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Nero verstößt Octavia (272 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 27.03.2023 um 14:18 Uhr (
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1. Tacitus: Annalen
Als nun Nero den Senatsbeschluß erhielt und sah, daß alle seine Verbrechen wie Ruhmestaten aufgenommen wurden, verstieß er Octavia mit der Behauptung, sie sei unfruchtbar [sterilem dictitans]; anschließend vermählte er sich mit Poppaea. Diese, die schon lange Neros Mätresse war und ihn als Ehebrecher, dann als Ehemann beherrschte, veranlaßte einen der Diener Octavias, sie einer Liebschaft mit einem Sklaven zu bezichtigen. Als Schuldiger ausersehen wurde ein Mann namens Eukairos, der aus Alexandria stammte und sich auf das Flötenspiel verstand.
Man unterwarf deswegen die Zofen einem peinlichen Verhör, und während unter dem Zwang der Folter einige dazu gebracht wurden, die falschen Angaben zu bestätigen, blieb die Mehrzahl beharrlich dabei, für die Keuschheit ihrer Herrin einzutreten; eine von ihnen antwortete dem Tigellinus )1), Octavias Scham sei reiner als sein Mund [castiora esse muliebra Octaviae respondit quam os eius].
Trotzdem wurde sie verstoßen, zunächst in der Form der bürgerlichen Scheidung, und erhielt das Haus des Burrus und die Güter des Plautus als unselige Geschenke; später wurde sie nach Campanien verwiesen, wobei man sie noch unter militärische Bewachung stellte. Darüber kam es zu zahlreichen, offen geäußerten Klagen überall im Volk, das weniger Klugheit besitzt, andererseits in seiner beschränkten sozialen Stellung geringeren Gefahren ausgesetzt ist [...] (2), als habe Nero aus Reue über seine Schandtat Octavia als seine Gattin zurückgerufen. (3)
[XIV 60]
2. Sueton: Kaiserviten, Nero
Schnell war er [sc. Nero] des Zusammenlebens mit Octavia überdrüssig; als Freunde ihn deswegen scharf tadelten, gab er ihnen zur Antwort, sie müsse sich mit dem Titel „Gattin“ zufriedengeben. Er hatte schon oft daran gedacht, sie zu erdrosseln, es aber nie getan, dann ließ er sich von ihr scheiden, weil sie angeblich unfruchtbar war, aber das Volk hieß die Scheidung nicht gut und sparte nicht mit laut erhobenen Vorwürfen.
Er tat dann noch ein übriges: er verbannte sie, schließlich ließ er sie unter dem Vorwurf, sie habe ihn mehrfach betrogen, umbringen; dieser Vorwurf war schamlos und dazu auch noch falsch. So stiftete er, als alle beim peinlichen Verhör sagten, es sei nicht so, wie Nero behaupte, seinen Erzieher Anicetus dazu an anzuzeigen, daß er sie unter einem Vorwand sanft berührt habe, und er gestand, daß er sie entehrt habe.
[35, 2]
3. Cassius Dio: Römische Geschichte (in der Epitome des Xiphilinos)
Ihm [sc. dem Tigellinus] soll auch die Pythias die berühmte Antwort gegeben haben: Als sich die gesamte übrige Dienerschaft Octavias, ausgenommen die Pythias, mit [Poppaea] Sabina zum Angriff auf die Kaiserin zusammengetan hatte – aus Geringschätzung gegen die Unglückliche und aus Liebedienerei gegenüber ihrer einflußreichen Konkurrentin -, da sträubte sich die Pythias trotz härtesten Folterungen als einzige, ihre Herrin mit irgendeiner Lüge zu belasten und spie schließlich, als Tigellinus weiter in sie drang, ihm ins Gesicht und sagte dazu: „Tigellinus, meiner Herrin Geschlechtsteile sind reiner als dein Maul [καθαρώτερον, ὦ Τιγελλῖνε, τὸ αἰδοῖον ἡ δέσποινά μου τοῦ σοῦ στόματος ἔχει]!“
[LXII 13, 4]
(1) Neros Prätorianerpräfekt
(2) Textlücke; zu ergänzen etwa: „Während dieser Unruhen verbreitete sich das Gerücht, ...“
(3) Octavia wurde schließlich ermordet.
Re: Nero verstößt Octavia
Γραικύλος schrieb am 28.03.2023 um 15:31 Uhr (
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Der von Tacitus und Cassius Dio zitierte Ausspruch der Pythias gilt als sehr berühmt - wie auch der Octavia-Stoff vielfach in der abendländischen Literatur behandelt worden ist.