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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Assyrische Zeugnisse von Sammuramat (422 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 01.10.2023 um 00:31 Uhr (Zitieren)
In Assur wurde eine Abfolge von Grabsäulen (Stelen) ausgegraben, die assyrischen Herrschern und Staatsbeamten gewidmet waren. Inmitten der Königsstelen liegen drei Grabsäulen, die Frauen gewidmet sind. Es handelt sich um die Königinnen Sammuramat, Taschmetu-scharrat und Assur-scharrat. Die beiden letzteren sind die Frauen von König Sanherib (705-681 v.u.Z.) und von König Assurbanipal (669-631). Die erste ist Semiramis. Sanheribs und Assurbanipals Frauen werden mit fünfzeiligen Inschriften bedacht: in beiden wird lediglich der Name der Königin genannt sowie deren Beziehung zum Herrscher. Anders hingegen Sammuramats Inschrift, die sieben Zeilen umfaßt.
Stele von Sammuramat
Königliche Frau von Schamschi-Adad,
König der Gesamtheit, König Assyriens,
Mutter von Adad-narari,
König der Gesamtheit, König Assyriens,
Schwiegertochter von Salamanassar,
König der vier Weltgegenden.

Und dann gibt es noch eine Inschrift des Gouverneurs von Kalchu, Bel-tarsi-illuma, in dem auf Initiative der Sammuramat eingerichteten Tempel des babylonischen Gottes Nabu auf dessen Statue in Kalchu:
Für Nabu, den Mächtigen, den erhabenen Sohn von Esagila, denjenigen, welcher alle an Weisheit übertrifft (1), den majestätischen Prinzen, den Sohn von Nudimmud, dessen Wort Vorrang hat, den Meister der Künste, Hüter des Himmels und der Erden, denjenigen, der alles kennt, dessen Geist offen ist, der den Schreibergriffel in der Hand hält, denjenigen, der eine Künstlerhand besitzt, den Gnadenvollen, denjenigen, dem man nahen darf, von dem Schönheit und Kraft der Menschenwesen kommen; den Liebling Enlils, des Herrn der Götter, dessen Macht ohnegleichen ist, ohne den im Himmel kein Ratschluß erfolgt; den Barmherzigen, denjenigen, der Mitleid empfindet, dessen Vergebung großmütig ist, der in Ezida zu Kalchu wohnt;
für den großen Herrn, für seinen Herrn, zum Wohl von Adad-nanaris Leben, König von Assyrien, seinem Herrn, und für das Wohl von Sammuramats Leben, der königlichen Frau, seiner Herrin, hat Bel-tarsi-ilumma, Gouverneur von Kalchu, Chamedi, Sirgana, Temeni, Jaluna [diese Statue] errichten lassen und für sein eigenes Leben – lange Tage und zahlreiche Jahre -, für den Frieden seines Hauses und seines Vol-kes, für die Befreiung von Krankheiten dargebracht.
O Mensch, der du nach mir kommen wirst, vertraue in Nabu. Traue keinem anderen Gott!

(Giovanni Pettinato: Semiramis. Herrin über Assur und Babylon. München 1991, S. 34-37; 260 f.)

(1) Nabu war der babylonische Gott der Weisheit, des Wissens und der Schrift.

Beide Inschriften sind außergewöhnlich, die letztere im Hinblick auf die Betonung von Weisheit, Kultur und Barmherzigkeit.

Re: Assyrische Zeugnisse von Sammuramat
Γραικύλος schrieb am 01.10.2023 um 00:34 Uhr (Zitieren)
Auch "Traue keinem anderen Gott!" ist eine bemerkenswerte Formulierung.
Re: Assyrische Zeugnisse von Sammuramat
Aurora schrieb am 01.10.2023 um 10:38 Uhr (Zitieren)
Zu nabu weiß das Netzlexikon:

https://de.wikipedia.org/wiki/Nabu_(Gott)

Interessant daraus u.a.
Mit einer Leier in der linken und einem Plektrum in der rechten Hand, wie er auf einem Relief von Dura Europos, das den Namen Nabus trägt, dargestellt ist, gleicht er sich dem griechischen Apollon an.

Nabu findet unter der Bezeichnung Nebo in Jesaja 46,1 EU; Jeremia 39,3 EU; Erwähnung im Alten Testament der Bibel.


vgl:
Nebukadnezars Name war offenbar programmatisch am Vorfahren Nebukadnezar I. orientiert und bedeutet „Der Gott Nabū schütze meinen ersten Sohn“.

Inzwischen ist der Schutz der Herrscher durch
Gottheiten verzichtbar geworden.
Dafür hat man heute das Militär, solange es
bei der Stange bleibt und Privilegien genießt wie
etwa in Nordkorea und anderen Diktaturen.
Und die Zeiten des Gottesgnadentums sind auch
passe.
Re: Assyrische Zeugnisse von Sammuramat
filix schrieb am 01.10.2023 um 12:04 Uhr (Zitieren)
… den Schreibergriffel in der Hand hält, denjenigen, der eine Künstlerhand besitzt, den Gnadenvollen, denjenigen, dem man nahen darf, von dem Schönheit und Kraft der Menschenwesen kommen; den Liebling Enlils …


Da geht dem Abendländer aus der Wiege der Renaissance offenbar der Schreibgriffel durch, denn einer anderen Übersetzung zufolge geht es hier weder um Kunst noch Schönheit des Menschen, vielmehr um die Beherrschung des Schreiberhandwerks an sich und meines Erachtens um religiös legitimierte Bevölkerungspolitik (siehe https://de.m.wikipedia.org/wiki/Zwangsumsiedlungen_im_Assyrischen_Reich):


… the holder of the tablet stylus, learned in the scribal art, merciful (and) judicious, who has the power to depopulate (and) repopulate (a country), beloved of the god Ellil …

Grayson, A.K., 1996. Assyrian Rulers of the Early First Millennium BC II (858-745 BC) (Royal Inscriptions of Mesopotamia. Assyrian Periods. Volume 3), Toronto: University of Toronto Press, pp. 227




Re: Assyrische Zeugnisse von Sammuramat
Γραικύλος schrieb am 01.10.2023 um 14:29 Uhr (Zitieren)
Vor einer abweichenden Übersetzung ist man nie sicher, vor allem, wenn man das Original nicht lesen kann.
Die assyrischen Zwangsumsiedlungen sind bekannt, auch wenn Dein Link bei mir zu der Mitteilung "Diesen Artikel gibt es nicht" führt.
Ich hatte schon Selbstdarstellungen anderer assyrischer Könige vorgestellt, in denen sie eine große Rolle spielen.

Die Frage ist hier allerdings die, ob es in der Zeit, in der Sammuramat Einfluß auf die assyrische Politik hatte (die Zeit ihrer Regentschaft und der Herrschaft ihres Sohnes), eine andere Tendenz gab. Diese Ansicht vertritt Pettinato.
Es fällt auf, daß zu ihrer Zeit babylonische Götter im assyrischen Götterkosmos auftauchen. Und Nabu ist ein solcher. Inwiefern sollte er für assyrische Zwangsumsiedlungen stehen - zumal gerade die Babylonier von den Assyrern nie umgesiedelt wurden.
Das erschließt sich mir als Laie nicht.
Re: Assyrische Zeugnisse von Sammuramat
filix schrieb am 01.10.2023 um 19:02 Uhr (Zitieren)
Nach folgender Darstellung http://oracc.museum.upenn.edu/nimrud/ancientkalhu/thepeople/nabu/index.htm wandert Nabu zu Beginn des ersten Jahrtausends langsam in das assyrische Pantheon ein und ist zunächst eine Gottheit der Magnaten, erst am Ende des 8. Jahrhunderts eine des Königshauses. Zur Zeit der vorgestellten Inschrift gilt demnach:

This suggests that at this time Nabu did not feature in royal cult but was worshipped in a personal capacity by senior literate state officials.
This trend continued at Kalhu. When Assurnasirpal II made the city his capital in the early 9th century BC, a temple to Nabu was a very late addition to the citadel and did not feature royal inscriptions. In fact, a king is named in just two places in the temple itself. Twin statues of divine attendants, 1.8m high, were placed to look from the gateway of Nabu's antecella into the courtyard below—and into the tablet store opposite. They are dedicated to Nabu for the life of king Adad-nerari III PGP (r. 810-783 BC) and send a strong message of a personal relationship between the god and a human being.


Das klingt nicht nach Initative Sammuramats, deren politische Rolle offenbar sehr umstritten ist. Die Inschrift reflektiert demnach eher die religiöse Präferenz der assyrischen Führungseliten, in diesem Fall des Gouverneurs von Kalchu.

Zeugnisse für Zwangsumsiedlungen finden sich jedenfalls schon für Aššur-nâṣir-apli II, König von 883 bis 859 v. u.Z., der Kalchu zur Hauptstadt machte, auch wenn ihr Zenit im 8. und 7. Jhdt. lag. Die Bedeutung der Schrift als Herrschaftstechnik auch zum Zweck der Erfassung und Deportation von Menschen - die Assyrer erstellten Listen mit Zahlen deportierter Volksgruppen, die die imperiale Macht der Könige demonstrieren sollten - und dass für deren Durchführung die Gouverneure zuständig waren, hat zu mich zur Annahme veranlasst, dass es hier eherum Bevölkerungspolitik geht.
Re: Assyrische Zeugnisse von Sammuramat
Γραικύλος schrieb am 02.10.2023 um 14:43 Uhr (Zitieren)
In der Selbstdarstellung Salmanassars III.

https://www.albertmartin.de/altgriechisch/forum/?view=9810

werden babylonische Götter genannt, jedoch nicht Nabu. Er war der Schwiegervater von Sammuaramat.

Bei Adnad-narari III. taucht Nabu auf. Er war der Gatte von Sammuramat.
Auch bei ihrem Sohn kommt er vor.

Das beweist nicht den Einfluß Sammuramats, läßt ihn aber als möglich erscheinen.

Ginge es bei Nabu um den Schriftgott, der im Zusammenhang mit Deportationslisten steht, so wäre das m.E. nicht nur ein merkwürdiges Motiv für die Etablierung eines Gottes, sondern diese hätte auch schon früher stattfinden können.

Daß der Volksglaube dem amtlichen vorausging, wußte ich nicht.

Mir geht es aber darum, einen Grund dafür zu finden, daß die Sammuramat in der Semiramis-Version eine solch außergewöhnliche Popularität erlangt hat, daß man ihr alles mögliche (Äthiopien-Feldzug, Indien-Feldzug, Gründung Babylons, die berühmten Gärten) zugeschrieben hat.
Mythen, gewiß, aber hat in der Person dieser Frau etwas gelegen, das diese Mythen entzündet hat? Und wenn ja: was war es?

Für antike Frauen fällt mir nur ein einziges weiteres Beispiel ein: die skythischen Kriegerinnen, die zu den vielen, vielen Geschichten um die Amazonen geführt haben.
Re: Assyrische Zeugnisse von Sammuramat
filix schrieb am 02.10.2023 um 15:18 Uhr (Zitieren)
Dass Nabu bei Salmanassar III. nicht vorkommt, passt doch zur oben erwähnten These, dass der Gott erst bei den Funktionseliten populär war, das Königshaus zuletzt erobert hat.

Die Inschrift ist trotz Erwähnung der Herrscher m.E. eigentlich Ausdruck der Einstellung des Gouverneurs, den man als Sprecher des Schlusssatzes ansetzen kann. Der gehört zur Funktionselite, die die erwähnte Bevölkerungspolitik administriert hat.

So oder so klafft zwischen den beiden Übersetzungen eine erklärungsbedürftige Lücke, wobei Künstlerhand und Schönheit und Kraft des Menschen besagte Skepsis auf sich ziehen, auch wenn depopulation und repopulation vielleicht auf etwas anderes zielen.
 
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