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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Zenons Paradoxa #1 (375 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 03.10.2023 um 15:22 Uhr (Zitieren)
Aristoteles, Physik VI 9 / 239b-240a:
Zenons Argumentation ist fehlerhaft [Ζήνων δὲ παραλογίζεται]. Er meint so: Wenn ein Gegenstand, solange er genau denjenigen Raumwert, der so groß ist wie er selbst, im Ruhezustand sich befindet, der bewegte Gegenstand aber im Zeitpunkt stets genau diesen Raumwert einnimmt, so erfährt der „fliegende“ Pfeil keine Bewegung. Aber das stimmt nicht. Denn die Zeit baut sich nicht aus den bloßen unteilbaren Punkten auf, ebensowenig wie sonst irgendeine Bewegungsgröße. –

Vier Bewegungstheoreme [οἱ λόγοι περὶ κινήσεως] hat Zenon aufgestellt, die den Widerlegungsversuchen große Mühe machen. Das erste Theorem wendet sich gegen eine Möglichkeit von Bewegung mit dem Argument, ein Gegenstand, der in Bewegung sollte sein können, müßte, bevor er an das Ende seiner Bahn kommen könnte, doch erst einmal an den Halbierungspunkt gelangt sein – ein Argument, auf das wir mit der erforderlichen Unterscheidung bereits oben geantwortet haben (1). –

Das zweite Theorem ist der sogenannte Achilleus; es lautet: Das Langsamste kann in seinem Lauf vom Schnellsten niemals eingeholt werden. Denn der Verfolger muß, bevor es zum Überholen kommen soll, erst einmal den Punkt erreicht haben, an dem der Verfolger gestartet war (ein Verhältnis, das sich dauernd fortsetzt), so daß das Langsamere dauernd einen gewissen (wenn auch abnehmenden, so doch nie zu Null werdenden) Vorsprung behalten muß. Auch dieses Theorem ist im Grunde wieder das (obige) Teilungstheorem, nur daß es sich hier nicht um fortlaufendes Halbieren der Strecke, die hier immer wieder neu hinzukommt, handelt. Die These von der Nichteinholbarkeit des Langsameren gibt sich zwar als Resultat aus der angegebenen Begründung, kommt aber in Wahrheit aus derselben Quelle wie das Teilungstheorem – denn in beiden Fällen geht es um die angebliche Unerreichbarkeit des Wegzieles infolge einer Art der Teilung der zu durchlaufenden Wegstrecke, nur kommt im zweiten Theorem noch als Beson-deres die Steigerung hinzu, daß selbst das, was die Dichtung als Ausbund der Schnelligkeit feiert, bei der Verfolgung des Langsamsten sein Ziel nicht zu erreichen vermag -: dementsprechend muß denn auch die Widerlegung der beiden Theoreme in gleicher Weise erfolgen. Die Behauptung, was einen Vorsprung habe, werde nicht eingeholt, ist trügerisch. Solange freilich etwas einen Vorsprung hat, wird es gewiß nicht eingeholt; aber es wird sofort eingeholt werden können, wenn man nur zugibt, daß es möglich ist, eine endliche Strecke zu durchlaufen. –

(1) II 233a 21 ff.
Re: Zenons Paradoxa #1
Γραικύλος schrieb am 03.10.2023 um 16:04 Uhr (Zitieren)
Der Text läßt zu wünschen übrig - so müßte hinzugefügt werden, daß der "Langsamste" (gewöhnlich als Schildkröte apostrophiert) einen Vorsprung bekommt.
Re: Zenons Paradoxa #1
Udo schrieb am 04.10.2023 um 07:40 Uhr (Zitieren)
Ich frage mich oft, wie konnte dieses Problem entstehen,
obwohl es jeder Intuition, Erfahrung
und "normalen" Logik widerspricht, sondern nur ein
mathematisch theoretisches ist.
Dass Achill die Schildkröte nie einholen würde,
ist doch eine idiotische Behauptung, wenn man
auch nur ein wenig über diese Tiere weiß.

Hier finde ich die Denkfehler gut erklärt:
https://de.wikipedia.org/wiki/Achilles_und_die_Schildkr%C3%B6te

Mal ehrlich: Welcher antike Mensch hätte sich nicht an den Kopf
gegriffen, wenn er so eine absurde Behauptung hörte?
Re: Zenons Paradoxa #1
Γραικύλος schrieb am 04.10.2023 um 12:27 Uhr (Zitieren)
(Hintergrund: Zenon war Schüler und Freund des Parmenides von Elea. Auch Platon war von eleatischen Gedanken beeinflußt.)

Daß Zenon bewußt war, daß wir sehen, wie Achill die Schildkröte überholt bzw. der Pfeil fliegt, können wir voraussetzen.
Der Fehler, auf den er aufmerksam machen möchte, ist der, daß wir das, was wir wahrnehmen, für die Wirklichkeit halten.
Zenon will zeigen, daß dies gar nicht die Wirklichkeit sein kann, weil sie unlogisch ist, weil sie dem Denken widerspricht.
Achill kann die Schildkröte gar nicht überholen, der Pfeil kann gar nicht fliegen, weil ... jetzt kommen seine Argumente.
Wenn die wahrgenommene Bewegung unlogisch ist, dann kann das Wahrgenommene nicht die Wirklichkeit sein.

Falls jemandem dieser Gedanke befremdlich erscheint, kann er in Platons Gleichnissen aus dem "Staat", insbesondere im Höhlengleichnis, Aufklärung finden. Es ist der gleiche Gedanke: das, was wir, die Gefangenen in der Höhle, wahrnehmen, ist nicht die Wirklichkeit, sondern der Schatten des Schattens der Wirklichkeit.
Das, was wir wahrnehmen, ist veränderlich (wie die Bewegung); die Wirklichkeit hingegen ist ewig und veränderlich (wie das dem Denken Zugängliche).

Daß das, was wir wahrnehmen, nicht die Wirklichkeit ist, ist heute keine gar so absurde Annahme: Sie liegt in den Gehirn-im-Tank- sowie den Matrix-Gedankenexperimenten.

Rainer Werner Fassbinder hat in seinem Film "Welt am Draht" eine frühe Version dieses Modells verfilmt. Als jemand aus einer 'höheren' Ebene (der Wirklichkeit? einer höheren Stufe der Illusion?) jemandem auf der Ebene der Computer-Simulation einen verdeckten Hinweis darauf geben möchte, daß er in einer nur simulierten Welt lebt, läßt er ihm einen Zettel zukommen. Darauf sind abgebildet: ein Krieger in antiker Rüstung sowie eine Schildkröte.
Der Adressat kennt den Zenon und weiß, was ihm dadurch mitgeteilt werden soll.

Man kann auch fragen: Da nun seit Jahrtausenden die Zenon-Paradoxien widerlegt und 'widerlegt' werden, was macht eigentlich ihre Faszination aus, aufgrund derer man sich immer noch damit beschäftigt?
Re: Zenons Paradoxa #1
Γραικύλος schrieb am 04.10.2023 um 12:29 Uhr (Zitieren)
und veränderlich --> und unveränderlich
Re: Zenons Paradoxa #1
filix schrieb am 04.10.2023 um 17:16 Uhr (Zitieren)
Eine zeitgenössische Lösung, der Schildkröte doch zum Sieg zu verhelfen:

https://pin.it/2cQ5UsV
Re: Zenons Paradoxa #1
filix schrieb am 04.10.2023 um 17:41 Uhr (Zitieren)
Gegenwärtige Betrachtungen und Phantasien über den illusionären oder konstruktivistischen Charakter der Wirklichkeit votieren aber eher selten für ihre eleatische oder platonische Herabsetzung und gänzliche Überwindung, statt sich vom Scheinhaften an sich zu lösen, wollen sie seine Genese und Funktionsweise verstehen und modifizieren.

Der, wie man auch in diesem Faden erkennt, emotional provozierende Widerspruch zur Alltagserfahrung zieht aber nach wie vor und wird von der Befriedigung der Widerlegung abgelöst, der ja seit Aristoteles das einzige Interesse der Interpreten gilt.
Re: Zenons Paradoxa #1
Γραικύλος schrieb am 05.10.2023 um 13:38 Uhr (Zitieren)
Das Motiv, sich mit der Scheinhaftigkeit der angeblichen Wirklichkeit zu befassen, ist ein anderes geworden. Es geht nicht mehr um Metaphysik.

Nette Idee mit der Schildkröte!
Re: Zenons Paradoxa #1
Aurora schrieb am 06.10.2023 um 08:02 Uhr (Zitieren)
Mir fällt dazu Heideggers Seinsvergessenheit oder
der Vorwurf von Leerformeln, den Ernst Topitsch der Metaphysik macht.

Nach Heidegger setzt die Seinsvergessenheit in der abendländischen Philosophie bei Platon ein, welcher in seinen Ideendialogen einzig die Ideen als wirklich Seiendes ansetzt und damit die Welt als von diesem höchsten Seienden abgeleitet auffasst. Aristoteles schließlich wird in gewisser Ähnlichkeit zu Platon das Sein auf die Substanz zurückführen: Einzig ihr kommt Realität zu und alle anderen Bedeutungen von Sein sollen sodann auf die Substanz zurückgeführt werden, sei dies nun Existenz, Wirklichsein/Möglichsein, Wahrsein/Falschsein, Ursache oder sonstige Kategorien. Ebendiese Rückführung auf ein einzig Seiendes (ontologischer Reduktionismus) macht für Heidegger die metaphysische Seinsvergessenheit aus.

https://de.wikipedia.org/wiki/Seinsvergessenheit
 
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