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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Thomas Browne über den Phönix #2 (231 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 17.05.2023 um 13:51 Uhr (Zitieren)
[quote]Mehr noch: Alle, die seine Natur beschrieben haben, haben dies in so unterschiedlicher und gegensätzlicher Weise getan oder einander dermaßen widersprochen, dass man davon vernünftigerweise keine positive Aussage ableiten kann. Denn die meisten lehnen die Existenz des Phönix entschieden ab, während die andern, die daran glauben, diesen Namen ganz verschiedenen Vögeln geben oder irrtümlich zwei oder drei unter dem einen subsummieren. [...]

Und die Menschen glauben nicht nur ganz Unterschiedliches über den Phönix selbst; sie widersprechen sich auch erheblich in den Nebenumständen, die sie ihm zuschreiben; für einige lebt er dreihundert Jahre, für andere fünf- oder sechshundert oder gar tausend Jahre; einige sagen, er lebe in Äthiopien, andere in Arabien und wieder andere in Ägypten, Indien oder in Utopia. Er müsste also gerade so sein, wie Laktanz ihn beschrieben hat, ein Wesen, das weder Phaethons Feuerbrand versengen noch die Flut Deukalions verschlingen könnte. (9)

Und schließlich haben viele der Autoren, die über den Phönix schreiben, dies mit Absicht so gestaltet, dass wir dessen Existenz davon nicht ableiten und behaupten können. So haben einige, wie Ovid, Mantovano (10), Laktanz, Claudianus (11) und andere mehr, poetisch geschrieben. Einige haben mystisch geschrieben, wie Paracelsus in seinem Buch De Azoth sive De ligno & linea vitae (12) und verschiedene andere hermetische Philosophen, die dabei das Geheimnis ihres Elixiers andeuten und enigmatisch die Natur ihres großen Werks charakterisieren.

Andere wiederum haben rhetorisch geschrieben, das heißt einräumend und nicht abstreitend; sie greifen die Frage hypothetisch auf, nehmen den Phönix als gegeben an und ziehen daraus dann mühelos ihre Schlüsse. So haben sich geistliche Autoren des Phönix‘ als Argument für die Auferstehung bedient; sie konnten damit bei den Heiden, die ja schon an seine Existenz glaubten, von deren eigenen Prinzipien und Annahmen her die christliche Vorstellung der Auferstehung des Fleisches ableiten.

Wieder andere haben das emblematisch und hieroglyphisch ausgedrückt, darunter die Ägypter, denen der Phönix die Hieroglyphe der Sonne war. Hierin liegt vermutlich der Ursprung des ganzen Mythos, und die folgenden Zeiten haben dazu weitere Fabelelemente hinzugefügt, die zusammen dann diese einzigartige Geschichte gebildet haben, die nun jede Feder aufs Neue niederschreibt und verkündet. [...][/quote}
(Sir Thomas Browne: Der Garten des Cyrus. Wesentliche Werke. Hrsg. v. Manfred Pfister. Berlin 2022, S. 212-214)

(9) Siehe das Gedicht des Kirchenvaters Laktanz „De ave Phoenice“.
(10) Battista Mantovano (1447-1560), italienischer Dichter und Humanist
(11) Claudius Claudianus (4. Jhdt. u.Z.), in seinem Gedicht „Phoenix“
(12) Der Azoth ist eine alchemistische Substanz, die als Agent der Verwandlung wirkt.
Re: Thomas Browne über den Phönix #2
Γραικύλος schrieb am 17.05.2023 um 13:52 Uhr (Zitieren)
Mehr noch: Alle, die seine Natur beschrieben haben, haben dies in so unterschiedlicher und gegensätzlicher Weise getan oder einander dermaßen widersprochen, dass man davon vernünftigerweise keine positive Aussage ableiten kann. Denn die meisten lehnen die Existenz des Phönix entschieden ab, während die andern, die daran glauben, diesen Namen ganz verschiedenen Vögeln geben oder irrtümlich zwei oder drei unter dem einen subsummieren. [...]

Und die Menschen glauben nicht nur ganz Unterschiedliches über den Phönix selbst; sie widersprechen sich auch erheblich in den Nebenumständen, die sie ihm zuschreiben; für einige lebt er dreihundert Jahre, für andere fünf- oder sechshundert oder gar tausend Jahre; einige sagen, er lebe in Äthiopien, andere in Arabien und wieder andere in Ägypten, Indien oder in Utopia. Er müsste also gerade so sein, wie Laktanz ihn beschrieben hat, ein Wesen, das weder Phaethons Feuerbrand versengen noch die Flut Deukalions verschlingen könnte. (9)

Und schließlich haben viele der Autoren, die über den Phönix schreiben, dies mit Absicht so gestaltet, dass wir dessen Existenz davon nicht ableiten und behaupten können. So haben einige, wie Ovid, Mantovano (10), Laktanz, Claudianus (11) und andere mehr, poetisch geschrieben. Einige haben mystisch geschrieben, wie Paracelsus in seinem Buch De Azoth sive De ligno & linea vitae (12) und verschiedene andere hermetische Philosophen, die dabei das Geheimnis ihres Elixiers andeuten und enigmatisch die Natur ihres großen Werks charakterisieren.

Andere wiederum haben rhetorisch geschrieben, das heißt einräumend und nicht abstreitend; sie greifen die Frage hypothetisch auf, nehmen den Phönix als gegeben an und ziehen daraus dann mühelos ihre Schlüsse. So haben sich geistliche Autoren des Phönix‘ als Argument für die Auferstehung bedient; sie konnten damit bei den Heiden, die ja schon an seine Existenz glaubten, von deren eigenen Prinzipien und Annahmen her die christliche Vorstellung der Auferstehung des Fleisches ableiten.

Wieder andere haben das emblematisch und hieroglyphisch ausgedrückt, darunter die Ägypter, denen der Phönix die Hieroglyphe der Sonne war. Hierin liegt vermutlich der Ursprung des ganzen Mythos, und die folgenden Zeiten haben dazu weitere Fabelelemente hinzugefügt, die zusammen dann diese einzigartige Geschichte gebildet haben, die nun jede Feder aufs Neue niederschreibt und verkündet. [...]
 
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