.25 um 14:02 Uhr (Zitieren)
weil „Cogita“ doch im Imperativ steht und eine Aufforderung ist.

Aber nicht der Inhalt des AcI, den ich meinte.

Hyperbel („paulo sumptiosus”, Z. 2)
o Übertreibung bei „ein wenig zu teuer gekauft habe”

Wieso Hyperbel? Ist es nicht eher eine Untertreibung (Euphemismus),
weil er nicht sagen will: sündteuer

si repente pater ille,

Hier liegt noch eine Ellipse vor.
Chiasmus ist übertrieben: es werden nur Adjektiv und Nomen umgedreht,
aber nicht die Satzstruktur wie bei : Subkjekt - Objekt /Objekt- Subjekt


Parallelismus:
Ein Parallelismus wiederholt ähnliche syntaktische
Strukturen in aufeinanderfolgenden Sätzen oder Satzteilen.

Funktionen:
Verstärkung: Betont und intensiviert die Aussage
Rhythmisierung: Schafft einen einprägsamen Sprachrhythmus
Strukturierung: Gliedert komplexe Gedanken
Memorierbarkeit: Erleichtert das Merken des Gesagten
Emotionale Wirkung: Steigert die Eindringlichkeit und emotionale Kraft
Kontrastierung: Kann Ähnlichkeiten oder Unterschiede hervorheben
Beispiel: „Ich kam, ich sah, ich siegte.“ (Veni, vidi, vici)
Chiasmus

Ein Chiasmus ist eine überkreuzte Anordnung von Satzgliedern
nach dem Schema A-B-B-A.

Funktionen:
Symmetrie: Schafft eine ästhetisch ansprechende Struktur
Pointierung: Hebt zentrale Gedanken hervor
Denkfigur: Verdeutlicht eine gedankliche Umkehrung oder Spiegelung
Geschlossenheit: Erzeugt ein in sich geschlossenes Argument
Einprägsamkeit: Verleiht Aussagen besondere Merkfähigkeit
Rhetorische Eleganz: Demonstriert sprachliche Gewandtheit
Oft auch als Antitthese
Beispiel: „Man soll nicht leben, um zu essen, sondern essen, um zu leben.“

Funktionen der Hyperbel:
Verstärkung und Betonung: Hebt bestimmte Eigenschaften oder Aspekte besonders hervor
Emotionalisierung: Verstärkt die emotionale Wirkung einer Aussage
Veranschaulichung: Macht abstrakte oder schwer fassbare Konzepte greifbar
Komik und Humor: Erzeugt durch bewusste Überzeichnung humoristische Effekte
Pathos-Erzeugung: Steigert die Eindringlichkeit und Erhabenheit einer Aussage
Perspektivierung: Lenkt die Aufmerksamkeit gezielt auf bestimmte Aspekte
Kontrast: Schafft durch extreme Darstellung Gegensätze
Provokation: Fordert zum Nachdenken heraus durch unerwartete Übertreibung
Spannungserzeugung: Intensiviert dramatische Situationen in Erzählungen

Beispiele:
„Ich habe dir das schon tausendmal gesagt!“
„Diese Tasche wiegt eine Tonne.“
„Ich warte hier schon eine Ewigkeit.“
„Er ist langsamer als eine Schnecke.“
Hier wird wirklich übertrieben, bei paulo sumptiosius untertrieben,
sonst wäre der Vater nicht so ausgerastet.
„um ein wenig zu teuer“ ist eine Litotes:

Die Litotes als Stilfigur:
Arbeitet mit Untertreibung oder doppelter Verneinung
Drückt durch scheinbare Abschwächung tatsächlich eine Verstärkung aus
Wirkt oft ironisch oder diplomatisch-höflich
Kann eine Form der verhüllenden Kritik sein
Re: Plinius 9.12 Übersetzung
pliniusGOAT am 17.5.25 um 22:03 Uhr (Zitieren)
Danke für die ganzen Hilfen, aber ich verstehe nicht, wie ich den letzten Teil ohne den Imperativ übersetzen soll. Es soll nah an meiner Version dran sein:

Cogita et illum puerum esse et te fuisse, atque ita hoc quod es pater utere, ut memineris et hominem esse te et hominis patrem.

Bedenke, dass er noch ein Kind ist und du einmal eines gewesen bist! Gebrauche deine Stellung als Vater so, dass du stets daran denkst, ein Mensch und Vater eines Menschen zu sein!

Nur das nötigste soll geändert werden.
Re: Plinius 9.12 Übersetzung
pliniusGOAT am 17.5.25 um 22:03 Uhr (Zitieren)
Danke für die ganzen Hilfen, aber ich verstehe nicht, wie ich den letzten Teil ohne den Imperativ übersetzen soll. Es soll nah an meiner Version dran sein:

Cogita et illum puerum esse et te fuisse, atque ita hoc quod es pater utere, ut memineris et hominem esse te et hominis patrem.

Bedenke, dass er noch ein Kind ist und du einmal eines gewesen bist! Gebrauche deine Stellung als Vater so, dass du stets daran denkst, ein Mensch und Vater eines Menschen zu sein!

Nur das nötigste soll geändert werden.
Re: Plinius 9.12 Übersetzung
hs35 am 18.5.25 um 9:39 Uhr (Zitieren)
Der Imperativ cogita war OK.
Es ging mir um etwas anderes:


Bedenke, dass er noch ein Kind ist und du einmal eines gewesen bist!
Gebrauche deine Stellung als Vater so, dass du stets daran denkst/du dir stets bewusst bist,dass du ein Mensch und Vater eines Menschen bist!

Du musst den AcI übersetzen, nur mit Infinitiv klingt es nach einer Aufforderung.
Es geht um den Inhalt von memineris, der im AcI steht.

ita hoc quod es pater utere:
wörtl: und benutze die Tatsache, dass du (ein) Vater bist, so, dass ..
frei: nutze deine Vaterrolle/Vaterposition so, dass ...
Es handelt sich um ein faktisches quod.

Freie ÜS/Übertragung:
Denk daran, dass er noch ein Kind ist und du es auch einmal warst
und spiele so deine Vaterrolle im ständigen Bewusstsein, sowohl ein Mensch
als auch der Vater eines Menschen zu sein (Hier genügt der Infinitiv.)
 
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weil „Cogita“ doch im Imperativ steht und eine Aufforderung ist.

Aber nicht der Inhalt des AcI, den ich meinte.

Hyperbel („paulo sumptiosus”, Z. 2)
o Übertreibung bei „ein wenig zu teuer gekauft habe”

Wieso Hyperbel? Ist es nicht eher eine Untertreibung (Euphemismus),
weil er nicht sagen will: sündteuer

si repente pater ille,

Hier liegt noch eine Ellipse vor.
Chiasmus ist übertrieben: es werden nur Adjektiv und Nomen umgedreht,
aber nicht die Satzstruktur wie bei : Subkjekt - Objekt /Objekt- Subjekt


Parallelismus:
Ein Parallelismus wiederholt ähnliche syntaktische
Strukturen in aufeinanderfolgenden Sätzen oder Satzteilen.

Funktionen:
Verstärkung: Betont und intensiviert die Aussage
Rhythmisierung: Schafft einen einprägsamen Sprachrhythmus
Strukturierung: Gliedert komplexe Gedanken
Memorierbarkeit: Erleichtert das Merken des Gesagten
Emotionale Wirkung: Steigert die Eindringlichkeit und emotionale Kraft
Kontrastierung: Kann Ähnlichkeiten oder Unterschiede hervorheben
Beispiel: „Ich kam, ich sah, ich siegte.“ (Veni, vidi, vici)
Chiasmus

Ein Chiasmus ist eine überkreuzte Anordnung von Satzgliedern
nach dem Schema A-B-B-A.

Funktionen:
Symmetrie: Schafft eine ästhetisch ansprechende Struktur
Pointierung: Hebt zentrale Gedanken hervor
Denkfigur: Verdeutlicht eine gedankliche Umkehrung oder Spiegelung
Geschlossenheit: Erzeugt ein in sich geschlossenes Argument
Einprägsamkeit: Verleiht Aussagen besondere Merkfähigkeit
Rhetorische Eleganz: Demonstriert sprachliche Gewandtheit
Oft auch als Antitthese
Beispiel: „Man soll nicht leben, um zu essen, sondern essen, um zu leben.“

Funktionen der Hyperbel:
Verstärkung und Betonung: Hebt bestimmte Eigenschaften oder Aspekte besonders hervor
Emotionalisierung: Verstärkt die emotionale Wirkung einer Aussage
Veranschaulichung: Macht abstrakte oder schwer fassbare Konzepte greifbar
Komik und Humor: Erzeugt durch bewusste Überzeichnung humoristische Effekte
Pathos-Erzeugung: Steigert die Eindringlichkeit und Erhabenheit einer Aussage
Perspektivierung: Lenkt die Aufmerksamkeit gezielt auf bestimmte Aspekte
Kontrast: Schafft durch extreme Darstellung Gegensätze
Provokation: Fordert zum Nachdenken heraus durch unerwartete Übertreibung
Spannungserzeugung: Intensiviert dramatische Situationen in Erzählungen

Beispiele:
„Ich habe dir das schon tausendmal gesagt!“
„Diese Tasche wiegt eine Tonne.“
„Ich warte hier schon eine Ewigkeit.“
„Er ist langsamer als eine Schnecke.“
Hier wird wirklich übertrieben, bei paulo sumptiosius untertrieben,
sonst wäre der Vater nicht so ausgerastet.
„um ein wenig zu teuer“ ist eine Litotes:

Die Litotes als Stilfigur:
Arbeitet mit Untertreibung oder doppelter Verneinung
Drückt durch scheinbare Abschwächung tatsächlich eine Verstärkung aus
Wirkt oft ironisch oder diplomatisch-höflich
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