Γραικύλος schrieb am 18.07.2023 um 00:03 Uhr (Zitieren)
Plutarch, Quaestiones Romanae 108:
(Moralia 289 D-E)
(Plutarch: Römische Fragen. Ein virtueller Spaziergang im Herzen des alten Rom. Hrsg. v. John Scheid. Darmstadt 2012, S. 106-109)
Mir fällt zweierlei auf:
1. Daß Plutarch das als ernstzunehmende Frage, vielleicht sogar als römische Besonderheit ansieht.
2. Daß er dasjenige Argument, welches einem heute als erstes einfällt, nicht einmal in Erwägung zieht.
Re: Verwandtenehen
filix schrieb am 19.07.2023 um 11:53 Uhr (Zitieren)
Falls das Argument auf das genetische Risiko für Defekte abstellen sollte, ist das wenig verwunderlich, denn die bis heute verbreitete Praxis (Schätzungsweise 20 % der Weltbevölkerung bevorzugen eine Verwandtenehe, geschätzt mehr als 10 % sind mit einem Cousin 2. Grades oder einem engeren Verwandten verheiratet oder sind Nachkommen einer solchen Ehe) erhöht dieses zwar, aber nicht so drastisch, dass es bei dem Umgang damit in der Antike bzw. der damaligen Kindersterblichkeit überhaupt so leicht auffallen hätte können.
Bei so einer langen Tradition besitzerhaltend und Familienverband festigend motivierten Heiratspraxis vielleicht sogar im gesamten Mittelmeerraum erscheint die relative Zurückhaltung der Römer in der Frage schnell als Besondeheit.
Re: Verwandtenehen
Andreas schrieb am 19.07.2023 um 12:56 Uhr (Zitieren)
Γραικύλος schrieb am 19.07.2023 um 16:32 Uhr (Zitieren)
Ich stimme filix uneingeschränkt zu. Damit scheidet freilich das Inzucht-Argument als Erklärung für das Inzesttabu aus.
Re: Verwandtenehen
Γραικύλος schrieb am 19.07.2023 um 16:37 Uhr (Zitieren)
Wobei es m.W. irgendein Inzesttabu in allen Kulturen gibt, jedoch in sehr unterschiedlichen Ausformungen.
Re: Verwandtenehen
filix schrieb am 21.07.2023 um 11:09 Uhr (Zitieren)
Ich denke, das Inzesttabu bildet nur den Rand der Erörterung, Plutarch erwägt Motive für das Abgehen von einer an sich schon nicht als inzestuös wahrgenommenen Heiratspraxis. Es stellt sich auch die Frage, auf welchen Daten diese Beobachtung fußt, ob sie z.B. an das urbane Milieu Roms, das er bereist hat, gebunden ist, welche Rolle das soziale Organisationsmodell der ]gentes bei der Entwicklung der Exogamie spielte usf.