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Klage über den Untergang Sumers (383 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 08.08.2023 um 00:03 Uhr (
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(ca. 2000
v.u.Z.)
Um das Jahr 2000 eroberten die Elamiter das Reich Ibbisins und zerstörten damit die Dynastie Ur III, die letzte Herrschaft der Sumerer. Die Stadt Ur wurde völlig zerstört, Ibbisin selbst verschleppt. Darüber klagt das folgende Gedicht:
Der böse Sturmwind hat, die Zeit zu ändern
Und das Gesetz zu tilgen, ein Orkan, gewütet.
Er stürzte Sumers alte, rechte Ordnung,
Die Zeit der guten Herrscher ist dahin.
In Trümmern liegen nun des Landes Städte,
Und öde sind die Hürden, sind die Pferche.
Wo sind die schweren Rinder hinterm Gatter,
Wo sind die Schafe, die hier Lämmer warfen?
Das Wasser der Kanäle wurde bitter,
Und schüttres Gras deckt das Getreidefeld;
Die Steppe bringt nur „Wehkraut“ noch hervor.
Die Mutter heget keine Kinder mehr,
Nicht ruft der Vater zärtlich nach der Gattin,
Noch jauchzt die Liebste an des Mannes Brust.
Das Knie der Mutter wiegt die Kinder nicht,
Verstummt sind auch der Amme Schlummerlieder.
An fremdem Ort steht nun der Königssitz.
Wo mag man da gerechten Schiedsspruch finden?
Die Herrschaft wanderte in fremdes Land,
Auf das man mit gebeugtem Rücken schaut.
Der Götter Spruch hob die Gesetze auf,
Denn An sah seine Länder zornig an,
Und Enlils Blick fiel huldvoll auf die Feinde.
Ja, Nintu hat ihr eignes Werk verstoßen,
Den Strömen gar gab Enki neuen Lauf:
So haben An und Enlil es bestimmt.
Man trieb die Menschen aus der Heimat fort
Und führt‘ sie in der Feinde Länder weg,
Gen Abend höhnt der Subaräer sie,
Elam im Osten deckt mit Schmach sie zu.
Weh, Sumers König schied von dem Palaste,
Ins Elamiterland ging Ibbisin,
In ferne Zonen hin zu Anschans Grenze
Und glich dem Vogel, dessen Nest man störte,
Dem Fremden, der die Heimat nie mehr sieht.
Des Euphrat und des Tigris öde Ufer,
Die lassen wachsen nur noch böses Kraut.
Es wagt kein Mensch, die Straßen zu begehen,
Verängstigt hockt er in der Trümmerstadt,
In der nur Not und Tod noch Wohnung hat.
Die Hacke rastet überm Ackerland,
Der Hirte führt die Schafe nicht ins Feld,
Leer sind die Hürden, da die Rinder standen,
Nicht Milch noch Fett trägt man aus ihnen her.
Das Mutterschaf vergaß des Werfens ganz.
Tot ist das Wild, das durch die Steppe sprang,
Die Tiere finden keine Ruhstatt mehr,
Der Teich ist ausgeraubt und rings das Rohr.
Zertreten sind die wohlgehegten Beete,
Es welkt der Obstbaum und der Gärten Pracht.
So haben An und Enlil das Geschick bestimmt.
Das Wort des An – wer stürzte es wohl um,
Und wer vermöchte Enlils Rat zu ändern!
O Sumer, Land der Furcht, da Menschen zagen:
Der König ging, und seine Kinder klagen.
(Helmut Uhlig: Die Sumerer. Ein Volk am Anfang der Geschichte. Bergisch Gladbach 1989, S. 241-243)