Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Diogenes und Alexander (300 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 02.11.2023 um 14:24 Uhr (
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Lukian, Totengespräche (νεκρικοὶ διάλογοι) 13:
DIOGENES: Was ist das, Alexander? Auch du bist gestorben wie wir alle?
ALEXANDER: Du siehst es, Diogenes; nichts Außergewöhnliches, wenn ich als Mensch starb.
DIOGENES: Also log Ammon (1) mit der Behauptung, du seist sein Sohn, während du der Philipps warst?
ALEXANDER: Philipps natürlich, als Ammons Sohn wäre ich ja nicht gestorben.
DIOGENES: Jedoch auch von der Olympias (2) sprach man Ähnliches, eine mächtige Schlange verkehre mit ihr und werde in ihrem Bett gesehen, dann sei deine Geburt so zustande gekommen, Philipp aber habe sich getäuscht, in der Meinung, dein Vater zu sein.
ALEXANDER: Auch ich hörte das wiederholt wie du, jetzt aber sehe ich, daß weder meine Mutter noch die Orakelpriester der Ammonier Vernünftiges erzählten.
DIOGENES: Aber freilich erwies sich ihre Lüge dir, Alexander, nicht unnütz für die Politik; denn viele duckten sich vor dir in dem Glauben, du seist ein Gott. Aber sag mir, wem hast du dein so großes Reich hinterlassen?
ALEXANDER: Ich weiß nicht, Diogenes; ich konnte nämlich darüber keine andere Verfügung treffen als nur die, daß ich im Sterben dem Perdikkas meinen Ring übergab. Jedoch was lachst du, Diogenes?
DIOGENES: Worüber sonst, als weil ich mich erinnerte, was die Griechenwelt tat, als du die Herrschaft übernommen hattest, wie sie dir schmeichelten, dich zum Oberfeldherr gegen die Barbaren wählten, einige dich sogar den zwölf Göttern beizählten, dir Tempel errichteten und dir als Drachensohn opferten. Aber sag mir, wo bestatteten dich die Makedonier?
ALEXANDER: Ich liege noch in Babylon, jetzt den dritten Tag, mein Knappe Ptolemaios aber verspricht, falls ihm einmal die dermaligen Krawalle Zeit lassen, mich nach Ägypten zu bringen und dort zu bestatten, damit ich einer von den ägyptischen Göttern werde.
DIOGENES: Soll ich also nicht lachen, Alexander, wenn ich sehe, wie du auch noch im Hades ein Tor bist und hoffst, ein Anubis oder Osiris zu werden? Jedoch darauf hoffe, du göttlichster Patron, nicht! Wer nämlich einmal über den Höllensee [λίμνης] gefahren und in das Innere des Höllenschlundes gekommen ist, darf nicht wieder hinauf; Aiakos ist ja nicht saumselig, auch der Kerberos ist nicht zu verachten. Das möchte ich gern von dir erfahren, wie du die Erinnerung erträgst, wenn du daran denkst, wieviel Glück du auf Erden zurückgelassen hast, Trabanten, Knappen, Satrapen, soviel Gold, soviele Völker, die vor dir auf den Knien lagen, Babylon, Baktra, die großen Tiere [τὰ μεγάλα θηρία, Elefanten], Ehre, Ruhm und die Huldigungen, die du bei deinen Ausfahrten empfingst, wann du im Wagen saßest, auffallend durch dein weißes Diadem auf dem Haupt und den Purpurmantel um deine Schultern. Betrübt dich das nicht, wenn es dir einfällt? – Was weinst du, du Tor? Nicht einmal dazu hat dich der weise Aristoteles erzogen, die Gaben des Schicksals nicht für zuverlässig zu halten.
ALEXANDER: Er weise, der von allen Speichelleckern der abgefeimteste war? Mich laß, was ich von Aristoteles weiß, für mich allein behalten, wieviel er von mir verlangte, was für Dinge er mir auftrug, wie er meinen Eifer für die Bildung mißbrauchte, indem er mir den Hof machte und mich lobte, bald im Hinblick auf meine Schönheit, als ob auch diese ein Teil des höchsten Gutes wäre, bald im Hinblick auf meine Taten und meinen Reichtum. Denn auch diesen hielt er für ein Gut, um sich nicht schämen zu müssen, davon ebenfalls etwas zu kriegen; ein Gaukler war er, Diogenes, und ein Ränkeschmied [γόης, ὦ Διόγενες, ἄνθρωπος καὶ τεχνίτης], das jedoch habe ich von seiner Weisheit, daß ich mich über den Verlust jener Dinge, die du kurz vorher aufzähltest, kränke, als ob sie die größten Güter wären.
DIOGENES: Weißt du, was du tun sollst? Ich will dir ein Heilmittel für deinen Kummer an die Hand geben. Da hier allerdings Nieswurz nicht wächst, so führe dir wenigstens das Wasser der Lethe zum Mund, trink es in vollen Zügen, trink es wieder und oftmals; so wirst du aufhören, dich über die von Aristoteles als Güter bezeichneten Dinge zu grämen. Denn ich sehe dort den Kleitos, den Kallisthenes (3) und viele andere auf dich losgehen, um dich zu zerreißen und sich an dir für das zu rächen, was du ihnen angetan hast. Drum schlag du diesen anderen Weg ein und trinke oft, wie ich sagte.
(Lukian: Hauptwerke. Hrsg. v. Karl Mras. München ²1980, S. 214-219)
(1) Das Ammon- bzw. Amun-Orakel in Ägypten hatte Alexander als Sohn dieses Gottes erklärt.
(2) Alexanders Mutter
(3) Sie, seine Kameraden (Hetairen), hatte Alexander getötet.
Re: Diogenes und Alexander
Γραικύλος schrieb am 02.11.2023 um 16:58 Uhr (
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Was hatte es mit diesem, von Lukian öfters erwähnten Nieswurz auf sich?
Re: Diogenes und Alexander
Marcella schrieb am 02.11.2023 um 17:19 Uhr (
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Nieswurz, (h)elleborus, wurde genutzt,um dem Wahnsinn therapeutisch zu
begegnen.Mit welchem Effekt, weiß ich nicht.
Hier zum Beispiel, Γραικύλος findest Du Näheres:
https://www.albertmartin.de › latein › forum › ?edit=162896
Re: Diogenes und Alexander
Γραικύλος schrieb am 02.11.2023 um 18:47 Uhr (
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Im Lateinforum! Sogar von mir damals schon aufgebracht, die Frage. Lange her. Danke.