Plutarch, Quaestiones Romanae 19:
„Διὰ τί τὸ Ἰανουάριον μῆνα νέου ἔτους ἀρχὴν λαμβάνουσι;“
Warum machen sie aus dem Monat Januar den Beginn des neuen Jahres?
Früher wurde der März als erster gezählt, wie es aus vielen Beweisen ersichtlich ist, und vor allem daraus, daß der Fünfte (= Quintilis) so genannt wurde, weil er der fünfte nach dem März [ἀπὸ τοῦ Μαρτίου (1)] ist, und der sechste Sechster (= Sextilis) und so weiter bis auf den letzten, den sie Dezember nennen, weil er der zehnte nach dem März (2) war.
Daher glauben und sagen manche, daß die damaligen Römer das Jahr nicht mit zwölf, sondern mit zehn Monaten ausfül-ten, indem sie einigen Monaten mehr als dreißig Tage gaben.
Andere im Gegenteil erzählen, daß der Dezember der zehnte Monat nach dem März (3) ist, der Januar der elfte und der Februar der zwölfte, in dem sie die Reinigungen durchführen und den Verstorbenen opfern, während das Jahr zu Ende geht. Die Ordnung der Monate sei geändert worden, und der Januar sei der erste geworden, weil am Tag des Neumondes, der Kalenden des Januar genannt wird, nach dem Fall der Könige, die ersten Konsuln eingesetzt worden seien.
Glaubhafter sind nun diejenigen, die sagen, daß Romulus, der kriegerisch und schlachtliebend war und als Sohn des Ares galt, den März, der nach Ares benannt ist, an die Spitze der Monate stellte. Numa (4) andererseits, der friedlich und darauf bedacht war, die Stadt zum Landbau hinzuwenden und von Kriegsdingen fernzuhalten, gab dem Januar den Vorrang und führte große Ehren für Janus ein, der eher ein Gott des Staates und des Ackerbaus war als ein Kriegsgott. (5)
Aber schau, ob Numa nicht eher den der Natur entsprechenden Jahresbeginn eingeführt hat, wie es bei uns üblich ist! Allgemein gibt es in einem Zyklus naturgemäß keinen letzten und keinen ersten Zeitpunkt, aber es entspricht einem Brauch, daß manche den einen Zeitbeginn wählen, andere einen anderen. Am besten aber handeln diejenigen, die den Beginn nach der winterlichen Sonnenwende setzen, wenn die Sonne, nachdem sie aufgehört hat, sich vorwärts zu bewegen, sich wendet und wieder zu uns zurückkehrt. Denn dieser Beginn ist in einer gewissen Weise natürlich für die Menschen, da er einerseits die Zeit des Lichtes für uns erweitert, andererseits die Zeit der Dunkelheit vermindert und den Herrn und Leiter des Flusses alles Bestehenden näher bringt.
(Moralia 268 A-D)
(Plutarch: Römische Fragen. Ein virtueller Spaziergang im Herzen des alten Rom. Hrsg. v. John Scheid. Darmstadt 2012, S. 32 f.)
(1) vom März an
(2) s.o.
(3) s.o.
(4) Numa Pompilius, der Sage nach zweiter König Roms
(5) Historisch geht die Verlegung des Amtsantritts der Konsuln vom 15. März auf den 1. Januar auf das Jahr 153
v.u.Z. zurück.