Die Übersetzung von Otto Veh macht daraus in nicht allzu wörtlicher Entsprechung: „Dies war, so gut wir es berichten können, Justinians Wesensart.“ I
ch verstehe den Gedanken, kenne die Worte, habe aber überhaupt keine Idee, wie der Satz grammatikalisch funktioniert.
Wie darf ich εἶχεν hier verstehen? Kommt daher ein AcI mit ἡμᾶς δύνασθαι φράσαι? Oder wird durch ὅσα dieser AcI ausgelöst? Ich finde zu beidem nichts in den Lexika. Bezieht sich εἶχεν auf τὰ ἐς τὸν τρόπον (weil n. Pl.)? Wenn ja, was heißt εἶχεν dann?
Wie könnte man den Satz, um ihn mir verständlich zu machen, näher an der griechischen Struktur übersetzen?
Herzlichen Dank
Maccius
Re: Prokop
Johannes schrieb am 01.08.2023 um 13:48 Uhr (Zitieren)
Für Justinian/Was J. betrifft verhielt es
sich hinsichtlich seines Charakters, soweit wir
es sagen/beurteilen können, ungefähr so.
εἶχεν < echei = es verhält sich (Imperfekt)
Re: Prokop
Bukolos schrieb am 02.08.2023 um 13:24 Uhr (Zitieren)
@Maccius: Auf deine Fragen zur Syntax ist Johannes ja nicht weiter eingegangen. Falls sie sich dir aus der Übersetzung nicht erschließen, scheue dich nicht, noch einmal nachzufragen!
Re: Prokop
Johannes schrieb am 02.08.2023 um 14:11 Uhr (Zitieren)
Die Erklärung für diesen Infinitivsatz ist mir entfallen.
Da gibt es eine Besonderheit im Griechischen, aber
welche?
Re: Prokop
Bukolos schrieb am 02.08.2023 um 15:02 Uhr (Zitieren)
Die Erscheinung wird meist als absoluter Infinitiv bezeichnet.
Re: Prokop
Johannes schrieb am 02.08.2023 um 18:30 Uhr (Zitieren)
Danke.
Will sagen?
Wie wird er erklärt? Herkunft?
Wann wird er verwendet?
Re: Prokop
Γραικύλος schrieb am 02.08.2023 um 18:40 Uhr (Zitieren)
Bornemann/Risch § 238.
Re: Prokop
Γραικύλος schrieb am 02.08.2023 um 23:56 Uhr (Zitieren)
Heißt auch limitativer Infinitiv.
Re: Prokop
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 03.08.2023 um 15:10 Uhr (Zitieren)
Als Randbemerkung:
Einem native speaker des rheinischen Platt (genauere Lokalisierung: Voreifel am Südzipfel der Euskirchener Börde) wie mir ist die folgende Konstruktion seit Kindertagen geläufig:
wievell datt dat ess (= wieviel daß das ist) -> wieviel das ist
Davon ausgehend wäre auch
suvell datt mer künne saaghe -> soviel wir sagen können
eine absolut neatürliche Ausdrucksweise; was wiederum mich dazu bringt, in ἡμᾶς δύνασθαι einen AcI (oder einen Rest davon) zu erspüren.
Re: Prokop
Bukolos schrieb am 03.08.2023 um 21:19 Uhr (Zitieren)
So ganz verstehe ich noch nicht, inwiefern das dialektal im Deutschen (namentlich ja auch im Bairischen) auftretende Phänomen des doppelt gefüllten Komplementierers mit dass zur Erhellung der Phrase beitragen kann, aber dass ein AcI vorliegt, war, glaube ich, unstrittig.
Zuerst einmal herzlichen Dank an alle Kommentierenden für die zahlreichen, erhellenden Antworten!
Ich frage in der Hoffnung auf weitere einmal munter weiter:
1. Ist ἔχει/ εἶχεν in der Bedeutung „es verhält sich so, dass (+AcI)“ so üblich? Ich habe im Lexikon auf Anhieb nichts gefunden. Funktioniert das quasi wie das lat. „constat“ (oder: res ita se habet, wenn man beim „haben“ bleiben möchte – aber das steht ja, soweit ich sehe, nicht mit AcI)?
2. Ist die Konstruktion des Satzes dann also quasi, wenn man es etwas gewaltsam aufs Lateinische überträgt, etwa folgende: Iustinano hos mores esse/fuisse, quantum dicere possum, constat? Ist im Griechischen genauso eine Form von „sein“ zu ergänzen?
3. Der Verweis auf den „absoluten/limitativen Infinitiv“ bei Bornemann/Risch für ὅσα γε ἡμᾶς δύνασθαι φράσαι ist sehr überzeugend, ich danke dafür, Γραικύλος! Inhaltlich passt es ja ganz wunderbar auf die Stelle: Einschränkungen des Inhaltes/der Aussagemöglichkeit in der Art von (ὡς) ἐμοὶ δοκεῖν.
4. Wenn man dies auch hier annimmt (eine AcI-Struktur), kann ich den Satz wie oben lateinisch paraphrasiert verstehen. Oder kann man doch diesen AcI irgendwie direkt von εἶχεν abhängen lassen? Nach der Art: Es verhält sich so, dass ich sagen kann, dass dem Iustinian diese Eigenschaften zu eigen waren?
Re: Prokop
Bukolos schrieb am 05.08.2023 um 14:17 Uhr (Zitieren)
In Abhängigkeit von εἶχεν würde ich hier keinen AcI sehen. Auch würde ich εἶχεν nicht unpersönlich auffassen, sondern τὰ ἐς τὸν τρόπον als sein Subjekt sehen wollen: "Der Bereich, der sich auf den Charakter bezieht (τὰ ἐς τὸν τρόπον), verhielt sich (εἶχεν) ungefähr wie erwähnt (τῇδέ πη)."
Der metakommunikative Sprechakt ὅσα γε ἡμᾶς δύνασθαι φράσαι bleibt meiner Auffassung nach parenthetisch und aus dem semantische Gefüge herauslösbar (absolut). Da AcI- und Infinitivphrase im Griechischen prinzipiell dieselben syntaktischen Stellen besetzen können, sollte die Phrase ähnlich funktionieren wie ὡς εἰπεῖν. Analoges findet sich etwa bei ὅσον γέ μ̓ εἰδέναι (Aristophanes, Nubes 1252). Weitere Stellen bei Kühner/Gerth § 585, Anm. 3.