Γραικύλος schrieb am 03.10.2023 um 15:22 Uhr (Zitieren)
Aristoteles, Physik VI 9 / 239b-240a:
(1) II 233a 21 ff.
Re: Zenons Paradoxa #1
Γραικύλος schrieb am 03.10.2023 um 16:04 Uhr (Zitieren)
Der Text läßt zu wünschen übrig - so müßte hinzugefügt werden, daß der "Langsamste" (gewöhnlich als Schildkröte apostrophiert) einen Vorsprung bekommt.
Ich frage mich oft, wie konnte dieses Problem entstehen,
obwohl es jeder Intuition, Erfahrung
und "normalen" Logik widerspricht, sondern nur ein
mathematisch theoretisches ist.
Dass Achill die Schildkröte nie einholen würde,
ist doch eine idiotische Behauptung, wenn man
auch nur ein wenig über diese Tiere weiß.
Mal ehrlich: Welcher antike Mensch hätte sich nicht an den Kopf
gegriffen, wenn er so eine absurde Behauptung hörte?
Re: Zenons Paradoxa #1
Γραικύλος schrieb am 04.10.2023 um 12:27 Uhr (Zitieren)
(Hintergrund: Zenon war Schüler und Freund des Parmenides von Elea. Auch Platon war von eleatischen Gedanken beeinflußt.)
Daß Zenon bewußt war, daß wir sehen, wie Achill die Schildkröte überholt bzw. der Pfeil fliegt, können wir voraussetzen.
Der Fehler, auf den er aufmerksam machen möchte, ist der, daß wir das, was wir wahrnehmen, für die Wirklichkeit halten.
Zenon will zeigen, daß dies gar nicht die Wirklichkeit sein kann, weil sie unlogisch ist, weil sie dem Denken widerspricht.
Achill kann die Schildkröte gar nicht überholen, der Pfeil kann gar nicht fliegen, weil ... jetzt kommen seine Argumente.
Wenn die wahrgenommene Bewegung unlogisch ist, dann kann das Wahrgenommene nicht die Wirklichkeit sein.
Falls jemandem dieser Gedanke befremdlich erscheint, kann er in Platons Gleichnissen aus dem "Staat", insbesondere im Höhlengleichnis, Aufklärung finden. Es ist der gleiche Gedanke: das, was wir, die Gefangenen in der Höhle, wahrnehmen, ist nicht die Wirklichkeit, sondern der Schatten des Schattens der Wirklichkeit.
Das, was wir wahrnehmen, ist veränderlich (wie die Bewegung); die Wirklichkeit hingegen ist ewig und veränderlich (wie das dem Denken Zugängliche).
Daß das, was wir wahrnehmen, nicht die Wirklichkeit ist, ist heute keine gar so absurde Annahme: Sie liegt in den Gehirn-im-Tank- sowie den Matrix-Gedankenexperimenten.
Rainer Werner Fassbinder hat in seinem Film "Welt am Draht" eine frühe Version dieses Modells verfilmt. Als jemand aus einer 'höheren' Ebene (der Wirklichkeit? einer höheren Stufe der Illusion?) jemandem auf der Ebene der Computer-Simulation einen verdeckten Hinweis darauf geben möchte, daß er in einer nur simulierten Welt lebt, läßt er ihm einen Zettel zukommen. Darauf sind abgebildet: ein Krieger in antiker Rüstung sowie eine Schildkröte.
Der Adressat kennt den Zenon und weiß, was ihm dadurch mitgeteilt werden soll.
Man kann auch fragen: Da nun seit Jahrtausenden die Zenon-Paradoxien widerlegt und 'widerlegt' werden, was macht eigentlich ihre Faszination aus, aufgrund derer man sich immer noch damit beschäftigt?
Re: Zenons Paradoxa #1
Γραικύλος schrieb am 04.10.2023 um 12:29 Uhr (Zitieren)
und veränderlich --> und unveränderlich
Re: Zenons Paradoxa #1
filix schrieb am 04.10.2023 um 17:16 Uhr (Zitieren)
Eine zeitgenössische Lösung, der Schildkröte doch zum Sieg zu verhelfen:
filix schrieb am 04.10.2023 um 17:41 Uhr (Zitieren)
Gegenwärtige Betrachtungen und Phantasien über den illusionären oder konstruktivistischen Charakter der Wirklichkeit votieren aber eher selten für ihre eleatische oder platonische Herabsetzung und gänzliche Überwindung, statt sich vom Scheinhaften an sich zu lösen, wollen sie seine Genese und Funktionsweise verstehen und modifizieren.
Der, wie man auch in diesem Faden erkennt, emotional provozierende Widerspruch zur Alltagserfahrung zieht aber nach wie vor und wird von der Befriedigung der Widerlegung abgelöst, der ja seit Aristoteles das einzige Interesse der Interpreten gilt.
Re: Zenons Paradoxa #1
Γραικύλος schrieb am 05.10.2023 um 13:38 Uhr (Zitieren)
Das Motiv, sich mit der Scheinhaftigkeit der angeblichen Wirklichkeit zu befassen, ist ein anderes geworden. Es geht nicht mehr um Metaphysik.
Nette Idee mit der Schildkröte!
Re: Zenons Paradoxa #1
Aurora schrieb am 06.10.2023 um 08:02 Uhr (Zitieren)
Mir fällt dazu Heideggers Seinsvergessenheit oder
der Vorwurf von Leerformeln, den Ernst Topitsch der Metaphysik macht.