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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Das Problem des Kriminalromans (380 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 16.05.2023 um 16:45 Uhr (Zitieren)
Ich bin sicher, daß ich mit diesem Text, sofern er ein Rätsel beinhaltet, Eulen nach Athen trage. Dennoch möchte ich ihn als einen weiteren Versuch, die Antike auf unorthodoxe Weise ins Gespräch zu bringen, vorstellen:
Wenn ich als Autor in einem Genre schreibe, in dem es schon ein mustergültiges und unüberbietbares Werk gibt, werde ich nervös. Und auch wenn ich kein Musiker bin, stelle ich mir die Frage, die ein Musikproduzent einst an Willy DeVille gestellt hat, als dieser „Hey Joe!“ aufnehmen wollte: „What can you do with this song that Jimmy didn’t?“ Was also kann man da noch machen, was das Machen lohnt? Wie kann man überhaupt nach Jimmy noch Gitarre spielen? Das Problem eines Künstlers.

Nehmen wir als Beispiel das Genre des Kriminalromans. Tausende, Hunderttausende, womöglich Millionen von Büchern erscheinen da. Welches künstlerische Ziel kann ein Autor da noch haben? Es gibt doch schon, unter all diesen Werken, das eine, das man schwerlich übertreffen kann:

Ein Mann erfährt, daß ein Verbrechen geschehen ist. Nicht irgendein Verbrechen, kein Mord aus Eifersucht oder Habgier, sondern das Verbrechen. Als Zuständiger beginnt er zu ermitteln ... und findet schrittweise heraus, daß er selber der Täter ist! Und dies, ohne die geringste Ahnung gehabt zu haben, daß er ein solches Verbrechen beging. Er ist gleichsam unschuldig zu dem wohl schlimmsten Verbrechen gekommen, das ein Mensch begehen kann. Er selbst, der Ermittler, kein anderer!

Und nun muß er mit dieser Verantwortung leben. Seine ebenfalls unwissende, bei der Tat ahnungslose Mittäterin zieht aus der Erkenntnis die Konsequenz des Suizids. Das tut er nicht, auch wenn seine Reaktion kaum weniger radikal ist.

Und um noch eines daraufzusetzen: Es gibt die Ansicht von Interpreten, daß wir alle auf eine gewisse Weise an einem derartigen Verbrechen beteiligt sind. Unwissentlich auch wir. Es geht also – wie große Kunst zumeist – uns, die Leser, selber an, es betrifft uns. Kann man als Künstler mehr erreichen?

Was sollte künstlerisch im Genre des Kriminalromans nach diesem Buch noch kommen? Natürlich, die Leser wollen Unterhaltung, wollen Ablenkung vom Alltag, wollen Stoff. Und den verschaffen ihnen die Lohnschreiber in zahllosen Produkten. Ein triviales Geschäft.

Vereinzelt gibt es dabei durchaus interessante Konstruktionen von Situationen, Motiven und überraschenden Wendungen. Doch die Masse der Whodunit-Produkte kommt nicht einmal in Sichtweite dieses einen Werkes und seiner drei entscheidenden Elemente: Das Verbrechen ist das schlimmstmögliche, der Ermittler selbst hat es unwissentlich begangen, und wir sind vielleicht sogar Mitschuldige. Was also jetzt noch schreiben, das das Prädikat Kunst verdient und doch weder ein Plagiat noch von minderem Wert sein soll?

Von welchem Buch ich da rede? Ein Rätsel.

Ein Rätsel, eines im klassischen Sinne des „Was ist das: ...?“, wird übrigens mit diesem Buch traditionell in Verbindung gebracht, was jedoch insofern irrig ist, als es in diesem Buch gar nicht vorkommt, sondern anderswo erwähnt wird.


Re: Das Problem des Kriminalromans
Bukolos schrieb am 17.05.2023 um 16:22 Uhr (Zitieren)
Zitat von Γραικύλος am 16.5.23, 16:45wir alle

Dein Zielpublikum ist ausschließlich männlich und heterosexuell, oder?
Re: Das Problem des Kriminalromans
Γραικύλος schrieb am 17.05.2023 um 16:36 Uhr (Zitieren)
Die Anspielung bezieht sich klarerweise auf Sigmund Freud und die Psychoanalyse, und da wird ja auch den Mädchen resp. Frauen ein analoges Begehren unterstellt.

Über das Zielpublikum kannst man sich hier informieren:
https://keinverlag.de/472205.text
Re: Das Problem des Kriminalromans
Γραικύλος schrieb am 17.05.2023 um 16:36 Uhr (Zitieren)
kannst --> kann
Re: Das Problem des Kriminalromans
Bukolos schrieb am 17.05.2023 um 16:52 Uhr (Zitieren)
Zitat von Γραικύλος am 17.5.23, 16:36da wird ja auch den Mädchen resp. Frauen ein analoges Begehren unterstellt

Das hatte ich anders in Erinnerung, aber ich schaue das bei Gelegenheit noch mal nach. Übrigens steht im Mittelpunkt der Ermittlungen des Ödipus doch der (ohne Mittäterin) begangene Mord an Laios, nicht wahr?
Re: Das Problem des Kriminalromans
Γραικύλος schrieb am 17.05.2023 um 18:21 Uhr (Zitieren)
Man sagt ja, Freud habe viele Mißbrauchsberichte seiner Patientinnen als Symptome frühkindlicher Sexualität mißdeutet, also als Wunschphantasien der Mädchen. Das lag so auf seiner Ödipus-Linie.

Und natürlich hat Iokaste nichts mit dem Mord an Laios (Totschlag, Körperverletzung mit Todesfolge, Notwehr - was hätte ein guter Rechtsanwalt daraus gemacht?) zu tun; Mittäterin ist sie im Falle des Inzests. Und der kommt ja im Zuge der Ermittlungen als Beipack heraus.
Re: Das Problem des Kriminalromans
Bukolos schrieb am 18.05.2023 um 17:54 Uhr (Zitieren)
In deiner Darstellung heißt es ja nun: "Ein Mann erfährt, daß ein Verbrechen geschehen ist. Nicht irgendein Verbrechen, [...] sondern das Verbrechen." Bei diesem ("dem") Verbrechen kann es sich, hält man sich an die Vorlage, nur um den Mord an Laios, das die Seuche auslösende Miasma handeln, von dem Ödipus im ersten Dialog mit Kreon erfährt (84 ff.). Was sich in deinem Text daran anschließt, sollte sich, will man ein gewisses Maß an Kohärenz in deinem Text voraussetzen, auf dieses eine Verbrechen beziehen, sowohl die "bei der Tat ahnungslose Mittäterin" als auch die "auf eine gewisse Weise an einem derartigen Verbrechen" beteiligten Leser.

*

Freud geht in seinem expliziten Bezug auf den Sophoklestext in der Traumdeutung von einem wie Ödipus männlichen Subjekt für den Ödipus-Konflikt aus:

Daß die Sage von Ödipus einem uralten Traumstoff entsprossen ist, welcher jene peinliche Störung des Verhältnisses zu den Eltern durch die ersten Regungen der Sexualität zum Inhalte hat, dafür findet sich im Texte der Sophokleischen Tragödie selbst ein nicht mißzuverstehender Hinweis. Jokaste tröstet den noch nicht aufgeklärten, aber durch die Erinnerung der Orakelsprüche besorgt gemachten Ödipus durch die Erwähnung eines Traumes, den ja so viele Menschen träumen, ohne daß er, meint sie, etwas bedeute:

„Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon
Sich zugesellt der Mutter: Doch wer alles dies
Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht.“ (V, 955 ff.)

Der Traum, mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird ebenso wie damals auch heute vielen Menschen zuteil, die ihn empört und verwundert erzählen. Er ist, wie begreiflich, der Schlüssel der Tragödie und das Ergänzungsstück zum Traum vom Tode des Vaters.

(Sigmund Freud, Die Traumdeutung, in: Gesammelte Schriften 2, Leipzig/Wien/Zürich 1925, S. 266.)


Der Versuch C. G. Jungs unter Bemühung des Elektrastoffs eine zum Ödipuskomplex analoge Theorie für das weibliche Geschlecht zu etablieren, wird von Freud zurückgewiesen:

Wir haben auch bereits erkannt, daß eine weitere Differenz der Geschlechter sich auf das Verhältnis zum Ödipuskomplex bezieht. Unser Eindruck ist hier, daß unsere Aussagen über den Ödipuskomplex in voller Strenge nur für das männliche Kind passen, und daß wir Recht daran haben, den Namen Elektrakomplex abzulehnen, der die Analogie im Verhalten beider Geschlechter betonen will.

(Sigmund Freud, Über die weibliche Sexualität, in: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XVII (1931), S. 320)
Re: Das Problem des Kriminalromans
Γραικύλος schrieb am 18.05.2023 um 22:47 Uhr (Zitieren)
Zunächst möchte ich feststellen, daß ich mit dem Verbrechen keineswegs nur den Mord am Vater meinte, sondern das Verbrechen an den Eltern, was Freud - wie ich Deinem Zitat entnehme - "jene peinliche Störung des Verhältnisses zu den Eltern" nennt.
Und an dem Inzest mit der Mutter ist halt auch die Mutter als Täterin beteiligt.
[Auch das 4. Gebot des Dekalogs" normiert ja die Beziehung zu beiden Eltern.]

Ferner habe ich mich in dem Text nicht, wohl aber in meiner Äußerung dazu, auf Freud "und die Psychoanalyse" fokussiert.
Daß der komplementäre Elektrakomplex 1. so heißt und 2. auf C. G. Jung zurückgeht und 3. von Freud abgelehnt worden ist, habe ich jetzt gelernt.

Wie aber steht es mit Freuds Konzept der frühkindlichen Sexualität bei den Mädchen? Hier bin ich jetzt (fürs erste?) so vorgegangen, daß ich im Lexikon der Psychiatrie, hrsg. v. Christian Müller; Berlin/Heidelberg/New York 1973 s.v. Ödipuskomplex nachgeschaut habe:
Das Wesen des Ödipuskomplexes beschrieb Freud erstmals 1900 im 5. Kapitel seiner Traumdeutung. Er machte ihn in der Folge zu einem Kernstück der psychoanalytischen Theorie. In der Traumdeutung wies er nach, "daß sehr frühzeitig die sexuellen Wünsche des Kindes erwachen - soweit sie im keimenden Zustand diesen Namen verdienen - und daß die erste Neigung des Mädchens dem Vater, die ersten infantilen Begierden des Knaben der Mutter gelten".

Also gibt es für Freud diese protosexuelle Neigung des Mädchens zum eigenen Vater schon.
Das deckt sich mit meiner Erinnerung, die ich an das Konzept hatte.
Jetzt fügt der Lexikonartikel allerdings hinzu:
Dies [sc. der Ödipuskomplex] gilt jedoch nach Freud nur bedingt für das weibliche Geschlecht, da beim letzteren die präödipale Anlehnung an die Mutter und die Identifizierung mit derselben nicht in ähnlich radikaler Weise wie beim Knaben unterbrochen bzw. aufgegeben werden müssen. Bei beiden Geschlechtern geht die Bewältigung des Ödipuskomplexes mit der Bewältigung des Kastrationskomplexes einher.

Salopp gesagt verstehe ich das so, daß bei Mädchen das Problem eine mildere Form annimmt; C. G. Jung ist da anscheinend noch einen Schritt weiter gegangen.

Daß Freud Mißbrauchsberichte (sexualisierte Gewalt gegen Kinder) seiner Patientinnen im Rahmen seines Konzepts von frühkindlicher Sexualität als Wunschphantasien ge- bzw. mißgedeutet hat, habe ich aus anderer Quelle, die ich erst eruieren müßte.

Muß ich jetzt etwas an meinem Text ändern? Bisher meine ich das nicht.
Re: Das Problem des Kriminalromans
Bukolos schrieb am 19.05.2023 um 14:38 Uhr (Zitieren)
quote=msg_9508_7]Das deckt sich mit meiner Erinnerung, die ich an das Konzept hatte.[/quote]
Gut, das mag erklären, wie du zu deiner Auffassung gelangt bist. Aber, wie aus den Freud-Zitaten deutlich geworden sein dürfte, bezieht Freud den Ödipus-Konflikt (um den es in deinem Text ja geht) ausschließlich auf die männliche Psyche und lehnt eine spiegelbildliche Entsprechung für das weibliche Geschlecht ab. C. G. Jungs Elektrakomplex hingegen rekurriert auf eine andere Tragödie.
Zitat von Γραικύλος am 18.5.23, 22:47Zunächst möchte ich feststellen, daß ich mit dem Verbrechen keineswegs nur den Mord am Vater meinte, sondern das Verbrechen an den Eltern

Die Schwierigkeit, deine Nacherzählung mit der Vorlage zur Deckung zu bringen, wird dadurch, dass du jetzt unter "dem Verbrechen" ein namenloses "Verbrechen an den Eltern" fasst, nicht beseitigt: Der erste Teil deiner Erzählung ("Ein Mann erfährt, daß ein Verbrechen geschehen ist ...") lässt sich nicht mit dem Inzest, der zweite Teil ("Seine ebenfalls unwissende, bei der Tat ahnungslose Mittäterin ...") nicht mit dem Vatermord harmonisieren.
Zitat von Γραικύλος am 18.5.23, 22:47Muß ich jetzt etwas an meinem Text ändern? Bisher meine ich das nicht.

Ich denke auch, dass das nicht nötig sein dürfte. Durch den Hinweis auf die verbreitete Ansicht, im Oedipus rex einen der Archegeten der Kriminalliteratur* zu sehen, funktioniert das Rätsel trotz allem, zumindest für diejenigen, die sich an den erwähnten Unstimmigkeiten nicht stören.

* Dass es sich dabei um eine Projektion moderner Lektüreerfahrung handelt, braucht wohl nicht erwähnt zu werden: Sophokles’ Zielpublikum war mit dem Ödipusmythos vertraut und wäre von Beginn an um das für Rezipienten von Whodunits unabdingbare Überraschungsmoment betrogen worden.
Re: Das Problem des Kriminalromans
Γραικύλος schrieb am 19.05.2023 um 21:57 Uhr (Zitieren)
Daß Elektra sich auf ein anderes Drama und einen Muttermord bezieht, ist mir schon klar. Wie gesagt, von dem Elektra-Syndrom bei C. G. Jung wußte ich nichts.

Ebenfalls ist mir neu (und interessant), daß es eine "verbreitete Ansicht, im Oedipus rex einen der Archegeten der Kriminalliteratur zu sehen", gibt.
Literaturkenntnis schützt vor Neuentdeckung.

Und in der Tat dürfen wir annehmen, daß für das antike Publikum oder dessen allergrößten Teil das Überraschungsmoment ("Oh! Ödipus selbst ist der Übeltäter!") fehlte.
In der Gegenwart könnte es eher funktionieren.

Danke für die Hinweise.
 
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