Γραικύλος schrieb am 09.03.2023 um 15:21 Uhr (Zitieren)
Theophrast, Charaktere I: Der Unaufrichtige
(Theophrast: Charaktere. Griechisch/Deutsch hrsg. von Dietrich Klose. Stuttgart 1970, S. 4 f.)
Man könnte sagen: der Heuchler. Und das ist nach Sokrates geschrieben!
Re: Eine Deutung der Ironie
Bukolos schrieb am 10.03.2023 um 11:50 Uhr (Zitieren)
Das wäre nur dann verwunderlich, wenn Sokrates selbst oder seine Anhänger dessen rhetorische Praxis als εἰρωνεία bezeichnet und der εἰρωνεία damit eine positive Konnotation beigelegt hätten. Das ist aber weder beim platonischen noch beim xenophontischen Sokrates der Fall.
Die der Darstellung des εἴρων vorangesetzte Definition der εἰρωνεία (die von einigen Herausgebern für eine Interpolation gehalten wird) ist bei Klose eher unglücklich übersetzt. Gemeint ist ja: Ironie ist das Vorgeben eines (verglichen mit der Selbstwahrnehmung) geringeren Wertes der eigenen Handlungen und Worte, d. h., in etwa das, was man als understatement bezeichnet. Diese Definition orientiert sich offenbar an Aristoteles, der den εἴρων in ein, gemessen am ἀληθής, spiegelbildliches Verhältnis zum ἀλαζών setzt. Anmaßung ist es also gerade nicht, was der εἴρων betreibt. Entsprechend bietet sich auch nicht an, unter εἰρωνεία Heuchelei zu verstehen. Denn, abgesehen davon, dass der Begriff der Heuchelei stärker auf das Feld des Moralischen beschränkt ist, als es bei der εἰρωνεία der Fall ist, tritt der Heuchler ja gerade mit einem Anspruch an Moralität auf, dem er selbst nicht gerecht wird. Heuchelei als eine Art moralischer Hochstapelei wäre also der εἰρωνεία gerade entgegengesetzt.
Die Übersetzung von Λέγεις αὐτὸν ἕτερον γεγονέναι mit „Du sagst, es sei anders geworden“ schließlich ist schlicht falsch.
Re: Eine Deutung der Ironie
filix schrieb am 10.03.2023 um 19:46 Uhr (Zitieren)
Das Problem ist doch eher, dass diese Zusammenschau von Unaufrichtigkeiten viele unterschiedliche Motive und Ziele nebst deren sozialer Funktion und moralischer Bewertung versammelt, dass der eine Charaktertypus sich nicht recht aus ihr abzeichnen will. Feinden, die man heimlich bekämpft, öffentlich Lob zu spenden, fällt schwerlich unter understatement, Nachsicht gegenüber übler Nachrede zu lassen ebensowenig. Motivisch bewegt sich meines Erachtens einiges zwischen Konfliktscheu und Selbstschutz, die einen vage und unaufrichtig werden lassen und Skepsis und Misstrauen schüren.
Re: Eine Deutung der Ironie
filix schrieb am 10.03.2023 um 19:55 Uhr (Zitieren)
… Nachsicht gegenüber übler Nachrede walten zu lassen, …
Re: Eine Deutung der Ironie
Bukolos schrieb am 10.03.2023 um 21:58 Uhr (Zitieren)
Oben habe ich mich auf die Definition am Anfang des Textes konzentriert, um die es Γραικύλος, wie mir schien, gegangen ist. Die Interpretation von εἰρωνεία als understatement passt nur auf diese Definition: die προσποίησις ἐπὶ χεῖρον πράξεων καὶ λόγων. Diese Definition erscheint deutlich parallel zum aristotelischen οἱ δὲ εἴρωνες ἐπὶ τὸ ἔλαττον λέγοντες (EN 1127b 22 f.) und δοκεῖ ... ὁ δὲ εἴρων ... ἀρνεῖσθαι τὰ ὑπάρχοντα ἢ ἐλάττω ποιεῖν (EN 1127a 20-23).
Aber es stimmt: Die Definition ist kaum vereinbar mit Theophrasts Schilderung des εἴρων. Es wirkt vielmehr so, als wolle der Text den εἴρων performativ als einen Charakter zeichnen, der sich jedem - auch dem definitorischen - Zugriff entzieht. Wenn Otto Ribbeck in seinem Aufsatz Über den Begriff des εἴρων diesen als "elastisch wie Gummi und schlüpfrig wie Öl" bezeichnet, so gilt das nicht weniger für den Begriff selbst, sollte man ihn aus Theophrasts Darstellung zu extrahieren versuchen. Bspw. mag sich einiges an Theophrasts εἴρων im Bereich von, wie du schreibst, "Konfliktscheu und Selbstschutz" bewegen oder, wie Harald Weinrich (HWPh s. v. Ironie) will, des "spießige[n] Kleinbürger[s], der nicht auffallen will, um sich in seinem Behagen nicht stören zu lassen", aber das passt kaum dazu, dass der εἴρων seine Feinde aktiv aufsucht, um ihnen ein Gespräch aufzudrängen (προσελθὼν τοῖς ἐχθροῖς ἐθέλειν λαλεῖν).
Re: Eine Deutung der Ironie
Γραικύλος schrieb am 11.03.2023 um 14:30 Uhr (Zitieren)