Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Helena (342 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 02.04.2023 um 03:16 Uhr (
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Überraschung: Ich bin bemüht, die Antike so anregend, populär und unterhaltsam wie möglich zu präsentieren. In diesem Sinne habe ich in einem Literaturforum
https://keinverlag.de/470516.text
die folgende Geschichte veröffentlicht:
Die griechischen Mythen, Dramen und Komödien sind voll von archetypischen Konflikt-Konstellationen – ein Schatz, von dem die europäische Literatur seitdem zehrt. Nur die Literatur? Nein, auch im eigenen, persönlichen Leben erkennt man sich erstaunlich oft darin wieder. Ich greife ein Beispiel unter vielen heraus.
Die drei Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite sitzen vertraut und friedlich beim Kaffee beisammen. Da kommt die Eris, die Göttin des Streits, hinzu und läßt einen goldenen Apfel zwischen sie rollen. Ein kostbares, begehrenswertes Stück, aber halt nur eines für drei. Und dann steht auf dem Apfel auch noch eine Gravur: „Ἡ ΚΑΛΗ ΛΑΒΕΤΩ - DIE SCHÖNE SOLL IHN BEKOMMEN.“
Die Schöne? Das bin doch ich!, denkt jede der drei Göttinnen. Es handelt sich halt um ein vergiftetes Geschenk der Göttin des Streits. Wie diesen Konflikt entscheiden? Das ist intern nicht möglich, weshalb sie sich an einen externen Fachmann für diese Frage wenden. In Sachen weiblicher Schönheit ist das naheliegenderweise ein junger Mann, und zwar einer mit Geschmack. Die drei göttlichen Damen wählen den Paris aus, einen Sohn des Priamos, König von Troja.
Selbstverständlich geht solch eine Wahl nicht ohne Bestechungsversuche vonstatten. Jede Göttin verheißt dem Paris Gunst gemäß ihrem eigenen Repertoire, sofern er sich für sie entscheidet: Hera, die Gattin des Götterkönigs, verspricht ihm die Königsherrschaft über alle und Reichtum dazu, Athene die Jungfräuliche und Kriegerische, den Sieg im Krieg, und Aphrodite, die Göttin der Liebe, die schönste Frau auf Erden, nämlich eine gewisse Helena.
Ha!, welch eine Wahl für einen jungen Mann auf der Höhe seines Geschlechtstriebes! Die Phase des Abwägens fiel in diesem Falle – typischerweise, wie ich meine - kurz aus.
Hätte Paris ein wenig länger überlegt, statt – wie man vulgär sagt – mit seinem Schwanz zu denken -, dann wäre ihm wohl aufgefallen, daß er durch seine Wahl unweigerlich zwei Göttinnen vor den Kopf stoßen und daß das Folgen haben würde. Die Zusage ihrer Kollegin Aphrodite konnten sie nicht rückgängig machen: Paris sollte seine Helena bekommen. Aber sie konnten für ein nicht unerhebliches Hindernis sorgen, nämlich dafür, daß Helena, als Paris ihr begegnete, verheiratet war. Der glückliche, aber bald in eine Krise gestürzte Ehemann hieß Menelaos, seines Zeichens König von Sparta, und Paris lernte ihn sowie seine wirklich entzückende Gattin Helena als Gast des Hauses kennen. Aphrodite sorgte verabredungsgemäß für den erotischen Funken. Helena war in Liebe entflammt und bereit, ihrem Paris nach Troja zu folgen.
Ehebruch und Bruch der Gastfreundschaft, zwei ganz üble Geschichten! Dazu muß man kein antiker Grieche sein, um hier bedenklich mit dem Kopf zu schütteln. Man lädt keinen Mann freundlich in sein Zuhause ein und läßt sich von ihm die Ehefrau ver- und entführen.
Die Folgen sind bekannt: Menelaos wendet sich empört an seinen noch bedeutenderen Bruder Agamemnon; dieser trommelt – nach einem abgelehnten Ultimatum, die Frau zurückzugeben - die Griechen zu einem Rachefeldzug gegen Troja zusammen. Nach, wie es heißt, zehnjährigem Krieg wird Troja zerstört, die Blüte seiner Männer getötet, die Frauen und Kinder werden versklavt.
Die Verse Homers: „Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios hinsinkt / Priamos selbst und das Volk des lanzenkundigen Königs“, wurden in der Antike gerne zitiert, um die Vergänglichkeit selbst des Schönsten und Höchsten vor Augen zu stellen.
Was für eine Geschichte! Der junge Mann und die ihm liebste, wichtigste Verheißung. Seine Ignoranz gegenüber den Folgen. Welche es genau waren, hätte er nicht erahnen können; aber sehr wohl hätte er wissen können, daß jede Entscheidung für etwas auch eine Entscheidung gegen etwas ist ... und daß das unabsehbare, auch negative Folgen hat.
Es war, ich erinnere mich genau, Anfang der 70er Jahre, als ich in einem Kino saß und mir den Film über Joe Cockers „Mad Dogs & Englishmen“-Tournee durch die USA im Jahre 1970 anschaute. Da war für einen Moment eine Background-Sängerin zu sehen, die ihr „Shu-hu-hu“ sang, und mir war es, als ob mich ein elektrischer Schlag getroffen hätte. „Dies“, so wurde mir bewußt, „ist die schönste Frau, die ich jemals gesehen habe!" Dabei war ihr Körper gar nicht zu sehen, es war allein ihr Gesicht. Bekannt war sie mir nicht; erst später habe ich herausgefunden, daß es sich um Rita Coolidge handelte, die mit dem Saxophonisten der Band, mit Kris Kristofferson verheiratet war. Ein paar Sekunden lang hatte mir Aphrodite meine Helena gezeigt.
Hätte ich für sie und mit ihr die Ehe gebrochen? Ohne zu zögern. Die Gastfreundschaft des Hauses Kristofferson geschändet? Ohne jeden Zweifel. Einen Krieg und den Ruin meines Vaterlandes riskiert? Soweit denken junge Männer nicht – ich hätte die langfristigen Folgen so wenig in Betracht gezogen, wie es Paris einst getan hat. Junge Männer ... Dabei war Kristofferson nicht einmal annähernd so etwas Gefährliches wie ein König von Sparta. Selbst sein bestes Lied, „Me & Bobby McGee“, hat eine andere, hat Janis Joplin weltberühmt gemacht.
Es war freilich nur ein kurzer Blick, der mir vergönnt war. Mehr hat Aphrodite mir nicht gewährt.
Mit diesem Eindruck freilich mag es zusammenhängen, daß mir bis heute die vollkommene Schönheit mehr gilt als das vollkommen Gute. Dieses hat mehr mit Pflicht zu tun, jenes mit einem schlichtweg überwältigenden Eindruck.
Und heute, als Mann in, sagen wir: fortgeschrittenen Jahren, hüstel, wie entschiede ich mich da? Für Macht und Reichtum? Für kriegerischen Erfolg? Oder für die schönste Frau – trotz aller damit verbundenen Konsequenzen? Ist diese Frage so schwierig zu beantworten? Jedenfalls muß ich wohl erst warten, bis wieder einmal drei Göttinnen bei mir vorbeischauen, eine Entscheidung von mir wollen und mir eine Belohnung versprechen. Auch Göttinnen bevorzugen junge Männer.
Und dann gibt es da noch ein Problem. Eines, das der griechische Dichter Ibykos so ausgedrückt hat:
Mit verschwimmenden Augen sieht wieder der Gott,
Unter schwarzblauen Lidern, sieht Eros mich an
Und wirft mich verwirrenden Gaukelspiels in die
Tödlichen Netze der Liebe.
Wahrhaftig, ich bange vor dem, was naht,
Gleich einem Pferd, das im Alter nur zaudernd,
Wiewohl es den Sieg kennt,
Und sich schüttelnd zum Wettkampf der sausenden Rennwagen trabt.
Die Verheißung des Mephisto in Faust I : "Du siehst, mit diesem Trank im Leibe, / bald Helenen in jedem Weibe", hat sich übrigens, bezogen auf den Alkohol, in meinem Leben jedenfalls nicht bestätigt. Re: Helena
Γραικύλος schrieb am 03.04.2023 um 11:42 Uhr (
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Diese Geschichte wird dort inzwischen lebhaft diskutiert, was es hier ja leider kaum einmal gibt; das ist in meinen Augen der Vorzug dieses Literaturforums.
Was mir auffällt: Von den verschiedenen Bildungselementen, die ich in die Geschichte eingebaut habe (Urteil des Paris, Joe Cockers Tournee, Ibykos und Faust), hat allein das, wie ich meine, sehr schöne Gedicht keine erkennbare Resonanz gefunden.
Re: Helena
Γραικύλος schrieb am 03.04.2023 um 11:47 Uhr (
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Es ist klar, daß ich beim Urteil des Paris weitgehend der ironischen Darstellung in Lukians "Göttergesprächen" gefolgt bin. Diese Version enthält übrigens als einzige auch den Text der Gravur auf dem Goldapfel.
Nicht, wie man meist annimmt, DER SCHÖNSTEN, sondern DER SCHÖNEN, was noch boshafter von Eris ist, denn bei DER SCHÖNSTEN hätten sich die beiden unterlegenen Rivalinnen damit trösten können, wenigstens schön zu sein.