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Phönix im Roman (944 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 11.07.2023 um 00:03 Uhr (
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Achilleus Tatios, Leukippe und Kleitophon III 24 f.:
In diesem Roman, aus dem hier schon zitiert wurde, geht es darum, daß ein Liebender seine in Ägypten von Räubern geraubte Geliebte sucht. Dabein helfen ihm offizielle Truppen, da es gegen Räuberbanden geht. Für diese Truppen ergibt sich aber nun eine Verzögerung.
24 [...] Kaum hatte er dies gesagt, da kam ein Sklave zu ihm geeilt, mit der Nachricht, es sei ein Kurier von der Armee im Delta angekommen, mit der Botschaft, daß die 2000 Mann noch einige Tage dort verweilen würden; die Barbaren hätten zwar von ihren Streitereien abgelassen; aber als die Armee hätte aufbrechen wollen, sei der heilige Vogel mit dem Leichnam seines Vaters bei ihnen angekommen; deshalb hätten sie den Aufbruch verschieben müssen.
„Was ist das für ein Vogel, der eine so große Auszeichnung genießt?“, sagte ich. „Was trägt er für einen Leichnam?“
25 „Phönix ist sein Name“, antwortete er mir; „er stammt aus Äthiopien und hat die Größe eines Pfaus; aber an Schönheit der Farbe steht ihm der Pfau nach; denn auf seinen Flügeln strahlt Gold und Purpur vermischt. Stolz nennt er die Sonne seine Gebieterin [αὐχεῖ δὲ τὸν Ἥλιον δεσπότην], und sein Kopf bezeugt es; denn ein schöner Kreis umkränzt ihn, und der Kranz ist das Bild der Sonne. Er ist dunkelfarbig, den Rosen ähnlich und schön von Ansehen. Prachtvoll strahlen seine Federn, wie die Sonne im Aufgang.
Die Äthiopier und Ägypter teilen sich in seinen Tod und seine Geburt; denn wenn er stirbt – und dies ist im höheren Alter -, trägt ihn sein Sohn zum Nil und beerdigt ihn auf folgende Weise. Er gräbt ein Stück der wohlriechendsten Myrrhe so groß, als zum Begräbnisse eines Vogels hinreicht, mit seinem Schnabel auf und höhlt es in der Mitte aus: dies ist der Sarg des Toten. Den Vogel fügt er in ein Behältnis, fliegt zum Nil und trägt ihn in die mit Erde aufgeworfene Gruft. Eine Schar von andern Vögeln folgt ihm gleichsam zur Bedeckung; der Vogel gleicht einem auswandernden König [καὶ ἔοικεν ὁ ὄρνις ἀποδημοῦντι βασιλεῖ] und kommt richtig in Heliopolis an; dies ist der Leichenzug des Toten.
Der Vogel stellt sich dann auf einen erhabenen Ort und erwartet die Priester des Gottes. Es kommt ein Priester mit einem Buche aus dem Heiligtum und prüft ihn nach der Schrift. Der Vogel weiß, daß man ihm nicht glaubt, enthüllt den Leichnam, zeigt ihn vor und wird sein Leichenredner. Die Priester des Sonnengottes empfangen den toten Vogel und begraben ihn. So lebt er in Äthiopien, und wird in Ägypten begraben.“
Von dieser Prüfung auf Echtheit durch die Priester ist m.W. sonst nicht die Rede.