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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Timon, der Menschenfeind (381 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 25.08.2023 um 00:03 Uhr (Zitieren)
Plutarch, Antonius 70:
Timon war ein Athener und hat ungefähr zur Zeit des Peloponnesischen Krieges gelebt, wie man aus den Komödien des Aristophanes und Platon (1) entnehmen kann, in denen er als Menschenfeind und Menschenhasser [δυσμενὴς καὶ μισάνθρωπος] verspottet wird. Er mied und verschmähte jeden Verkehr, nur den Alkibiades, als er noch jung und frech war, begrüßte er aufs herzlichste, und als Apemantos sich darüber wunderte und nach dem Grund fragte, sagte er, er liebe den Jüngling, weil er wisse, daß er viel Unglück über die Athener bringen werde [φιλεῖν ἔφη τὸν νεανίσκον εἰδὼς ὅτι πολλῶν Ἀθηναίοις κακῶν αἴτιος ἔσοιτο]. Diesen Apemantos allein ließ er zuweilen an sich heran, weil er ihm ähnlich war und sich ihn und seine Lebensweise zum Vorbild genommen hatte.

Einmal beim Choënfeste (2) speisten die beiden miteinander. Als da Apemantos sagte: „Wie schön ist doch unser Gastmahl, lieber Timon!“, erwiderte er; „Ja, wenn du nicht dabei wärst! [Εἴγε σύ, ἔφη, μὴ παρῆς]!“

Man erzählt auch, als die Athener einmal Versammlung hielten, sei er auf die Rednertribüne gestiegen und habe damit wegen der Ungewöhnlichkeit des Vorfalls Schweigen und große Erwartung erregt. Darauf habe er gesagt: „Ich habe ein kleines Grundstück, ihr Athener. Auf dem ist ein Feigenbaum gewachsen, an dem sich schon viele Bürger aufgehängt haben. Da ich nun den Platz bebauen will, so wollte ich das in al-ler Öffentlichkeit voraussagen, damit, falls etwa einige von euch Lust dazu haben, sie sich noch erhängen können, bevor der Feigenbaum gefällt wird. [μέλλων οὖν οἰκοδομεῖν τὸν τόπον ἐβουλήθην δημοσίᾳ προειπεῖν, ἵνα, ἂν ἄρα τινὲς ἐθέλωσιν ὑμῶν, πρὶν ἐκκοπῆναι τὴν συκῆν, ἀπάγξωνται.]“

(Plutarch: Große Griechen und Römer. 6 Bde. Herausgegeben von Konrat Ziegler. München 1979; Bd. 5, S. 371 f.)

(1) Dichter der Attischen Komödie bis in die 380er Jahre v.u.Z.
(2) Fest der Choës, der Krüge: der Wein wurde an diesem Tag aus den Fässern in die Krüge gefüllt.
Re: Timon, der Menschenfeind
Aurora schrieb am 25.08.2023 um 08:35 Uhr (Zitieren)
er liebe den Jüngling, weil er wisse, daß er viel Unglück über die Athener bringen werde

Was könnten ihm die Athener angetan haben?

so wollte ich das in al-ler Öffentlichkeit voraussagen, damit, falls etwa einige von euch Lust dazu haben, sie sich noch erhängen können, bevor der Feigenbaum gefällt wird

Krass, zynsicher geht es kaum noch.

Die Frage ist: Wie wird ein Mensch so?
Genetik? Sozialisierung? Oder beides?
Oder schlechte Erfahrungen mit Menschen?

Ich kann mich noch an diese Verfilmung erinnern:
https://www.werstreamt.es/film/details/7427/timon-von-athen/

Man verwechselt ihn manchmal mit
Cimon, über den Nepos und Plutarch berichten.

https://www.gottwein.de/Lat/nepos/cim01.php

http://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Roman/Texts/Plutarch/Lives/Cimon*.html

Zur Historizität sagt das Netz-Lexikon:

Timon, dessen Historizität unsicher ist, war laut Überlieferung der Sohn eines Echekratidas aus Kollytos. Aus Enttäuschung über seine Freunde und Mitbürger soll Timon sich von der Welt zurückgezogen und als Eremit vor den Toren Athens in einem turmähnlichen Haus gelebt haben. Später wurde er irrtümlich mit dem Philosophen Timon von Phleius gleichgesetzt. Er starb wegen Verweigerung ärztlicher Hilfe an einer Hüftverrenkung.
Re: Timon, der Menschenfeind
Γραικύλος schrieb am 25.08.2023 um 18:15 Uhr (Zitieren)
Es ist schwierig, etwas über die Hintergründe eines Charakters zu sagen, wenn man nicht einmal weiß, ob die Person überhaupt historisch ist.

Aber hast Du gelesen, welche namhaften Autoren sich mit diesem Timon befaßt haben? Offenbar gibt er literarisch doch etwas her in seiner Radikalität.

Für mich wäre in dieser Situation ja die Beziehung beendet:
Als da Apemantos sagte: „Wie schön ist doch unser Gastmahl, lieber Timon!“, erwiderte er; „Ja, wenn du nicht dabei wärst! [Εἴγε σύ, ἔφη, μὴ παρῆς]!“


Als historisch gesicherte Menschenfeinde fallen mir ein Ambrose Bierce und Henry Louis Mencken, Karl Kraus vielleicht und als Kunstfigur noch W. C. Fields.
Re: Timon, der Menschenfeind
Γραικύλος schrieb am 25.08.2023 um 18:20 Uhr (Zitieren)
Bei Wikipedia s.v. Feige finde ich noch:
Auch im Zusammenhang mit Selbstmord kommt der Feigenbaum vor. Cicero erwähnte, dass sich eine lebensmüde Frau an einem Feigenbaum erhängte, worauf der Nachbar den Witwer um Stecklinge bat.

Doch die dort angegebene Stelle Cicero, De oratore II 278 kann ich nicht verifizieren. Kann mir da jemand helfen?
Re: Timon, der Menschenfeind
Marcella schrieb am 26.08.2023 um 00:18 Uhr (Zitieren)
In Shakespeares "Timon von Athen" ermuntert Timon Straßendirnen, gegen Gold im Gewerbe fortzufahren, so dass möglichst viele Leute sich anstecken. Das geht in die Richtung des Feigenbaumes.

Re: Timon, der Menschenfeind
Auroraῳ schrieb am 26.08.2023 um 09:47 Uhr (Zitieren)
Re: Timon, der Menschenfeind
Bukolos schrieb am 26.08.2023 um 13:48 Uhr (Zitieren)
Zitat von Γραικύλος am 25.8.23, 18:20Doch die dort angegebene Stelle Cicero, De oratore II 278 kann ich nicht verifizieren.

Geht es darum, ob die Stellenangabe richtig ist, so lässt sich sagen, dass zumindest in der zweisprachigen Ausgabe von Nüßlein (Düsseldorf 2007) der Inhalt an bezeichneter Stelle zu finden ist. Geht es um den Vorgang, so habe ich meine Zweifel, ob sich dessen Historizität erweisen lässt. Der misogyne Witz, den Cicero den Großonkel Caesars im Rahmen seiner Witztheorie erzählen lässt, verweist über den Siculus möglicherweise auf in Kap. 217 erwähnte griechische Witzsammlungen, in denen anscheinend vor allem Sizilianer (neben Rhodiern und Byzantinern) als Protagonisten auftraten.
Re: Timon, der Menschenfeind
Γραικύλος schrieb am 26.08.2023 um 14:19 Uhr (Zitieren)
Nein, ich meinte nur die Stelle, habe aber inzwischen gemerkt, daß ich "Orator" mit "De oratore" verwechselt habe. Jetzt ist die Sache klar.
 
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