Γραικύλος schrieb am 16.07.2023 um 00:02 Uhr (Zitieren)
Plutarch, Quaestiones Romanae 96:
(Moralia 286 E – 287 A)
(Plutarch: Römische Fragen. Ein virtueller Spaziergang im Herzen des alten Rom. Hrsg. v. John Scheid. Darmstadt 2012, S. 98 f.)
Eine der wenigen mir bekannten Stellen in der paganen Antike, in der Sexualität als solche mit Unreinheit in Verbindung gebracht wird
Re: Die Hinrichtung von Vestalinnen
Bukolos schrieb am 17.07.2023 um 12:43 Uhr (Zitieren)
Von Reinheit bzw. Unreinheit der Sexualität ist im Text allerdings nicht die Rede: Ἡ τὸ πῦρ ὁσίως μὴ φυλάξα ist ja zunächst einmal nur eine Frau, die das Feuer nicht den Vorgaben des Kultes entsprechend gehütet hat.
Re: Die Hinrichtung von Vestalinnen
Γραικύλος schrieb am 17.07.2023 um 15:38 Uhr (Zitieren)
Das Vergehen besteht aber in ihrer praktizierten Sexualität, das Ideal in der Jungfräulichkeit. Insofern wird Sexualität mit Unreinheit in Verbindung gebracht, meine ich.
Re: Die Hinrichtung von Vestalinnen
Bukolos schrieb am 17.07.2023 um 20:23 Uhr (Zitieren)
Bewertungen der "Sexualität als solcher" (deine Formulierung) können, soweit ich sehe, dem Text nicht entnommen werden. Welcher Aspekt beim Verlust des Status der Jungfräulichkeit mit einer Praxis, die als ὁσίως bezeichnet werden kann, als unvereinbar angesehen wurden, bleibt offen. Zu klären wäre zunächst - und hierzu sind andere Quellen hinzuziehen -, wie im kulturellen Rahmen der Quelle der Verlust der Jungfräulichkeit definiert war (Defloration, Schwangerschaft, Geburt).
Re: Die Hinrichtung von Vestalinnen
Γραικύλος schrieb am 17.07.2023 um 23:27 Uhr (Zitieren)
Naturlich sind eine Schwangerschaft und erst recht eine Geburt verräterisch, aber was sie verraten, ist der Verlust der Jungfräulichkeit.
Die Lektüre des einschlägigen Artikels in DNP bestärkt mich in der Ansicht, daß es um die Wahrung der Keuschheit ging, die - in einer mir nicht ganz klaren Weise - für das öffentliche Wohl wichtig war.
Dort sind auch weitere Quellen angeben, die man sich in der Tat anschauen muß, um das Theme zu vertiefen.
In der Spätantike gab es offenbar eine Diskussion um den Vergleich mit dem christlichen Jungfräulichkeitsideal: Symmachus, Prudentius, Ambrosius.
Re: Die Hinrichtung von Vestalinnen
Bukolos schrieb am 18.07.2023 um 09:04 Uhr (Zitieren)
Das Problem liegt meiner Ansicht nach darin, dass uns der Text nicht mitteilt, weshalb der Kult fordert, dass die Vestalin eine παρθένος bzw. virgo sein sollte. Besteht der Grund darin, dass - wie du annimmst - der Geschlechtsakt selbst als unrein angesehen wurde? Und wenn ja: Bezog sich das nur auf die heterosexuelle Penetration oder auch auf homosexuelle Geschlechtspraktiken? Oder machte erst das Ausbleiben der Menstruation Frauen ungeeignet für den Kultdienst? Oder stellte der heranwachsende Embryo ein Problem dar, da hierdurch bspw. die Zahl der am Kult beteiligten Personen nicht mehr eindeutig bestimmbar war? Oder entstand vielleicht erst aus der Geburt eine Beschmutzung der Vestalin, die sie als für den Kult ungeeignet erscheinen ließ?
Der hiermit zusammenhängende Fragekomplex betrifft das Konzept der παρθενία. Deckt es sich mit unserem Konzept der Jungfräulichkeit? Ist der Status der παρθένος etwas, was bereits mit der Penetration endet oder erst mit der Entwicklung des befruchteten Embryos oder der Geburt? Geht παρθενία dauerhaft verloren oder lässt sie sich wiederherstellen?
Vor Klärung dieser Punkte wäre es, wie ich glaube, vorschnell, zu schließen, dass der Plutarchtext etwas darüber aussagt, ob Sexualität als solche für unrein angesehen wurde.
Re: Die Hinrichtung von Vestalinnen
Γραικύλος schrieb am 18.07.2023 um 16:07 Uhr (Zitieren)
Du stellst interessante Überlegungen an; solche Fragen habe ich mir nicht gestellt, und selbstverständlich beantwortet der Plutarch-Text sie nicht.
Allerdings weisen alle meine Kenntnisse zur παρθενία darauf, daß es um den sexuellen Umgang als solchen ging. So auch für die beiden jungfräulichen Göttinnen Athen und Artemis. Sie haben keinen Sex. Mit Männern nicht und, soweit ich es sehe, auch nicht mit Frauen. Letzteres wird man bei den Vestalinnen wohl nicht ausgesprochen finden, wäre auch schwer zu kontrollieren - ähnlich wie in Frauenklöstern. Der Nachweis kann ja nur erfolgen entweder in flagranti oder eben durch eine eingetretene Schwangerschaft.
Was ich gerne wissen möchte: Sind Deine Überlegungen grundsätzlicher Art, oder gibt es konkrete Hinweise aus der Antike darauf, daß das in der einen oder anderen Weise verstanden worden ist?
Re: Die Hinrichtung von Vestalinnen
Γραικύλος schrieb am 19.07.2023 um 16:38 Uhr (Zitieren)