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Der Mensch und das Schiff des Theseus #2 (388 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 29.06.2023 um 14:26 Uhr (
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Bei Menschen ist es ähnlich. Menschen bestehen aus Teilchen, und das Verhalten dieser Teilchen bestimmt unser Verhalten. Aber diese Reduktion ist es nicht, was Menschen – oder eine andere komplexe Struktur – interessant macht. Was sie interessant macht, sind die emergenten Eigenschaften höherer Stufen. Menschen laufen herum unterhalten sich und schreiben Bücher. Manche von ihnen pflanzen sich fort. Andere fliegen zum Mond. Gefäße mit Flüssigkeiten machen so etwas nicht. Die wichtige Eigenschaft von menschlichen Wesen sind nicht ihre Bestandteile. Es ist die Art und Weise, wie diese Bestandteile angeordnet sind. Es ist die Information, die man braucht, um einen Menschen zu bauen, die Information, die einem sagt, was sie tun kann.
Ich meine damit nicht nur Ihren genetischen Code, denn Ihre Gene allein reichen nicht aus, um die Person zu definieren, die Sie heute sind. Ich meine all die notwendigen Details, die die Art und Weise bestimmen, wie alle Teile Ihres Körpers, wie sämtliche Moleküle miteinander interagieren. Dazu gehören die zahllosen kleinen (und großen) Erfahrungen, die Spuren in Ihrem Gehirn hinterlassen haben, Spuren der Nahrungsmittel, die sie gegessen haben, und die Luft, die Sie geatmet haben, Hinterlassenschaften früherer Krankheiten, Narben und Quetschungen – all das gehört zu dem, was Sie heute sind. Ihr Ich-Sein, was auch immer das genau ist, erwächst aus der Konfiguration der Teilchen, aus denen Sie bestehen. Soweit bekannt, könnten diese Eigenschaften auf unterschiedliche Weise entstehen.
Der kanadische Kognitionswissenschaftler und Philosoph Zenon Pylshyn illustrierte dies 1980 mit einem hübschen Gedankenexperiment. (4) Stellen Sie sich vor, Sie denken so vor sich hin und überlegen vielleicht, ob es Zeit für einen Kaffee ist. Nun stellen Sie sich vor, jemand entnähme Ihnen eine einzige Hirnzelle und ersetzte sie durch einen Silizium-Chip. Der Silizium-Chip ist so designt, dass er auf Input und Output Ihrer übrigen Hirnzellen genauso reagiert wie die Hirnzelle, die er ersetzt. Der Chip führt genau dieselben Funktionen aus wie die Hirnzelle zuvor und verbindet sich nahtlos mit anderen Neuronen im Gehirn. Verändert das irgendetwas an Ihrer Persönlichkeit? Verzichten Sie vielleicht plötzlich auf Kaffee und verlangen Tee? Nein. Warum würde es einen Unterschied machen? Schließlich hat sich nichts an der Art und Weise verändert, wie Ihr Gehirn Informationen verarbeitet. Gut. Nun tauschen Sie das nächste Neuron gegen einen Chip aus. Und dann das nächste. Auf diese Weise wird Ihr Gehirn Schritt für Schritt durch Siliziumchips ersetzt, bis es schließlich ganz aus Siliziumchips besteht. Sind Sie noch immer dieselbe Person?
Wie bei Theseus‘ Schiff hängt die Antwort davon ab, wie man Sie und dieselbe definiert. In gewissem Sinne sind Sie zweifellos nicht dieselbe Person, da Sie jetzt aus anderen physischen Komponenten bestehen. Aber die physischen Komponenten sind nicht das, was uns interessiert. Was uns interessiert, ist die Anordnung dieser Komponenten. Die Funktion, die sie ausüben, ist es, die Sie interessant macht. In diesem Sinn haben Sie sich nicht verändert. Sie können noch immer dieselben Funktionen ausüben, Sie sind noch immer genauso interessant wie zuvor.
Aber sind Sie tatsächlich noch dieselbe Person? An dieser Stelle wird die Physik relevant. Es ist eine Sache, zu schreiben, dass man ein Neuron durch einen Siliziumchip ersetzen kann, ohne die Gehirnfunktion in irgendeiner Weise zu verändern. Ob das tatsächlich möglich ist, ist eine völlig andere Frage. Der Ausdruck dieselbe (Person) in Pylshyns Gedankenexperiment nimmt implizit an, dass sich Neurone durch Chips ersetzen lassen, und zwar nicht nur so, dass die Unterschiede gering sind, sondern so, dass es keine Unterschiede gibt. Diese starke Annahme ist nötig, damit die Argumentation funktioniert. Wenn ich ein Kaffeemolekül durch ein Teemolekül ersetzen würde, würde das den Geschmack für Sie nicht verändern; es ist ein unmerklich kleiner Unterschied. Würde ich jedoch Molekül für Molekül ersetzen, würden Sie es irgendwann merken. Eine große Anzahl unmerklicher kleiner Veränderungen kann sich schließlich zu einer großen, merklichen Veränderung summieren. Woher wissen wir, dass nicht dasselbe bei dem beschriebenen Neuronenersatz passiert?
Natürlich lautet die Antwort, dass wir es nicht wissen, weil so etwas noch nie versucht wurde. [...]
(Sabine Hossenfelder: Mehr als nur Atome. Was die Physik über die Welt und das Leben verrät. München ²2023, S. 126-129)
(4) Zenon W. Pylshyn: Computation and Cognition: Issues in the Foundations of Cognitive Science, Behavioral and Brain Sciences 3, Nr. 1 (März 1980): 111 ff.