Γραικύλος schrieb am 29.07.2023 um 00:29 Uhr (Zitieren)
Inanna oder Ischtar, Tochter des Himmelsgottes An, war in Mesopotamien als Göttin zuständig für Himmel, Fruchtbarkeit, Liebe, Krieg und Tod. Eine bemerkenswerte Kombination.
(Helmut Uhlig: Die Sumerer. Ein Volk am Anfang der Geschichte. Bergisch Gladbach 1989, S. 101)
Re: Ein Hymnus der Inanna
Marcella schrieb am 30.07.2023 um 13:14 Uhr (Zitieren)
Inanna-Ischtar: Eine dem Selbstanspruch nach ganz gewaltige Göttin mit universalem Anspruch. Man vergleiche damit nur die durchgängige Aphrodite-Abwertung in der Ilias, dies blöde, zaghafte, wehleidige Girl. Die Abwertung geht auch gegen alle anderen Göttinnen.
Gerda Lerner hat in ihrem Buch_Die Entstehung des Patriarchats auch den ideologisch-religiösen Niedergang der weiblichen Göttheiten seit dem 2. Jahrtausend verfolgt. Marduk, als ein neuer Himmelsfürst, hat viele der weiblichen Macht-Embleme übernommen.
Hier zum Vergleich dazu eine der "Ich bin Isis"-Hymnen - nebst dem Hymnus des Apuleius. Hier ist keine Spur von Abwertung.
Isis-Aretalogie von Kyme aus dem 1. Jahrhundert:
Isis bin ich, die Beherrscherin des ganzen Landes
…
Ich bin des Kronos älteste Tochter.
Ich bin Weib und Schwester des Königs Osiris.
Ich bin es, die den Menschen Frucht erfunden hat.
Ich bin die Mutter des Königs Horos.
Ich bin es, die im Sternbild des Hundes aufgeht.
…
Ich habe das Recht stärker als Silber und Gold gemacht.
Ich habe festgelegt, dass die Wahrheit als gut anerkannt werde. Ich habe die Verträge erfunden.
Ich habe den Griechen und den Barbaren die Sprachen verordnet.
Re: Ein Hymnus der Inanna
Γραικύλος schrieb am 30.07.2023 um 23:20 Uhr (Zitieren)
Meinst Du mit dem Hymnus des Apuleius diesen hier?
Marcella schrieb am 01.08.2023 um 09:39 Uhr (Zitieren)
Ich meine die Epiphanierede der Isis im elften Buch des "Goldenen Esels" des Apuleius. Hier spricht eine ebenso machtvolle wie erbarmende Gottheit. Die Himmelskönigin Maria hat nicht wenige Attribute und Eigenschaften von ihr übernommen.
»Schau! Dein Gebet hat mich gerührt. Ich, Allmutter Natur, Beherrscherin der Elemente, erstgeborenes Kind der Zeit, Höchste der Gottheiten, Königin der Manen, Erste der Himmlischen; ich, die in mir allein die Gestalt aller Götter und Göttinnen vereine, mit einem Wink über des Himmels lichte Gewölbe, die heilsamen Lüfte des Meeres und der Unterwelt klägliche Schatten gebiete. Die alleinige Gottheit, welche unter so mancherlei Gestalt, so verschiedenen Bräuchen und vielerlei Namen der ganze Erdkreis verehrt – denn mich nennen die Erstgeborenen aller Menschen, die Phrygier, pessinuntische Göttermutter – ich heiße den Atheniensern, Kindern ihres eigenen Landes, kekropische Minerva; den eiländischen Kypriern paphische Venus; den pfeilführenden Kretern dictynnische Diana: den dreizüngigen Siziliern stygische Proserpina; den Eleusinern Altgöttin Ceres. Andere nennen mich Juno, andere Bellona, andere Hekate, Rhamnusia andere. Sie aber, welche die aufgehende Sonne mit ihren ersten Strahlen beleuchtet, die Äthiopier, auch die Arier und die Besitzer der ältesten Weisheit, die Ägypter, mit den angemessensten eigensten Gebräuchen mich verehrend, geben meinen wahren Namen mir: Königin Isis. – Ich erscheine Dir aus Erbarmen über Dein Unglück; ich komme zu Dir in Huld und Gnaden. Hemme denn den Lauf Deiner Tränen! Stelle ein Dein Trauern, Dein Klagen! Der Tag Deines Heils ist da, kraft meiner Allmacht; öffne nur Deine betrübte Seele meinem göttlichen Gebote!
Der Tag, welcher auf diese Nacht folgt, ist mir durch uralte Gewohnheit geheiligt. Die Winterstürme sind vorüber, des Meeres Ungestüm hat sich gelegt; die Schiffahrt beginnt: Meine Priester weihen mir ein neugezimmertes Schiff und opfern mir die Erstlinge jeglicher Ladung. Erwarte ihren heiligen Zug weder mit schüchternem noch frechem Gemüt. Auf mein Geheiß wird der Hohepriester einen Rosenkranz in der rechten Hand am Sistrum hangen haben. Dränge nur unverzüglich Dich durch die Menge hindurch, gehe im Vertrauen auf meinen Schutz getrost dem Zuge entlang, bis Du Dich so nahe bei dem Hohenpriester befindest, daß Du unter dem Scheine eines Handkusses unvermerkt einige Rosen ihm rauben kannst: sofort wirst Du die Gestalt dieses garstigen, mir längst verhaßten Tieres ablegen! Fürchte bei Ausführung dieses meines Gebots keine Schwierigkeit; denn in diesem selbigen Augenblicke, da ich hier vor Dir stehe, bin ich auch dort meinem Hohenpriester im Traume gegenwärtig und offenbare ihm, was geschehen wird, und wie er sich dabei zu verhalten habe. Auf meinen Befehl soll vor Dir das herzudrängende Volk Platz machen. Niemand soll bei der frohen Feierlichkeit und dem festlichen Schauspiele Scheu vor diesem Deinem häßlichen Ansehen tragen noch soll irgendein böser Ausleger Deine plötzliche Umwandlung boshafterweise verunglimpfen. Nur sei eingedenk und verliere nicht aus Deinem Gedächtnis, daß mir von nun an Deine übrigen Tage bis auf Deinen letzten Odemzug verbürgt sind! Denn billig bist Du derjenigen, durch deren Wohltat Du wieder unter die Menschen zurückkehrst, Dein ganzes Leben schuldig. Inzwischen wirst Du glücklich, wirst Du rühmlich unter meinem Schutze leben, und wann Du hier Deinen Weg vollendet hast und zur Unterwelt hinabwandelst, so wirst Du auch dort, auf jener unterirdischen Halbkugel, mich, die Du vor Dir siehst, die ich des Acherons Finsternisse erleuchte und in den stygischen Behausungen regiere, als ein Bewohner der elysischen Gefilde fleißig anbeten und meiner Huld Dich zu erfreuen haben. Ja, wofern Du Dich durch unablässigen Gehorsam, durch gewissenhafte Beobachtung meines Dienstes, durch strenge Fasten und Keuschheit genugsam um meine Gottheit verdient machst: so wirst Du auch erfahren, daß es allein in meiner Macht steht, Dir selbst das Leben zu fristen bis über das vom Schicksal Dir bestimmte Ziel hinaus.«
Nachdem die ehrwürdige Gottheit also huldreich zu mir gesprochen, wich sie in sich selbst zurück.
Re: Ein Hymnus der Inanna
Γραικύλος schrieb am 01.08.2023 um 15:15 Uhr (Zitieren)
Ah ja. Das ist ihre selbstbewußte Antwort auf das folgende Gebet des in einen Esel Verwandelten:
(Apuleius: Der goldene Esel. Herausgegeben von August Rode. Frankfurt/Main 1975, S. 300 f.)
Re: Ein Hymnus der Inanna
Γραικύλος schrieb am 01.08.2023 um 15:16 Uhr (Zitieren)
(Darauf hatte ich mit dem obigen Link schon verwiesen.)
Re: Ein Hymnus der Inanna
Marcella schrieb am 03.08.2023 um 18:33 Uhr (Zitieren)
Interessant ist, dass Isis in ihrer Rede sowie im Gebet des armen Esels hier gleichermaßen machtvolle Unterweltsgottheit ist: Stygische Proserpina, Königin der Manen, Hekate.
Wenn sie des Phöbus Schwester ist, ist sie auch Artemis, deren schillernde Identität auch als Mond-und Höllengottheit, Herrin der Tiere usw. etwas recht Wildes und Unterweltliches hat.
Synkretismus ist doch was Schönes und verhindert jedwede fromme Ideologie.
Re: Ein Hymnus der Inanna
Γραικύλος schrieb am 03.08.2023 um 23:52 Uhr (Zitieren)
Ähnlich erstaunlich ist, daß sie für Liebe und Krieg steht. Da kann man geradezu ins Grübeln kommen.
In der Interpretatio Graeca wird sie ja der Aphrodite gleichgestellt; doch das wird ihr nicht gerecht.