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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Minos und Sostratos (280 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 07.11.2023 um 15:01 Uhr (Zitieren)
Lukian, Totengespräche (νεκρικοὶ διάλογοι) 30:
MINOS (1): Dieser Räuber Sostratos soll in den Pyriphlegethon geworfen, der Tempelräuber von der Chimaira zerrissen, der Tyrann, Hermes, neben dem Tityos ausgestreckt und seine Leber ebenfalls von den Geiern gefressen werden; ihr aber, ihr Guten, geht eilends zum Elysischen Gefilde und bewohnt die Inseln der Seligen, zum Lohn für eure guten Taten während des Lebens.

SOSTRATOS: Höre zu, Minos, ob dir meine Worte berechtigt vorkommen werden.

MINOS: Jetzt soll ich wieder zuhören? Bist du, Sostratos, nicht überwiesen, daß du ein Bösewicht warst und so viele getötet hast?

SOSTRATOS: Überwiesen schon, aber sieh zu, ob ich gerechterweise bestraft werden soll.

MINOS: Ja gewiß, da es doch nur recht und billig ist, entsprechend zu büßen.

SOSTRATOS: Gleichwohl antworte mir, Minos; ich werde nur eine kurze Frage an dich stellen.

MINOS: Sprich; halte nur keine langen Reden, damit wir nun auch die übrigen aburteilen können.

SOSTRATOS: Alles, was ich im Leben tat, tat ich das freiwillig [ἑκών] oder war es mir vom Schicksal [ὑπὸ τῆς Μοίρας] zugewiesen worden?

MINOS: Vom Schicksal natürlich zugewiesen.

SOSTRATOS: Also taten wir, alle Guten sowohl als auch wir scheinbaren Bösewichter das im Dienste des Schicksals?

MINOS: Ja, im Dienst der Klotho, die einem jeden bei der Geburt seine Taten zuwies.

SOSTRATOS: Wenn also einer, von einem anderen dazu gezwungen, jemand tötet, ohne jemand, der den Zwang ausübt, widersprechen zu können, wie z.B. ein Henker oder ein Trabant, der eine auf Geheiß eines Richters, der andere auf Befehl eines Tyrannen, wen wirst du da der Tötung beschuldigen?

MINOS: Offenbar den Richter oder den Tyrannen; das Schwert jedenfalls an und für sich nicht, da es nur als Werkzeug dem diente, der in seinem Unmut in erster Linie dazu den Anlaß gibt.

SOSTRATOS: Bravo, Minos, daß du zu meinem Beispiel noch etwas daraufgibst. Falls aber jemand als Abgesandter seines Herrn mit Gold oder Silber kommt, wem muß man Dank dafür wissen oder wen als Wohltäter ansehen?

MINOS: Den Sender, Sostratos; der Überbringer war ja nur sein Gehilfe.

SOSTRATOS: Also siehst du, wie ungerecht du vorgehst, willst du uns, die wir nur Ausführende der Befehle der Klotho waren, strafen und die ehren, die nicht aus eigenem Antrieb Gutes getan haben? Denn das könnte man doch nicht sagen, es wäre möglich gewesen, den als unbedingte Notwendigkeit [μετὰ πάσῃς ἀνάγκῃς] auferlegten Befehlen zu widersprechen.

MINOS: Sostratos, man kann noch viele andere Dinge auf der Welt sehen, die nicht der Vernunft entsprechen, wollte man sie genau prüfen [πολλὰ ἴδοις ἂν καὶ ἄλλα οὐ κατὰ λόγον γιγνόμενα, εἰ ἀκριβῶς ἐξετάζοις]. Jedoch du sollst von deiner Frage diesen Vorteil haben, weil ich dich auch für einen gescheiten Menschen, nicht bloß für einen Räuber halte: Binde ihn los, Hermes, seine Strafe soll nicht mehr vollzogen werden. Sieh aber zu, daß du nicht auch die anderen Toten die gleiche Frage zu stellen veranlaßt!

(Lukian: Hauptwerke. Hrsg. v. Karl Mras. München ²1980, S. 278-281)

(1) Richter in der Unterwelt

So deutlich findet man die Kontroverse Determinismus vs. Willensfreiheit in der Antike selten angesprochen, und dann hier auch noch einschließlich der Konsequenz für das Strafrecht.
 
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