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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Polystratos #4 (312 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 11.04.2023 um 14:52 Uhr (Zitieren)
Der Schluß des Polystratos-Fragmentes:
(8) Schlimm ist es ja freilich auch, als Sklave der überlieferten grundlosen Meinungen zu leben, verstrickt in die zahlreichen daraus sich ergebenden Beunruhigungen und Begierden. Denn die Folge davon ist, daß man immer viele und mannigfaltige schädliche Tätigkeiten und Handlungen angreift, nach vielem unvernünftigerweise strebt, sich bei allem unglücklich fühlt und Reue empfindet. Dazu lädt man sich noch viele Sorgen um andere Menschen auf, woher es dann kommt, daß man im Sturm oder befangen in Ängstlichkeit durchs Leben geht und, ehe man einen wahren Nutzen oder Ge-nuß davon gehabt hat, daraus scheiden muß. Bis dahin aber hat man sich nur mit leeren Hoffnungen, die nie in Erfüllung gingen, töricht abgemüht und infolgedessen wieder andere Übel aufgehäuft, weil man nicht fähig war, das Ziel zu erkenne, dem unsere Natur selbst zustrebt[,] und die Mittel, mit denen es sich natürlicherweise erreichen läßt. Denn der Mangel dieser Erkenntnis ist die Wurzel alles Übels.
So versuche dich denn von den genannten Übeln freizuhalten und gib dir, wie ich schon früher sagte, Rechenschaft über alles, was das Leben und die Affekte betrifft, die dich geschickt machen, nichts planlos zu tun, weder sonst in irgendeiner Sache, noch besonders in betreff der Anschauungen, die uns schon von Kindheit an vertraut sind. Ihnen gegenüber eine unvernünftige Verachtung an den Tag zu legen, wird sich dir, wie schon gesagt, als eines der größten Übel erweisen, sobald sich die Wirkung davon geltend macht. Tue nun, wie ich sage, und prüfe auch gerade das, was ich jetzt auseinandersetzte, ob ich damit recht habe oder nicht. Findest du, daß es sich anders verhält, als wir sagen, so verachte es; bestätigt sich dir aber diese Auffassung, so schenke ihr immer mehr Glauben und versuche diese Grundsätze auch in deinen Handlungen zu befolgen. Dann wirst du am besten deine eigenen und der andern Menschen Leidenschaften überwinden, nicht nur in der Theorie, sondern mit der Tat: das nämlich ist in Wahrheit die Aufgabe der Philosophie.

(Die Nachsokratiker. 2 Bde. hrsg. v. Wilhelm Nestle. Jena 1923; Bd. 1, S. 229-236)

Die Aufforderung, den Gedankengang zu prüfen und gegebenenfalls zu verwerfen, erscheint mir bemerkenswert; das liest man selten.
 
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