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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Das Gesetzbuch des Urukagina (323 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 03.08.2023 um 00:07 Uhr (Zitieren)
Sumer, Lagasch, um 2350 v.u.Z.

Urukagina war als Herrscher der sumerischen Stadt Lagasch Nachfolger des als tyrannisch angesehenen Lugalanda, gegen dessen Willkürherrschaft sich die Dekrete Urukaginas wenden.
Als Ningirsu, der Krieger Enlils, Urukagina das Königtum von Lagasch verliehen hatte, hat er die alten Bestimmungen wiederhergestellt. Er schaffte die Aufseher über Geldabgabe wegen eines weißen Schals, eines Lammes, ab. Er entfernte die Aufseher über die Abgaben, welche die Priester in den Palast brachten. In den Grenzen Ningirsus gab es keine Aufseher mehr. Wenn ein Toter in sein Grab gelegt wurde, so hat der Priester drei Urnen Bier als sein Getränk, 80 Brote als seine Speise, ein Bett und ein Böckchen für sich genommen. (1) Der Priester keines Ortes drang mehr in den Garten der Mutter des Armen ein. Wenn einem Untertanen des Königs ein guter Esel geboren wurde und sein Vormann zu ihm gesagt hat: „Ich will ihn dir abkaufen!“, so soll er, wenn er mit dem Kauf einverstanden ist, zu ihm sagen: „Geld, soviel mir gut scheint, zahle mir!“ So ordnete er es an und befreite auf diese Weise die Leute von Lagasch von Dürre, Diebstahl und Mord. Er setzte die Freiheit ein. Der Waise und der Witwe tat der Mächtige kein Unrecht mehr an. Mit Ningirsu hat Urukagina diesen Vertrag geschlossen.

(Helmut Uhlig: Die Sumerer. Ein Volk am Anfang der Geschichte. Bergisch Gladbach 1989, S. 195)

(1) Unter Lugalanda waren üblich gewesen: sieben Urnen Bier, 420 Brote und 120 Sila Korn sowie ein Kleid, ein Böckchen und ein Bett.
Re: Das Gesetzbuch des Urukagina
Γραικύλος schrieb am 03.08.2023 um 00:17 Uhr (Zitieren)
Uhlig vertritt den Standpunkt, daß dies das älteste Gesetzbuch der Welt sei. Man kann es jedenfalls als Gesetzbuch auffassen.
Re: Das Gesetzbuch des Urukagina
Marcella schrieb am 03.08.2023 um 13:21 Uhr (Zitieren)
Das kann man auch. Was das kodifizierte Recht angeht, waren die Mesopotamier dem Westen in der Tat 2000 Jahre voraus.. Da sind die Athener Drakon und Solon zu nennen.
Recht gut sind die Verhältnisse in Lagasch bekannt, , s.o. Der Stadtkönig "ensi" war persönlich der Gottheit Ningirsu und ihren göttlichen Stellvertretern, die in allen Ressorts mitwirtschafteten, verpflichtet und gehalten, sich z.B. um Witwen und Waisen zu kümmern und sie zu beschützen. Es handelt sich hier um die Schwächsten der Gesellschaft, wo dann das Gemeinwesen eintreten soll. Der König muss Garant für Rechtsfömigkeit sein, siehe die Textstelle oben.
Ein Gedanke, der den grobschlächtigen Helden der Ilias ziemlich fremd ist. Da gilt Raub und Mord als Heldentat - sofern man selber es verübt.
Mit welch unbekümmerten Stolz Nestor in Ilias 11, 670 ff. auf seinen jugendlichen Rinderraub mit Totschlag zurückblickt!
Herkules raubt einfach die Rinder des Geryon, findet es aber abscheulich, wenn Cacus ihm zwei davon wegholt. Wie der Name schon sagt: "Kakos"...
Es kommt stets darauf an, wer die Greueltaten verübt. Das fand ja Nietzsche so toll: Der Herrenmensch darf per se alles.

Atavistische Rechtsformen haben z.B. über die Friedenrichter-Schlichtungen zwischen den Clans von Essen und Recklinghausen wieder bei uns Einzug gehalten. Das ist fürwahr Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.
Re: Das Gesetzbuch des Urukagina
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 03.08.2023 um 13:50 Uhr (Zitieren)
Uhlig vertritt den Standpunkt, daß dies das älteste Gesetzbuch der Welt sei. Man kann es jedenfalls als Gesetzbuch auffassen.

Wobei ja auch nicht uninteressant ist, daß Urukagina "die alten Bestimmungen wiederher(ge)stellt", daß in seinen Anordnungen und deren schriftlicher Fixierung also (noch) älteres Recht kodifiziert wird.

Die Auffassung vom König als dem Garanten der gottgewollten Ordnung ist auch im (abendländischen) Mittelalter ein allfälliger Topos, und sie büßt wohl erst mit dem Ende der Kaiserreiche in Deutschland, Österreich und Rußland ihre staatslegitimierende Wirkkraft ein. Das ist schon eine beträchtliche Zeitspanne seit den Sumerern ...
Re: Das Gesetzbuch des Urukagina
Marcella schrieb am 03.08.2023 um 15:00 Uhr (Zitieren)
Die zum Beispiel habsburgische Kaisertradition als Hüter der "gottgewollten Ordnung" und damit ihrer ersten Diener hat sicherlich historische Wirkmächtigkeit entfaltet. Man sieht zum Beispiel, welch eine Rolle diese Vorstellung bei Maria Theresia spielt. Da lese man nur die wunderbare Biographie der Kaiserin von Stollberg-Rillinger.
Aber diese "gottgewollte Ordnung" erscheint uns Heutigen zum Teil naturrechtswidrig. Die gottgewollte Ordnung erlaubt wohl das "Bauernlegen" zugunsten des Adels - während der "Garten" des Armen unter Urukagina tabu sein sollte.
So ungebrochen ist diese Tradition m.E nicht.
Lt. Thorkild Jacobsen wäre das Selbstverständnis des Herrschers von Lagasch "sozusagen der Manager des göttlichen Gutshofs und des Stadtstaates". Dies würde zwar auch der Habsburger unterschreiben.
Der Unterschied liegt im Obrigkeitsbegriff, der die Ansprüche der Armen und Entrechtigten weniger oder mehr gelten lässt.

Gegen seinen anscheinend despotischen Vorgänger Lugalanda m u s s t e Urukagina sich besonders als Hüter des Rechts profilieren. Hier der Auszug aus dem Wiki-Artikel:

"Lugalanda war ein sumerischer König von Lagasch im 24. Jahrhundert v. Chr....
Aus der Regierungszeit Lugalandas liegen Dokumente vor, die jedoch alle den König in einem negativen Licht erscheinen lassen. Seine Herrschaft wird als eine Zeit der Korruption und des Unrechts gegenüber sozial Schwachen beschrieben. Inschriften zufolge soll sich auch der König durch das Beschlagnahmen von Land 650 Morgen desselben angeeignet haben. Nach neunjähriger Herrschaft wurde Lugalanda von Urukagina gestürzt."
Re: Das Gesetzbuch des Urukagina
Γραικύλος schrieb am 03.08.2023 um 23:47 Uhr (Zitieren)
Der Vergleich der Gesinnung in der "Ilias" mit der sumerischen fällt, Marcella, in der Tat nicht unbedingt zugunsten der Griechen aus.

In seiner Schrift "Zur Genealogie der Moral" vertritt Nietzsche die These, der hohe Wert des Mitleids mit den Schwachen sei zentraler Bestandteil einer Umwertung der Werte im Christentum bzw. einer Art Priesterverschwörung. Was das für ein Quatsch ist, sieht man auch hier.
Re: Das Gesetzbuch des Urukagina
Γραικύλος schrieb am 03.08.2023 um 23:50 Uhr (Zitieren)
Meine Bedenken, ob es sich hier wirklich um das älteste Gesetzbuch der Welt handele, sind eher formaler Art: Der Text ist eher eine Bericht als eine Rechtsnorm. Aber es stimmt, inhaltlich berichtet er über Gesetze, und insofern hier frühere Zustände wiederhergestellt werden sollen, stimmt es ebenfalls, daß es sich nicht um das älteste Gesetzbuch handelt, sondern nur um das älteste uns überlieferte.
Re: Das Gesetzbuch des Urukagina
Marcella schrieb am 04.08.2023 um 09:05 Uhr (Zitieren)
Stimmt, ein Gesetzbuch ist das nicht im eigentlichen Sinne, da der Wortlaut der Erlasse und Verordnungen nicht kompiliert ist. Es handelt sich lt. dem Zitat um einen Vertrag mit dem Stadtgott Ningirsu, der offenbar auf geregelten und sozialen Verhältnissen bestand.
Der König ist in Lagasch sozusagen die Anlaufstelle
für die Götter.
 
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