Γραικύλος schrieb am 16.05.2023 um 16:45 Uhr (Zitieren)
Ich bin sicher, daß ich mit diesem Text, sofern er ein Rätsel beinhaltet, Eulen nach Athen trage. Dennoch möchte ich ihn als einen weiteren Versuch, die Antike auf unorthodoxe Weise ins Gespräch zu bringen, vorstellen:
Re: Das Problem des Kriminalromans
Bukolos schrieb am 17.05.2023 um 16:22 Uhr (Zitieren)
Dein Zielpublikum ist ausschließlich männlich und heterosexuell, oder?
Re: Das Problem des Kriminalromans
Γραικύλος schrieb am 17.05.2023 um 16:36 Uhr (Zitieren)
Die Anspielung bezieht sich klarerweise auf Sigmund Freud und die Psychoanalyse, und da wird ja auch den Mädchen resp. Frauen ein analoges Begehren unterstellt.
Γραικύλος schrieb am 17.05.2023 um 16:36 Uhr (Zitieren)
kannst --> kann
Re: Das Problem des Kriminalromans
Bukolos schrieb am 17.05.2023 um 16:52 Uhr (Zitieren)
Das hatte ich anders in Erinnerung, aber ich schaue das bei Gelegenheit noch mal nach. Übrigens steht im Mittelpunkt der Ermittlungen des Ödipus doch der (ohne Mittäterin) begangene Mord an Laios, nicht wahr?
Re: Das Problem des Kriminalromans
Γραικύλος schrieb am 17.05.2023 um 18:21 Uhr (Zitieren)
Man sagt ja, Freud habe viele Mißbrauchsberichte seiner Patientinnen als Symptome frühkindlicher Sexualität mißdeutet, also als Wunschphantasien der Mädchen. Das lag so auf seiner Ödipus-Linie.
Und natürlich hat Iokaste nichts mit dem Mord an Laios (Totschlag, Körperverletzung mit Todesfolge, Notwehr - was hätte ein guter Rechtsanwalt daraus gemacht?) zu tun; Mittäterin ist sie im Falle des Inzests. Und der kommt ja im Zuge der Ermittlungen als Beipack heraus.
Re: Das Problem des Kriminalromans
Bukolos schrieb am 18.05.2023 um 17:54 Uhr (Zitieren)
In deiner Darstellung heißt es ja nun: "Ein Mann erfährt, daß ein Verbrechen geschehen ist. Nicht irgendein Verbrechen, [...] sondern das Verbrechen." Bei diesem ("dem") Verbrechen kann es sich, hält man sich an die Vorlage, nur um den Mord an Laios, das die Seuche auslösende Miasma handeln, von dem Ödipus im ersten Dialog mit Kreon erfährt (84 ff.). Was sich in deinem Text daran anschließt, sollte sich, will man ein gewisses Maß an Kohärenz in deinem Text voraussetzen, auf dieses eine Verbrechen beziehen, sowohl die "bei der Tat ahnungslose Mittäterin" als auch die "auf eine gewisse Weise an einem derartigen Verbrechen" beteiligten Leser.
*
Freud geht in seinem expliziten Bezug auf den Sophoklestext in der Traumdeutung von einem wie Ödipus männlichen Subjekt für den Ödipus-Konflikt aus:
Der Versuch C. G. Jungs unter Bemühung des Elektrastoffs eine zum Ödipuskomplex analoge Theorie für das weibliche Geschlecht zu etablieren, wird von Freud zurückgewiesen:
Re: Das Problem des Kriminalromans
Γραικύλος schrieb am 18.05.2023 um 22:47 Uhr (Zitieren)
Zunächst möchte ich feststellen, daß ich mit dem Verbrechen keineswegs nur den Mord am Vater meinte, sondern das Verbrechen an den Eltern, was Freud - wie ich Deinem Zitat entnehme - "jene peinliche Störung des Verhältnisses zu den Eltern" nennt.
Und an dem Inzest mit der Mutter ist halt auch die Mutter als Täterin beteiligt.
[Auch das 4. Gebot des Dekalogs" normiert ja die Beziehung zu beiden Eltern.]
Ferner habe ich mich in dem Text nicht, wohl aber in meiner Äußerung dazu, auf Freud "und die Psychoanalyse" fokussiert.
Daß der komplementäre Elektrakomplex 1. so heißt und 2. auf C. G. Jung zurückgeht und 3. von Freud abgelehnt worden ist, habe ich jetzt gelernt.
Wie aber steht es mit Freuds Konzept der frühkindlichen Sexualität bei den Mädchen? Hier bin ich jetzt (fürs erste?) so vorgegangen, daß ich im Lexikon der Psychiatrie, hrsg. v. Christian Müller; Berlin/Heidelberg/New York 1973 s.v. Ödipuskomplex nachgeschaut habe:
Also gibt es für Freud diese protosexuelle Neigung des Mädchens zum eigenen Vater schon.
Das deckt sich mit meiner Erinnerung, die ich an das Konzept hatte.
Jetzt fügt der Lexikonartikel allerdings hinzu:
Salopp gesagt verstehe ich das so, daß bei Mädchen das Problem eine mildere Form annimmt; C. G. Jung ist da anscheinend noch einen Schritt weiter gegangen.
Daß Freud Mißbrauchsberichte (sexualisierte Gewalt gegen Kinder) seiner Patientinnen im Rahmen seines Konzepts von frühkindlicher Sexualität als Wunschphantasien ge- bzw. mißgedeutet hat, habe ich aus anderer Quelle, die ich erst eruieren müßte.
Muß ich jetzt etwas an meinem Text ändern? Bisher meine ich das nicht.
Re: Das Problem des Kriminalromans
Bukolos schrieb am 19.05.2023 um 14:38 Uhr (Zitieren)
quote=msg_9508_7]Das deckt sich mit meiner Erinnerung, die ich an das Konzept hatte.[/quote]
Gut, das mag erklären, wie du zu deiner Auffassung gelangt bist. Aber, wie aus den Freud-Zitaten deutlich geworden sein dürfte, bezieht Freud den Ödipus-Konflikt (um den es in deinem Text ja geht) ausschließlich auf die männliche Psyche und lehnt eine spiegelbildliche Entsprechung für das weibliche Geschlecht ab. C. G. Jungs Elektrakomplex hingegen rekurriert auf eine andere Tragödie.
Die Schwierigkeit, deine Nacherzählung mit der Vorlage zur Deckung zu bringen, wird dadurch, dass du jetzt unter "dem Verbrechen" ein namenloses "Verbrechen an den Eltern" fasst, nicht beseitigt: Der erste Teil deiner Erzählung ("Ein Mann erfährt, daß ein Verbrechen geschehen ist ...") lässt sich nicht mit dem Inzest, der zweite Teil ("Seine ebenfalls unwissende, bei der Tat ahnungslose Mittäterin ...") nicht mit dem Vatermord harmonisieren.
Ich denke auch, dass das nicht nötig sein dürfte. Durch den Hinweis auf die verbreitete Ansicht, im Oedipus rex einen der Archegeten der Kriminalliteratur* zu sehen, funktioniert das Rätsel trotz allem, zumindest für diejenigen, die sich an den erwähnten Unstimmigkeiten nicht stören.
* Dass es sich dabei um eine Projektion moderner Lektüreerfahrung handelt, braucht wohl nicht erwähnt zu werden: Sophokles’ Zielpublikum war mit dem Ödipusmythos vertraut und wäre von Beginn an um das für Rezipienten von Whodunits unabdingbare Überraschungsmoment betrogen worden.
Re: Das Problem des Kriminalromans
Γραικύλος schrieb am 19.05.2023 um 21:57 Uhr (Zitieren)
Daß Elektra sich auf ein anderes Drama und einen Muttermord bezieht, ist mir schon klar. Wie gesagt, von dem Elektra-Syndrom bei C. G. Jung wußte ich nichts.
Ebenfalls ist mir neu (und interessant), daß es eine "verbreitete Ansicht, im Oedipus rex einen der Archegeten der Kriminalliteratur zu sehen", gibt.
Literaturkenntnis schützt vor Neuentdeckung.
Und in der Tat dürfen wir annehmen, daß für das antike Publikum oder dessen allergrößten Teil das Überraschungsmoment ("Oh! Ödipus selbst ist der Übeltäter!") fehlte.
In der Gegenwart könnte es eher funktionieren.