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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Senecas Abhandlung "Über Aberglauben" #1 (267 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 21.03.2023 um 15:35 Uhr (Zitieren)
Eine Abhandlung des jüngeren Seneca "De superstitione" gab es, gibt es aber nicht mehr, d.h. sie ist nicht überliefert. Augustinus in "De civitate Dei" VI 10 zitiert einige Passagen daraus, und demzufolge handelte es sich um eine in ihrer Radikalität für die Antike singuläre Kritik an den Riten und Mythen der offiziellen Religion:
Fehlte es Varro (1) an Freimut und wagte er infolgedessen nicht, die der Theatertheologie so ähnliche Staatstheologie offen wie jene zu mißbilligen, so besaß ihn, wenn nicht ganz und gar, so doch teilweise, Annaeus Seneca, der, wie aus manchen Anzeichen erhellt, zur Zeit unserer Apostel glänzte. Er besaß ihn als Schriftsteller, im Leben freilich fehlte er ihm. Denn in seinem Buche über den Aberglauben hat er weit ausführlicher und heftiger gegen die staatliche und städtische Theologie polemisiert als Varro gegen die Theater- und Fabeltheologie. So sagt er in dem Abschnitt über die Götterbilder: „Die Heiligen, Unsterblichen, Unverletzlichen stellt man dar in wertlosem, totem Stoff und gibt ihnen das Aussehen von Menschen, Tieren und Fischen, einigen auch von Zwitterwesen, aus verschiedenen Körpern zusammengesetzt. Das sollen Gottheiten sein, die wir, wenn sie uns plötzlich lebendig begegneten, für Ungetüme halten würden.“

Sodann ein wenig später, nachdem er die natürliche Theologie empfohlen und die Ansichten einiger Philosophen erläutert hat, legt er sich selbst eine Frage vor und schreibt: „Hier könnte jemand einwenden: Soll ich glauben, daß der Himmel und die Erde Götter sind, und daß über dem Mond andere Götter wohnen als unter ihm? Soll ich es mit Plato halten oder mit dem Peripatetiker Strato, von denen der eine sich Gott ohne Leib vorstellte, der andere ohne Seele?“ Darauf erwidert er: „Wie? Glaubst du, daß die Traumgebilde eines T. Tatius oder Romulus oder Tullus Hostilius der Wahrheit mehr entsprechen? Hat doch Tatius die Cluacina zur Göttin erhoben, Romulus den Picus und Tiberinus, Hostilius den Pavor und Pallor, höchst widerwärtige menschliche Gemütszustände, der eine die Erregung des erschreckten Geistes, der andere nicht einmal eine Krankheit des Leibes, sondern bloß seine blasse Farbe. Willst du lieber an solche Gottheiten glauben und sie in den Himmel versetzen?“

Wie freimütig schreibt er auch über die grausamen und schändlichen Bräuche! „Der eine“, so lesen wir, „entmannt sich selbst, der andere schneidet sich die Arme auf. Will man auf diese Weise die Götter günstig stimmen, was wird man dann tun, ihren Zorn zu besänftigen? Götter, die so etwas wollen, darf man überhaupt nicht verehren. So groß ist die Raserei des verstörten, aus dem Gleichgewicht gebrachten Gemütes, daß man die Götter auf eine Weise versöhnen will, wie nicht einmal die abscheulichsten Menschen wüten, von deren Grausamkeit uns die Sage berichtet. Tyrannen haben wohl manch eines Menschen Glieder zerfleischt, aber niemandem befohlen, sich selber zu zerfleischen. Der Wollust von Königen gefügig zu sein, wurden manche Männer verschnitten, aber niemand hat auf Befehl eines Herrn sich selbst entmannt. Sich selbst stechen sie ab in den Tempeln, und Blut und Wunden, das sind ihre Gebete. Schaut man sich in Ruhe diese ihre Taten und Leiden an, wird man finden: Das alles ist so unschicklich für Anständige, so unwürdig für Freie, so unfaßbar für Vernünftige, daß jeder sie ohne Zweifel für wahnsinnig hielte, wenn es nur wenige wären, bei denen solcher Wahnsinn sich zeigte. Doch nun muß man aus der großen Menge von Wahnsinnigen schließen, daß es doch wohl normale Menschen sind.“

Re: Senecas Abhandlung "Über Aberglauben" #1
Γραικύλος schrieb am 21.03.2023 um 15:35 Uhr (Zitieren)
(1) M. Terentius Varro, Gelehrter und Dichter (116-27 v.u.Z.)
 
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