„Streitgespräch“ (mit drei bis vier Freunden) bei einer Dissertation anno 1856 in Berlin — 901 Aufrufe
Matthaeus Magirus am 13.5.25 um 11:30 Uhr (Zitieren)
Liebes Forum!
Ich hoffe ich verwirre niemanden mit meinen möglicherweise langatmig erscheinenden Ausführungen und Quellenangaben zu meinen drei kurzen Fragen. Die 38-seitige Dissertation (im Fach „Geognosie“ = Geologie) des Jahres 1856 von Ferdinand Paul Wilhelm Freiherr von Richthofen respektive Ferdinandus Paulus Guilhelmus Liber Baro de Richthoffen (1833–1905) habe ich übrigens bei Google Books durch Suche des lateinischen Namens des Urhebers und den Titel „De Melaphyro“ (Über den Melaphyr) [Dieser Begriff wird heute fast nur noch in dem Kompositum Melaphyr-Mandelstein für ein Gesteinsmaterial verwendet, das im wesentlichen als Baustoff zur Fertigung von Pflastersteinen benutzt wird.] gefunden (https://books.google.com/), was angesichts der zahlreichen Kriegsverluste gerade in großen wissenschaftlichen Bibliotheken Deutschlands hilfreich war und ist.
● FRAGE 1: Ist die Note für Richthofens Dissertationsleistung „rite“ in den untenstehenden lateinischen bibliographischen Angaben zur Doktorarbeit? Wenn ja, was wäre das auf Deutsch? Note 3 bis 4 (ausreichend)?
● FRAGE 2: Weiß jemand vielleicht grob, wie eine Verteidigung der Thesen am Ende einer Dissertation anno 1856 an der Philosophischen Fakultät der Universität zu Berlin in etwa formalisiert ablief und wie lange das dauerte? Die genannten vier Personen stellten sich nämlich in einem Brief von Ferdinand von Richthofen an seinen Studienfreund Ernst Haeckel (Jena) als gute bis beste Freunde und Studienkollegen heraus (siehe unten am Ende mit Quellenangabe). Hatte der Disputant möglicherweise ein Vorschlagsrecht hinsichtlich die Personen, gegen die er die (4) Thesen (unpaginierte letzte S. 39) seiner Doktorarbeit (hinter der VITA, die auf den Seiten 36-38 steht) verteidigte?
Bibliographische Angaben der Dissertation „Über den Melaphyr“ (Gestein): MIT ABKÜRZUNGEN:
Richthoffen, Ferdinandus Liber Baro de (1856): De Melaphyro. Dissertatio inauguralis quam consensu et auctoritate amplissimi philosophorum ordinis im Alma Litterarum Universitate Friderica Guilelma ad summos in philosophia honores rite capessendos die XIII. M. [Mensis] Februarii A. [Anno] MDCCCLVI. H. L. Q. S. [hora/horis locoque solitis] publice defendet auctor Ferdinandus Lib. [Liber] Bar. [Baro] de Richthoffen, Silesius. Adversarii erunt: Ad. [Adolphus] Paalzow, philos. cand. [philosophiae candidatus], Ed. [Eduardus] Claparède, philos. cand., Aem. [Aemilius] Jochmann, philos. dr. [philosophiae doctor], Ad. [Adolfus] Baeyer, philos. stud. [philosophiae studiosus] Berolini: Typis Gustavi Schade. [1856, 38 S.]
OHNE ABKÜRZUNGEN:
Richthoffen, Ferdinandus Liber Baro de (1856): De Melaphyro. Dissertatio inauguralis quam consensu et auctoritate amplissimi philosophorum ordinis im Alma Litterarum Universitate Friderica Guilelma ad summos in philosophia honores rite capessendos die XIII. Mensis Februarii Anno MDCCCLVI. hora locoque solitis publice defendet auctor Ferdinandus Liber Baro de Richthoffen, Silesius. Adversarii erunt: Adolphus Paalzow, philosophiae candidatus, Eduardus Claparède, philosophiae candidatus, Aemilius Jochmann, philosophiae doctor, Adolfus Baeyer, philosophiae studiosus Berolini: Typis Gustavi Schade.
VIER THESEN der 38-seitigen Dissertation (Vita S. 36-38) auf der unpaginisierten allerletzten Seite „39“
THESES.
I. Saxorum, quae vocant plutonica, nec genera nec species natura dedit.
II. Eorum saxorum, quae plutonicorum nomine complectuntur, constitutionis carbonata principio partem non habent.
III. Eius, quam »Fucoidensandstein, Karpathensandstein, Macigno, Tassello« vocant, psammitae strata illis calcariae nummuliticae interiacent.
IV. Omnia crystalla, quorum axes inaequales sunt, uno complectenda sunt systemate.
DEUTSCH
I. Die Natur hat weder Gattungen noch Arten von Gesteinen hervorgebracht, die als Plutonite (plutonische Gesteine oder Tiefengesteine) bezeichnet werden.
II. Die Gesteine, die unter der Bezeichnung Plutonite zusammengefasst werden, weisen grundsätzlich keine Zusammensetzung aus [organischen] Kohlenstoffverbindungen auf.
III. Seine Psammitschichten [mittelklastische Sedimentgesteine aus Sandstein], die sie „Fucoidensandstein, Karpathensandstein, Macigno, Tassello“ nennen, liegen zwischen denen des nummulitischen Kalksteins.
IV. Alle Kristalle, deren Achsen ungleich sind, müssen in einem System zusammengefasst werden.
die sie (= man) zusammenfassen (zusammenfasst) :
complecti hat als Deponens kein Passiv.
Re: „Streitgespräch“ (mit drei bis vier Freunden) bei einer Dissertation anno 1856 in Berlin
Matthaeus Magirus am 13.5.25 um 16:25 Uhr (Zitieren)
Gratias ago! Also besser: II. Die Gesteine, die man unter der Bezeichnung Plutonite zusammenfasst, weisen grundsätzlich keine Zusammensetzung aus Kohlenstoffverbindungen auf.
Re: „Streitgespräch“ (mit drei bis vier Freunden) bei einer Dissertation anno 1856 in Berlin
Eorum saxorum, quae ..., constitutionis carbonata principio partem non habent.
Hier sehe ich nicht wirklich durch.
Was meint carbonata?
partem habere + Gen. = Anteil haben an
Re: „Streitgespräch“ (mit drei bis vier Freunden) bei einer Dissertation anno 1856 in Berlin
Matthaeus Magirus am 13.5.25 um 17:54 Uhr (Zitieren)
Also „soda carbonata“ ist Natriumcarbonat, Waschsoda, ein in manchen Seen vorkommendes Mineral.
Re: „Streitgespräch“ (mit drei bis vier Freunden) bei einer Dissertation anno 1856 in Berlin
Matthaeus Magirus am 13.5.25 um 18:03 Uhr (Zitieren)
Ferdinand von Richthofen war - anders als Manfred von Richtofen, das sogenannte Fliegerass des Ersten Weltkriegs - ein am 13. Februar 1856 frisch promovierte Geologe, Mineraloge und Paläontologe, ein Naturforscher, der danach von 1856 bis 1872 im Kaiserthum Oesterreich (1856-1859), Japan, China, Siam (1860-1862), Californien (1862-1868) und dann wieder China (1868-1872) Naturforschung und Kohlenlager- sowie Gold- und Silberminenexploation betrieben hat. Die vier Thesen im Februar 1856 meint er wahrscheinlich als grundlegende Aussage(n) seiner dissertatio inauguralis und Grundlage des „Streitgesprächs“.
Re: „Streitgespräch“ (mit drei bis vier Freunden) bei einer Dissertation anno 1856 in Berlin
Nach meiner Kenntnis sind dies die möglichen Noten:
A. Für die Doktorarbeit:
1. opus eximium
2. opus valde laudabile
3. opus laudabile
4. opus idoneum
B. Für die mündliche Prüfung (z.B. das Rigorosum oder die Verteidigung der Dissertation):
1. summa cum laude
2. magna cum laude
3. cum laude
4. rite
Das entspricht nicht exakt den Schulnoten, denn für „opus eximium“ müssen beide Gutachter zu diesem Ergebnis kommen, für „summa cum laude“ sämtliche Einzelleistungen beim Rigorosum so benotet werden.
Re: „Streitgespräch“ (mit drei bis vier Freunden) bei einer Dissertation anno 1856 in Berlin
Matthaeus Magirus am 13.5.25 um 19:23 Uhr (Zitieren)
Das ist sehr erhellend. Ich kenne seine Noten leider nicht, aber Ferdinand von Richthofen empfand seine eigene erste Leistung (die Doktorarbeit) selbst als nicht überragend (er muss aber ein sehr guter Schüler gewesen sein und bewältigte in fünf Jahren, wofür nicht wenige seiner Konpennäler acht Jahre und bisweilen mehr gebraucht haben, um am Königlichen katholischen St. Matthias-Gymnasium zu Breslau (aus diesem Gymnasium ging die Königliche Schlesische Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau respektive Universitas Wratislaviensis hervor) für „reif“ befunden zu werden; „unreife“ Gymnasialschüler hätten an nicht wenigen Universitäten damals trotzdem studieren dürfen/können, habe ich gelesen) und hat danach aber große Anstrengungen unternommen und neben seiner Arbeit als freiwilliger »Hülfsarbeiter« für die kaiserlich-königliche Geologische Reichsanstalt zu Wien im Kaiserthum Oesterreich zwei erweiterte und berichtigte deutschsprachige Fassungen seiner Doktorarbeit erstellt, zumal auch zwischenzeitlich mindestens eine kritische Rezension über seine Dissertation erschienen war.
● Richthofen, Ferdinand von (1856): Ueber den Melaphyr. In: Zeitschrift der Deutschen Geologischen Gesellschaft, Band VIII, 1856, S. 589–659.
● Richthofen, Ferdinand von (1859): Bemerkungen über die Trennung von Melaphyr und Augitporphyr. In: Sitzungsberichte der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, Mathematisch-Physikalische Classe, Band XXXIV, 1859, S. 367–434.
In Wien genügte diese zusätzliche Leistung, um bereits 1857 kurz nach seinem 24. Geburtstag eine Venia legendi zu erwerben und für ein Wintersemester nebenher eine „Einführung in die Geognosie“ (Geologie) zu geben. Lehren musste er bis zum Ende der 1870er Jahre nicht, obwohl er schon ein paar Semester Ordinarius in Bonn war, aber vom Königlich Preußischen Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten in Berlin beurlaubt war und sogar noch einmal eine Verlängerung bekam, um sein China-Hauptwerk fertigzustellen, das seine Schüler postum (bis 1912) vollendeten.
Re: „Streitgespräch“ (mit drei bis vier Freunden) bei einer Dissertation anno 1856 in Berlin
Da habent im Plural steht und als Subjekt nur carbonata in Betracht kommt, sind hier wohl die Karbonate als Mineralklasse gemeint: An der Zusammensetzung (in der Terminologie des 19. Jhdts.: An der [chemischen] Konstitution) derjenigen Gesteine die unter der Bezeichnung Plutonite zusammengefasst werden (im Nlat. gibt es complectere durchaus), sind die Karbonate grundsätzlich nicht beteiligt.
Re: „Streitgespräch“ (mit drei bis vier Freunden) bei einer Dissertation anno 1856 in Berlin
Die Schichten des Psammits, den sie Fucoidensandstein, Karpathensandstein, Macigno, Tassello nennen, liegen zwischen jenen (sc. Schichten) des nummulitischen Kalksteins.
Re: „Streitgespräch“ (mit drei bis vier Freunden) bei einer Dissertation anno 1856 in Berlin
Matthaeus Magirus am 13.5.25 um 23:21 Uhr (Zitieren)
Diese Übersetzung der Thesen 2 und 3 liest sich für mich Alexander-von-Humboldt-Bergrathianisch gut. Mir fehlen die Kenntnisse der »Geognosie« (Geologie), »Oryktognosie« (Mineralogie) und »Oryktologie« (Paläontologie) respektive »Petrofactenkunde« (Versteinerungskunde) nicht nur des 19. Jahrhunderts. Hinzutreten meine rudimentären Lateinkenntnisse. Eine ganz ungute Mischung zugegebenermaßen. Ich muss die Übersetzungen und den sachlichen Gehalt morgen nach dem Frühstück und zwei Tassen Kaffee noch einmal durchgehen. Vielen Dank für die Mühe!
Re: „Streitgespräch“ (mit drei bis vier Freunden) bei einer Dissertation anno 1856 in Berlin
Matthaeus Magirus am 14.5.25 um 10:03 Uhr (Zitieren)
Als Randnotiz zum Übersetzungsproblem der THESEN am Ende von Richthofens Dissertation:
Ferdinand von Richthofen, so Wikipedia, ungezählte Bücher und wissenschaftliche Artikel, Zeitungen sowie Funk und Fernsehen den Begriff der alten und somit auch neuen »Seidenstraße(n)« im Jahr 1877 geprägt haben. Tatsächlich hielt Ferdinand von Richthofen vor der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin am 2. Juni 1877 in Steglitz einen Vortrag titels „Ueber die centralasiatischen Seidenstrassen bis zum 2. Jahrhundert n. Chr.“ (Richthofen 1877a, S. 96–122). Aber einer seiner zahlreichen Lehrer, Carl Ritter (1779–1859), benutzte den Terminus »Seidenstraße« (sowie Serenstraße und Straße der Serer etc.) schon vor Richthofen beispielsweise in seinem Hauptwerk „Die Erdkunde im Verhältniß zur Natur und zur Geschichte des Menschen, oder allgemeine vergleichende Geographie, als sichere Grundlage des Studiums und Unterrichts in physicalischen und historischen Wissenschaften“ (Carl Ritter, West-Asien, 1838, II. Abtheilung. II. Abschnitt. §. 13. S. 692–693).
ZITAT
„Außer diesem s ü d l i c h e n m a r i t i m e n Wege über Ceilon, Indien und das persisch-arabische Meer, von welchem aus mit der Waare die Griechen und Römer den ächtchinesischen Namen der S e i d e, Sericum, (sēr [möglicherweise abgeleitet vom chinesischen 絲|丝 sī = Seide; Richthofen schrieb in der gedruckten Fassung seines Vortrages vom 2. Juni 1877, auf den sich fast alle Welt bis ca. 2019/20 berufen hat, daß die alten Griechen und Römer Seide als „serische Stoffe“ (FvR 1877, S. 122) bezeichnet haben], Sir, bei Chinesen) kennen lernen konnten, wenn er ihnen nicht auf nördlicherm Wege über Persien durch C t e s i a s zugekommen, öffnet sich aber fast gleichzeitig der n ö r d l i c h e c o n t i n e n t a l e Weg der S e i d e n s t r a ß e, von China gegen den Westen zum kaspischen See hin. Dies ergiebt sich aus P l i n i u s (VI. 20) und P t o l e m ä u s Berichten von der S e i d e n c u l t u r, dem S e i d e n h a n d e l und der S e r e n s t r a ß e zu den S i n e n, nach Marinus Tyrius Aussagen von dem macedonischen Handelsmanne und Reisenden Maës (genannt Titianus, s. Ptolem. I. c. II. fol. ed. Bert.).“ (im Original in Fraktur gedruckt)
Möglicherweise existieren ältere Prägungen in mehreren anderen Sprachen. Zum Beispiel Persisch, aber auch hier fehlen mir die Sprachkenntnisse.
Re: „Streitgespräch“ (mit drei bis vier Freunden) bei einer Dissertation anno 1856 in Berlin
Matthaeus Magirus am 15.5.25 um 21:51 Uhr (Zitieren)
Danke schön für die Anregung und Unterstützung!
Matthaeus Magirus