Γραικύλος schrieb am 09.12.2023 um 14:04 Uhr (Zitieren)
Über die Großsiedlungen von Gökbeli Tepe, Sayburç, Karahan Tepe und Nevali Çori hat man in den letzten Jahren gelernt, daß sie zwar von Jägern und Sammlern vor der Einführung von Ackerbau und Viehzucht errichtet worden sind, aber durchaus nicht bloße Kultstätten, sondern auch Wohnsiedlungen waren. Es gab also – in irgendeiner Weise – seßhafte Jäger und Sammler.
Ihre Kulte sind sehr schwer zu deuten. Unter den Darstellungen fallen solche eines Mannes auf, der seinen Penis umfaßt. Dazu heißt es:
(Bezug/Quelle: Spektrum der Wissenschaft 1.24: Wo die Jäger und Sammler wohnten, S. 70-78)
Das hieße aber, daß es wohl schon vor der Neolithischen Revolution, die gewöhnlich damit in Verbindung gebracht wird, patriarchale Strukturen gab.
Re: Seine Hand war seine Gemahlin
Marcella schrieb am 12.12.2023 um 08:55 Uhr (Zitieren)
Wenn man die hervorstechende Anatomie hinzunimmt und den Kult darum, der in den Quellen verfolgbar, in die Götterwelt projiziert wird, haben wir ja schon die ideologische Untermauerung.
Aurora schrieb am 12.12.2023 um 09:34 Uhr (Zitieren)
Diese Vorstellung hielt sich sehr lange, etwa auch bei Thomas von Aquin,
mit schlimmen Folgen für die Frau, die nur eine zweitrangige Rolle als unbedeutende Austrägerin spielte.
Re: Seine Hand war seine Gemahlin
Aurora schrieb am 12.12.2023 um 09:35 Uhr (Zitieren)
Diese Vorstellung hielt sich sehr lange, etwa auch bei Thomas von Aquin,
mit schlimmen Folgen für die Frau, die nur eine zweitrangige Rolle als unbedeutende Austrägerin spielte.
Re: Seine Hand war seine Gemahlin
Γραικύλος schrieb am 12.12.2023 um 14:56 Uhr (Zitieren)
Ist das ein Tomas-von-Aquin-Zitat?
Von Schopenhauer gibt es ein ähnliches:
(Parerga und Paralipomena II § 364)
Re: Seine Hand war seine Gemahlin
Johannes schrieb am 12.12.2023 um 16:29 Uhr (Zitieren)
So urteilt einer, der ein großes Herz für Tiere hatte
und großes Mitleid, als er Sklaven beobachtete.
Re: Seine Hand war seine Gemahlin
Γραικύλος schrieb am 12.12.2023 um 17:07 Uhr (Zitieren)
Bei einem Frauenfeind frage ich mich naheliegenderweise zunächst: Wie war sein Verhältnis zu seiner Mutter?
Das war im Falle Schopenhauers sehr angespannt. Er hat sie wohl für den Suizid seines Vaters verantwortlich gemacht, und sie hielt ihn für einen Stimmungskiller, d.h. konnte seine Neigung zum Grübeln (alias Philosophieren) nicht leiden.
Für viele Jahre hatte Schopenhauer allerdings eine Liebesbeziehung zu der Schauspielerin Caroline Medon. Bei der Geburt jedes Kindes hat Schopenhauer unverzüglich sein Testament dem angepaßt. Die Kinder sind freilich nicht lange nach der Geburt gestorben.
Ich kenne Briefe von Caroline Medon, die mit den Worten "Mein herzlieber, guter Arthur" beginnen.
Die Sache, sein Verhältnis zu Frauen, hat also noch eine andere Seite.
P.S.: Zu Schopenhauers Lebzeiten, zumindest im Vormärz, war seine Mutter, Johanna Schopenhauer, aufgrund ihrer literarischen Werke ungleich berühmter als er.
Re: Seine Hand war seine Gemahlin
Γραικύλος schrieb am 12.12.2023 um 17:10 Uhr (Zitieren)
Ähnlich wie Tiberius im Falle der Livia hat Schopenhauer nicht einmal an der Beerdigung seiner Mutter teilgenommen.
Re: Seine Hand war seine Gemahlin
Marcella schrieb am 13.12.2023 um 08:00 Uhr (Zitieren)
An dem seiner Schwester Adele auch nicht. Er hat sie auch nicht besucht in ihrer schweren letzten Krankheit. Hingegen hat er ihr vorher das Leben höllisch schwer gemacht durch überaus kleinliche Erbforderungen. Dafür muss Zeit sein.
Die Quelle des Aquinaten-Zitats von der Frau als misslungenem Mann gibt der Wikipedia-Artikel nur indirekt an: Annerose Sieck: Mystikerinnen Biographien visionärer Frauen. Ostfildern 2011, ISBN 978-3-7995-0856-8, S. 52.
Aber die Frage ist, warum Gott, ohne dessen Wissen und Einwilligung kein Haar von meinem Haupte fällt, es zulässt, dass der Mann solch einen kaputten und defekten Homunculum in mich einsetzt. Warum? Und welcher Masterplan liegt unter solchen Bedingungen der Fortpflanzung zugrunde?
Re: Seine Hand war seine Gemahlin
Aurora schrieb am 13.12.2023 um 11:20 Uhr (Zitieren)
Es gibt keinen. Warum auch, wenn alles auf Zufall beruht?
Wenn man bedenkt, auf welchem Zufall allein die Entstehung der Erde beruht,
was soll man da schon Großartiges erwarten.
Das ist doch alles nur Wunschdenken und Verdrängung der ernüchternden Realität.
Daseinsbewältigung durch Flucht in Illusionen, die
entworfen wurden von Religionen,die davon gut leben können.
Wo es keinen realen Trost gibt, wird irrational vertröstet. War das nicht schon immer so?
Je mehr wir wissen, desto absurder müssen solche Vorstellungen erscheinen.
Die Evolution war, ist und wird immer bleiben ein nach menschl. Maßstäben grausamer Prozess.
Doch ganz ohne Hoffnung zu leben für viele auch keine Option. Man klammert sich an jeden
Strohhalm um der bitteren Wahrheit nicht ins Gesicht sehen müssen.
Credo, quia absurdum. (Tertullian)
Interessant ist, dass auch Kant trotzdem an Gott festhält,
wenn auch nur aus Gerechtigkeitsgründen oder - Postulaten.
Fordern kann man viel, ob man es bekommt, ist die andere Frage.
Re: Seine Hand war seine Gemahlin
filix schrieb am 13.12.2023 um 13:34 Uhr (Zitieren)
Dahinter steht m.E. der Gedanke, dass Vollkommenheit eine in qualitativ klar unterschiedenen Stufen geordnete Mannigfaltigkeit darstellt, nicht bloß als Individualität variierte Perfektion. Im Übrigen mag bei der Vorstellung einer Gesellschaft vollkommener, sich sexuell reproduzierender eingeschlechtlicher Wesen die Nähe zum vitium contra naturam den Theologen irritiert haben, sodass er sich lieber mit der Rechtfertigung der Differenz beschäftigte.
Re: Seine Hand war seine Gemahlin
Bukolos schrieb am 13.12.2023 um 22:21 Uhr (Zitieren)
Was sich da als Zitat ausgibt, sieht aus wie die interpretierend ausgeschmückte Paraphrase einer Passage aus der Summa theologiae I, q. 92*, in der Thomas die aristotelische Auffassung, die Frau sei aliquid deficiens et occasionatum (Aristot. GA 767a 36 ff.), samt dessen Phantasien über die Wirkung feuchter Winde auf den männlichen Samen (GA 766b 34 ff.) referiert. Thomas beschränkt die Geltung dieser Prädikation allerdings auf die natura particularis. In Bezug auf die natura universalis sei sie nicht anwendbar, da deren Bestimmungen auf den Schöpfergott selbst rückführbar seien.
* Ad primum ergo dicendum quod per respectum ad naturam particularem, femina est aliquid deficiens et occasionatum. Quia virtus activa quae est in semine maris, intendit producere sibi simile perfectum, secundum masculinum sexum, sed quod femina generetur, hoc est propter virtutis activae debilitatem, vel propter aliquam materiae indispositionem, vel etiam propter aliquam transmutationem ab extrinseco, puta a ventis Australibus, qui sunt humidi, ut dicitur in libro de Generat. Animal. Sed per comparationem ad naturam universalem, femina non est aliquid occasionatum, sed est de intentione naturae ad opus generationis ordinata. Intentio autem naturae universalis dependet ex Deo, qui est universalis auctor naturae. Et ideo instituendo naturam, non solum marem, sed etiam feminam produxit.
Re: Seine Hand war seine Gemahlin
Bukolos schrieb am 13.12.2023 um 22:28 Uhr (Zitieren)
War das nicht Voltaire?
Re: Seine Hand war seine Gemahlin
Γραικύλος schrieb am 13.12.2023 um 23:32 Uhr (Zitieren)
(Tertullian: De carne Christi V)
So kenne ich es.
Re: Seine Hand war seine Gemahlin
Aurora schrieb am 14.12.2023 um 07:04 Uhr (Zitieren)
Problematisch sind m.E. auch die Begriffe:
"er ist auferstanden" und "er ist auferweckt worden (von Gott)"
Wie kann in Toter aus eigenen Kräften wiederauferstehen? Woher nimmt er sie, wenn nicht von Gott? Wie machte das Gott?
Bukolos schrieb am 14.12.2023 um 11:11 Uhr (Zitieren)
Die meisten werden dennoch eher das zitierte Glaubensbekenntnis in seiner paradoxalen Zuspitzung im Ohr haben, und es nicht einmal Tertullian, sondern einem Kirchenlehrer zuschreiben (denn nur so verfängt die Formel als aufklärerische Kritik an der Irrationalität des kirchlichen - im Besonderen des katholischen - Glaubens). Verantwortlich dafür (also die Umprägung von ineptum bzw. impossibile zu absurdum) war einer ideengeschichtlichen Untersuchung zufolge* der unter Pseudonym publizierte Text Voltaires Le Dîner du comte de Boulainvilliers (Amsterdam 1767), in dem es heißt: C’est pourtant ce ridicule que St. Augustin a trouvé divin; il disoit, je le crois parce que cela est absurd, je le crois parce que cela est impossible (S. 18), und sein Artikel Economie de Paroles in den Questions sur l’Encyclopédie (2. Aufl., London 1771-1772), der in postumen Ausgaben des Dictionnaire philosophique aufgenommen weitere Verbreitung fand: St. Augustin parle par économie quand il dit, Je crois parce que cela est absurde. Je crois parce que cela est impossible (Bd. 5, S. 62.). Die "Rückübersetzung" ins Lateinische lässt sich bis ins ausgehende 18. und frühe 19. Jh. zurückverfolgen, etwa in Wilhelm Traugott Krugs Allgemeinem Handwörterbuch der philosophischen Wissenschaften (Leipzig 1827, Bd. 1, S. 461).
* Peter Harrison: “I Believe Because it is Absurd”: The Enlightenment Invention of Tertullian’s Credo, in: Church History 86:2 (June 2017), 339–364.
Re: Seine Hand war seine Gemahlin
filix schrieb am 14.12.2023 um 16:25 Uhr (Zitieren)
Wenn ich nicht irre, hat sich Voltaire selbst die Übersetzung ins Lateinische nicht nehmen lassen, einmal in einem Brief an D’Alembert vom 28. September 1771 (erstmals 1785 veröffentlicht https://books.google.de/books?id=Z2dHAQAAMAAJ&pg=PA545 )
und in den Notebooks (OCV, t. 81, S.324):
Re: Seine Hand war seine Gemahlin
filix schrieb am 14.12.2023 um 17:00 Uhr (Zitieren)
Man könnte nebenbei der Überlegung nachgehen, ob sich der Erfolg der Rückübertragung jenseits der epistemischen Aura der einstigen Sakral- und Wissenschaftssprache und der Steigerung der Glaubwürdigkeit der Suggestion, einer der Kirchenväter habe das so gesagt, dem Umstand verdankt, dass Latein eine Pro-drop-Sprache ist: die Formel absorbiert quasi (insbesondere für Sprecher von Non-pro-drop-Sprachen) jede mögliche Referenz auf irgendeinen bestimmten Glaubensinhalt, sodass der Glaube an sich ihr Gegenstand wird.
Re: Seine Hand war seine Gemahlin
Bukolos schrieb am 15.12.2023 um 22:53 Uhr (Zitieren)
Wunderbar! Dann darf le Docteur Ralph also die alleinige Autorschaft für die Phrase beanspruchen.
Das dürfte eine Rolle gespielt haben: Man kann bereits in der zweiten französischen Fassung eine Verschiebung in diese Richtung beobachten, wenn dort je crois absolut auftritt, während zuvor noch ein Objekt dabeistand.