Γραικύλος schrieb am 02.10.2023 um 15:59 Uhr (Zitieren)
(Alexander Sinowjew: Gähnende Höhen. Zürich 1981, S. 959)
Re: μὴ φῦναι τὸν ἁπάντα νικᾷ λόγον
Aurora schrieb am 03.10.2023 um 08:33 Uhr (Zitieren)
Wie übersetzt man hier logos wörtlich am besten?
jedwede Vernunft/Vorstellung übertreffen
Ich finde dazu diese englische Übersetzung:
Not to be born is, past all prizing, best
Kann man das so verstehen:
Nicht geboren zu sein ist die
beste/schönste/angenehmste
Vorstellung?
Re: μὴ φῦναι τὸν ἁπάντα νικᾷ λόγον
Γραικύλος schrieb am 03.10.2023 um 15:04 Uhr (Zitieren)
Ernst Buschor übersetzt: "Nie geboren zu sein: Höheres denkt kein Geist!" Wilhelm Willige drückt sich ein wenig: "Nicht geboren zu sein, das geht über alles."
Bei λόγος kommt man wohl um eine Interpretation nicht herum, die so oder so ausfallen kann. Wichtig ist dafür aber, daß es sich um ein damals verbreitetes Sprichwort handelte, das in mehreren Versionen überliefert ist: Theognis, Aischylos, Euripides (2x), Aristoteles.
Ich meine mich zu erinnern, daß ich die verschiedenen Versionen in den frühen Tagen dieses Forums einmal unter "Griechischer Pessimismus" vorgestellt habe.
Re: μὴ φῦναι τὸν ἁπάντα νικᾷ λόγον
Γραικύλος schrieb am 03.10.2023 um 15:08 Uhr (Zitieren)
Die Folge hieß "Nicht geboren zu sein #1-6".
Re: μὴ φῦναι τὸν ἁπάντα νικᾷ λόγον
Andreas schrieb am 03.10.2023 um 17:19 Uhr (Zitieren)
Um das ganze Sein nur wegen ein Asymmetrie im
Quantenfluktuationsvakuum, deren Ursachen wir
nie erfahren werden?
Dennoch darf wild darauf losspekuliert werden.
Ich tippe auf den Langeweile-Faktor oder
das Variatio-delectat-Motiv.
Das Nicht-Sein ist jeder Logik überlegen/ steht
über jeder Vernünftelei?
Re: μὴ φῦναι τὸν ἁπάντα νικᾷ λόγον
filix schrieb am 04.10.2023 um 16:49 Uhr (Zitieren)
Auch das folgende πολὺ δεύτερον, sich möglichst rasch vom Acker zu machen, verweist ja eigentlich auf die im Stasimon zuvor aufgemachte Rechnung, wonach sich mit der Zahl der Jahre das Verhältnis von Leid und Freude zuungunsten letzterer verschiebt, sodass, wie der Chor anfangs singt, nur ein Narr ein übermäßig langes Leben sich wünschen kann. Einen solchen λόγον gar nicht erst anstellen zu müssen, schlägt jedes abwägende Kalkül. Danach zählt der Chor noch einmal auf, was einem alles blüht, wenn man den rechtzeitigen Absprung verpasst: φθόνος, στάσεις, ἔρις, μάχαι καὶ φόνοι: τό τε κατάμεμπτον ἐπιλέλογχε πύματον ἀκρατὲς ἀπροσόμιλον γῆρας ἄφιλον, ἵνα πρόπαντα κακὰ κακῶν ξυνοικεῖ.
Kurzum, hier besonderen Tiefsinn einbringen zu wollen in der Übersetzung, scheint nicht notwendig, die an sich schlichte Überlegung bezieht ja ihre Nachdrücklichkeit nicht aus Intellektuellem Raffinement, sondern erscheint als Konsequenz der deprimierenden Bilanz, die der Chor aufstellt.
Re: μὴ φῦναι τὸν ἁπάντα νικᾷ λόγον
mitleser schrieb am 04.10.2023 um 19:22 Uhr (Zitieren)
In diesem Kontext muss ich auch hieran denken:
„Denn des Lebens größte Sünde ist, daß er geboren ward.“
―Pedro Calderón de la Barca
- https://gutezitate.com/zitat/134500
ich dachte diesen Gedanken auch bei Lucan gelesen zu haben, finde aber aktuell dazu nichts mehr.
Re: μὴ φῦναι τὸν ἁπάντα νικᾷ λόγον
Aurora schrieb am 05.10.2023 um 08:35 Uhr (Zitieren)
Welches Wort steht da im Original für Sünde?
Sünde in welchem Sinn?
Re: μὴ φῦναι τὸν ἁπάντα νικᾷ λόγον
mitleser schrieb am 09.10.2023 um 19:32 Uhr (Zitieren)
vermutlich war es doch Seneca, wo ich es gelesen hatten; hier findet sich einiges dazu: