Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Platon über Sokrates (340 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 17.07.2023 um 00:07 Uhr (
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7. Brief:
Platon hat diesen autobiographischen Rückblick im Alter von über 70 Jahren verfaßt.
Damals, als ich jung war, ging es mir so wie vielen: Ich glaubte, sobald ich mein eigener Herr wäre, sofort an die öffentlichen Aufgaben der Stadt herangehen zu müssen. Und es ergaben sich für mich in den Dingen der Stadt Umstände folgender Art: Da viele die damalige Verfassung ablehnten, erfolgte ein Umsturz, und aus diesem Umsturz gingen einundfünfzig Männer als Leitende [ἄρχοντες] hervor, elf in der Stadt, zehn im Piräus – beide Kollegien zuständig für den Markt und was es sonst in beiden Orten zu verwalten gab -, und dreißig setzten sich als Leiter mit höchster Vollmacht ein. (1)
Von denen waren einige mir verwandt oder bekannt, und so forderten sie mich denn sofort auf mitzumachen, als wäre das meine Sache. Und was mir geschah, war bei meiner Jugend nicht verwunderlich: Ich glaubte nämlich, sie würden die Stadt aus ihrem ziemlich rechtlosen Leben zu einer gerechten Art führen und sie so verwalten; daher beachtete ich eifrig, was sie tun würden.
Doch als ich sehen mußte, wie diese Männer in kurzer Zeit die vorherige Verfassung noch als Gold erscheinen ließen – unter anderem wollten sie auch meinen lieben älteren Freund Sokrates, den ich nicht zögere, den gerechtesten seiner Zeit zu nennen [φίλον ἄνδρα ἐμοὶ πρεσβύτερον Σωκράτη, ὃν ἐγὼ σχεδὸν οὐκ ἂν αἰσχυνοίμην εἰπὼν δικαιότατον εἶναι τῶν τότε], zusammen mit anderen ausschicken, einen Mitbürger gewaltsam zur Hinrichtung zu holen, damit er denn an ihren Taten Anteil hätte, ob er wollte oder nicht; doch er widersetzte sich, nahm lieber die größten Gefahren auf sich, um nur nicht Mittäter bei ihren gottlosen Werken zu werden -, wie ich also das alles ansehen mußte, da befiel mich Abscheu, und ich zog mich aus diesen üblen Dingen heraus.
Nach nicht langer Zeit wurden die Dreißig gestürzt und mit ihnen die ganze damalige Verfassung. Wieder zog mich – nicht mehr so heftig, aber doch – das Verlangen, die öffentlichen Aufgaben der Stadt zu betreiben. Nun ist auch in jener aufgewühlten Zeit vieles geschehen, was man verabscheuen müßte (und es ist ja nicht verwunderlich, wenn in Zeiten des Umsturzes die Vergeltung für erlittene Angriffe härter ausfällt); und doch gingen [die], die damals wieder an die Macht kamen, mit großer Zurückhaltung vor.
Durch unglückliche Umstände wiederum holten einige der neuen Machthaber unseren Freund, jenen Sokrates, vor Gericht und erhoben eine äußerst ruchlose Anklage gegen ihn, die am allerwenigsten Sokrates verdiente: Wegen Gottlosigkeit nämlich klagten ihn einige an, andere stimmten für schuldig und ließen ihn hinrichten – ihn, der damals an dieser ruchlosen Heimführung eines ihrer damals mit ihnen verbannten Freunde nicht hatte teilnehmen wollen, als es ihnen selbst in der Verbannung schlecht ging.
(324b-325c)
(1) Die Verfassung Athens unter den „dreißig Tyrannen“ (404/403
v.u.Z.) wird hier anders beschrieben als in Aristoteles‘
Verfassung der Athener und Xenophons
Hellenika .
Re: Platon über Sokrates
Johannes schrieb am 17.07.2023 um 12:51 Uhr (
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Re: Platon über Sokrates
Γραικύλος schrieb am 17.07.2023 um 15:35 Uhr (
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Auf den 7. Brief bin ich gekommen, weil in einem anderen Forum jemand ohne jeden Beleg behauptet hat, es habe einen späten Streit zwischen Sokrates und Platon gegeben und Platon habe sich von seinem Lehrer abgewandt.
Ihn, diesen Menschen, wollte ich darauf hinweisen, was zu diesem Thema aus der Antike überliefert ist.
Der Wikipedia-Artikel ist gut.