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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Senecas Abhandlung "Über Aberglauben" #2 (325 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 22.03.2023 um 13:55 Uhr (Zitieren)
Augustinus fährt in der Wiedergabe von Senecas Schrift fort:
Vollends was nach seiner Angabe auf dem Kapitol selber zu geschehen pflegte und wogegen er unerschrocken seinen Mund auftat, wem sonst sollte man es zutrauen als Spaßmachern oder Wahnsinnigen? Denn nachdem er darüber gespottet, daß man in den ägyptischen Mysterien erst darüber trauert, daß Osiris verlorengegangen ist, um bald darauf in Freude auszubrechen, weil er wiedergefunden ward, obwohl dies Verlieren und Wiederfinden nur erdichtet ist, während Freude und Schmerz derer, die nichts verloren und wiedergefunden haben, einen echten Eindruck macht, fährt er fort: „Doch dieser Raserei ist eine bestimmte Frist gesetzt. Einmal im Jahr verrückt zu sein, kann man sich gefallen lassen. Aber geh aufs Kapitol, so wirst du dich schämen, wie da die Tollheit sich breit macht, wie da im priesterlichen Dienst albernster Wahnsinn zutage tritt. Einer trägt dem Jupiter Namen vor, ein anderer meldet ihm die Stunden, einer ist Bader, ein anderer salbt, das heißt, er macht bloß solche Handbewegungen, als salbte er. Es gibt Frauen, die Juno und Minerva frisieren, und das in weiter Entfernung nicht nur von ihrem Bildnis, sondern auch vor dem Tempel, mit bloßem Fingerspiel, andere halten den Spiegel. Da sind auch Leute, die die Götter als Bürgen anrufen, noch andere, die ihnen Klageschriften unterbreiten und ihnen ihre Streitsachen vortragen.

Ein gelehrter, einst berühmter Schauspieler, jetzt abgelebter Greis, spielte täglich auf dem Kapitol seine Rollen, als ob ihm, nach dem die Menschen nichts mehr fragten, die Götter gern zuschauen würden. Alle Arten von Künstlern sieht man, die den Göttern vormachen, was sie gelernt.“ Und bald darauf: „Ist es auch ein überflüssig Werk, was diese dem Gott vorführen, so doch nichts Schändliches und Gemeines. Aber es sitzen auch Frauenspersonen auf dem Kapitol, die Jupiters Geliebte zu sein sich einbilden, ohne sich durch Junos, wenn man den Dichtern Glauben schenken soll, wütende Eifersucht abschrecken lassen.“

Diesen Freimut besaß Varro nicht. Er wagte nur die Theologie der Dichter anzugreifen, nicht die staatliche, der ein Seneca solche Schläge versetzte. Fassen wir jedoch die Wahrheit ins Auge, müssen wir sagen: Schlimmer noch sind die Tempel, in denen man das treibt, als die Theater, wo man es nur als Schauspiel vorführt. Daher soll nach Seneca der Weise die Bräuche der Staatstheologie bloß äußerlich mitmachen, aber keinen inneren Anteil daran nehmen. Er sagt nämlich: „All das wird der Weise beobachten, weil es durch die Gesetze geboten ist, nicht als ob es den Göttern gefiele.“

Und kurz darauf: „Wir stiften ja Ehen unter den Göttern und, unfromm genug, sogar zwischen Brüdern und Schwestern, geben die Bellona dem Mars, dem Vulcanus die Venus, dem Neptun Salacia. Manche lassen wir auch unverheiratet, als hätte sich nichts Passendes gefunden, zumal wenn einige Göttinnen verwitwet sind wie Populonia oder Fulgora und die göttliche Rumina. Kein Wunder übrigens, daß sich für diese kein Liebhaber fand. Diesen ganzen gemeinen Troß von Göttern, den langwährender Aberglaube in langen Zeiträumen aufgehäuft, wollen wir in der Weise anbeten, daß wir uns sagen: Ihr Kult ist nur durch die Sitte, nicht durch die Sache geboten.“

Weder Gesetze noch Sitte haben also in die Staatstheologie etwas hineingebracht, was den Göttern wirklich angenehm oder sachlich begründet wäre. Gleichwohl hat dieser von der Philosophie in gewissem Sinne befreite Mann, weil er ein angesehener Senator des römischen Volkes war, verehrt, was er verwarf, getan, was er getadelt, angebetet, was er angegriffen. Denn wahrlich, etwas Großes hatte ihn die Philosophie gelehrt: Er sollte zwar im Alltag nicht abergläubisch sein, aber um der bürgerlichen Gesetze und des Herkommens willen so tun, als ob er’s wäre, wenn auch nicht als Schauspieler im Theater, so doch ganz ähnlich wie dieser im Tempel. Das aber ist um so verdammlicher, als das Volk glauben mußte, er tue im Ernst, was er doch nur zum Schein tat, während ein Schauspieler durch sein Spiel mehr unterhalten als täuschen will.

(Augustinus: Vom Gottesstaat. Hrsg. v. Wilhelm Timme und Carl Andresen. 2. Bde. Zürich/München ²1978; Bd. 1, S. 309-312)
 
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