Γραικύλος schrieb am 29.10.2023 um 20:06 Uhr (Zitieren)
Lukian, Göttergespräche 7:
Re: Hermes und die Erfindung der Leier
Johannes schrieb am 30.10.2023 um 13:23 Uhr (Zitieren)
Er hatte Glück.
Marsyas musste grausam mit seinem Leben bezahlen,
weil er sich mit Apollo messen wollte, wie Hyginus schildert:
Minerua tibias dicitur prima ex osse ceruino fecisse et ad epulum deorum cantatum uenisse.
Iuno et Venus cum eam irriderent,quod et caesia erat et buccas inflaret, foeda uisa et in cantu irrisa in Idam siluam ad fontem uenit, ibique cantans in aqua se adspexit
et uidit se merito irrisam; unde tibias abiecit et imprecata est ut quisquis eas sustulisset,
graui afficeretur supplicio.
quas Marsyas Oeagri filius pastor unus e <sa>t<y>ris inuenit, quibus assidue commeletando sonum suauiorem in dies faciebat, adeo ut Apollinem ad citharae cantum in certamen prouocaret.
quo ut Apollo uenit, Musas iudices sumpserunt, et cum iam Marsyas inde uictor
discederet, Apollo citharam uersabat idemque sonus erat; quod Marsya tibiis facere non potuit.
itaque Apollo uictum Marsyan ad arborem religatum Scythae tradidit, qui eum membratim <cute> separauit; reliquum corpus discipulo Olympo sepulturae tradidit,
e cuius sanguine flumen Marsy<a> est appellatum.
( Hyginus, myth., Fabulae 165.1.1.ss)
Marcella schrieb am 30.10.2023 um 15:24 Uhr (Zitieren)
Auch Ovid, Metamorphosen Liber Vi, 382 f.
Re: Hermes und die Erfindung der Leier
Marcella schrieb am 31.10.2023 um 14:35 Uhr (Zitieren)
So fasst der Wiki-Artikel über Marsyas die immerhin interessant aktuelle Dikussion über den Marsyas-Mathos als esoterischen Kunst-Mythos zusammen. (In der Ovid-Version hört man fast Anklänge an Ovids eigenes Schicksal.)
" Der Marsyas-Mythos ist, mutmaßlich, eine Variante der in der Antike weit verbreiteten Hybris-Allegorie, wo Halbgöttliches oder Sterbliches sich über Göttliches (Vollkommenes, Zeitloses) erheben will und zum Teil grausam bestraft wird (zu Stein oder Tier verwandelt, mit Wahnsinn geschlagen, mit Eselsohren versehen usw.).
Hybris war nach alter Vorstellung eine Nymphe, die mit Zeus den Gott Pan zeugte. Marsyas, hier mit Pan in antiken Darstellungen häufig gleichgesetzt, aber ohne die Attribute des Gottes, scheint darum eher ein Gleichnis für die verstandlosen Triebe des Menschen zu sein.
Illustriert wird die Hybris hier am Beispiel der Kunst. Die Künste waren im altgriechischen Verständnis die höchste Ausdrucksform des Wettstreits (des Agon), da nur sie die Fertigkeit (τέχνη téchnē) mit der Weisheit (σοφία sophía) verbanden. Die Musen treten zum Teil selbst in den Wettstreit, teils üben sie das Richteramt in der Kunst aus. Die Weisheit (Athene) erfindet zwar die Kunst, hier die Flöte, ihr Ausüben aber, also das Kunstwerk, ist gegen ihr (ruhendes) Wesen – im Gleichnis verzerrt das Kunstwerk-Machen (poein) die Züge der Göttin des Geistes. Die Begierden (Marsyas) folgen der Lust nach Anerkennung, die sich im Agon ausdrückt. Der Wahn der Lust, sie könne sich im Werk über Vergängliches erheben, so alt wie die Kultur, fällt unter das gnadenlose Gericht der Musen und Apollons.
Der Marsyas-Mythos ist wohl keine Darstellung gegen das Kunstwerk an sich, sondern gegen den Künstler, der das Werk nicht mit Demut und Unterwerfung macht, dessen Werk also nicht Ausdruck von Demut ist. Die berühmten Anfänge der abendländischen Dichtung bei Homer werden oft in diesem Sinne gedeutet: „Sage mir Muse“; „Vom Zorn singe, o Göttin“. Die Ablehnung des Willens des Künstlers ist seither immer wieder ausgedrückt worden. Etwa als Paradox von Michelangelo: „Ich möchte wollen, Herr, das nicht von mir Gewollte.“ Ähnlich aber auch etwa Paul Cézanne: „Aber wenn er [der Künstler] dazwischenkommt, wenn er es wagt, der Erbärmliche, sich willentlich einzumischen in den Übersetzungsvorgang, dann bringt er nur seine Bedeutungslosigkeit hinein, das Werk wird minderwertig.“ Und an anderer Stelle: „Um das zu malen muß dann das Handwerk einsetzen, aber ein demütiges Handwerk, das gehorcht und bereit ist, unbewusst, zu übertragen.“
Ist das Michelangelo-Zitat auch im Paradoxie-Thread?