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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Der Mensch und das Schiff des Theseus #1 (281 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 28.06.2023 um 00:07 Uhr (Zitieren)
Wenn Sie mir auch nur annähernd ähnlich sind, sehen Sie sich selbst wahrscheinlich als physisch kompaktes, lokalisiertes Objekt an, die Füße am einen Ende, den Kopf am anderen. Dieses intuitive Selbstbildnis wurzelt jedoch nicht in der Wirklichkeit.

Die physische Zusammensetzung unseres Körpers verändert sich beständig. Wir tauschen einige der Teilchen, aus denen wir bestehen, jedes Mal, wenn wir atmen, essen oder trinken, gegen neue aus. Schließlich sind wir dadurch zu der Größe herangewachsen, die wir jetzt haben. Unser ganzes Leben lang nutzen wir Atome um, die zuvor zu anderen Tieren, zu Pflanzen, Böden oder Bakterien gehört haben, Atome, die im Urknall oder bei Sternfusionen entstanden. Eine Kohlenstoffdatierungsstudie im Jahr 2005 stellte fest, dass die Zellen im menschlichen Körper durchschnittlich nur sieben Jahre alt sind. Auch wenn uns einige Zellen fast unser ganzes Leben lang begleiten, werden unsere Hautzellen im Mittel alle zwei Wochen ausgetauscht, und andere (wie rote Blutkörperchen) werden alle paar Monate ersetzt. Physisch entsprechen wir daher weniger dem kompakten Objekt, das unser Selbstbild suggeriert, als dem Schiff des Theseus. (1)

In diesem 2500 Jahre alten Problem wird das Schiff des griechischen Helden Theseus in einem Museum aufgestellt. Im Lauf der Zeit beginnen Teile des Schiffs wegzubrechen oder zu verfaulen und werden Stück für Stück durch neue Teile ersetzt. Ein Seil hier, eine Planke dort, ein Mast. Schließlich ist keines der Originalteile mehr vorhanden. „Ist es noch immer dasselbe Schiff?“, fragten sich die griechischen Philosophen. Aus dieser antiken Debatte ist der Ausspruch hervorgegangen „Kein Mann steigt zweimal in denselben Fluss, denn es ist nicht derselbe Fluss und er ist nicht derselbe Mann“ (2), der gewöhnlich Heraklit zugeschrieben wird. (3) Wie so oft hängt die Antwort davon ab, wie man die Begriffe in der Frage definiert. Was ist mit dem Schiff und was ist mit dasselbe gemeint? Erst wenn man diese Begriffe definiert hat, kann man die Frage beantworten – und es gibt viele verschiedene Antworten. Keine Sorge, ich beabsichtige nicht, 2500 Jahre Philosophiegeschichte wiederaufzurollen – wir kommen gleich auf die Physik zurück -, aber Ehre, wem Ehre gebührt: Die alten Griechen erkannten bereits vor langer Zeit, dass die Be-standteile eines Objekts nicht das Einzige sind, was relevant daran ist. Selbst nachdem man alle Teile des Schiffs ausgetauscht hat, bleibt sein Konstruktionsplan – die Information, die man braucht, um es zu bauen – derselbe. Tatsächlich könnte man Information als dasjenige definieren, was unverändert bleibt, wenn man Teile des Schiffes ersetzt.

([Quelle: Sabine Hossenfelder, Mehr als nur Atome. Was die Physik über die Welt und das Leben verrät. München ²2023, S. 126-129)

(1) Vgl. Plutarch, Theseus 23 [Anm. Γ.]
(2) Ungenau zitiert; es heißt: “In dieselben Flüsse steigen wir und steigen wir nicht, wir sind und wir sind nicht.“ (Fr. 49a DK) [Anm. Γ.]
(3) Von Heraklit ist nichts dergleichen nachgewiesen. Ist ein Zitat, in dem ein Wort nach dem anderen ersetzt wurde, bis keines der ursprünglichen Wörter mehr übrig ist, noch dasselbe Zitat? Die Antwort sei als Übung dem Leser überlassen.

Wie seltsam schon der erste Satz! Ich möchte doch sagen, der Mensch sieht sich als Subjekt an.
Re: Der Mensch und das Schiff des Theseus #1
Γραικύλος schrieb am 28.06.2023 um 15:13 Uhr (Zitieren)
Ich denke, daß Frau Hossenfelders Begriff von Identität - Konstruktionsplan, Information - sich ein Problem einhandelt:
Nehmen wir an, ein Wärter des Museums, in dem das Schiff des Theseus ausgestellt und nach und nach erneuert wird, nimmt aus nostalgischen Gründen die ausgemusterten Bestandteile mit nach Hause und baut sie dort in seinem Garten wieder zusammen. Beide Schiffe folgen dann demselben Konstruktionsplan und derselben Information. Haben wir damit nicht zwei identische Schiffe?

Stanislaw Lem hat in seinem Buch "Dialoge" (1957) dieses Problem anhand des Nachbaus eines bestimmten Menschen, Atom für Atom, diskutiert. Auf diese Weise könnte z.B. die Person Philonous auf der Straße sich selbst begegnen.
Philonous jedenfalls lehnt diesen Begriff von Identität ab.

Zur Anwendung auf den Menschen vgl. Hossenfelder in "Der Mensch und das Schiff des Theseus #2".
 
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