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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
οἵα κεφαλὴ ἐγκέφαλον οὐκ ἔχει (311 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 19.02.2023 um 14:19 Uhr (Zitieren)
Ein Fuchs kam in die Werkstatt eines Bildhauers und sah sich jede der dort befindlichen Statuen genau an. Da stieß er auf die Büste eines Tragödiendichters, hob sie hoch und rief: „Was für ein herrlicher Kopf ohne Gehirn [οἵα κεφαλὴ ἐγκέφαλον οὐκ ἔχει]!“

Die Geschichte passt auf einen Menschen, der zwar einen großartigen Körper hat, aber ansonsten ohne Vernunft ist.

(Aesop: Fabel 27)
Re: οἵα κεφαλὴ ἐγκέφαλον οὐκ ἔχει
Bukolos schrieb am 19.02.2023 um 22:34 Uhr (Zitieren)
Offenbar zitierst du aus Rainer Nickels Übersetzung der in ihrer Entstehung irgendwo zwischen Kaiserzeit und 10. Jh. datierten Fabelsammlung. Im vorliegenden Stück (Parallelen bei Phaedrus 1, 7 und Romulus 2, 14) zeigt die Übersetzung allerdings ein paar sinnentstellende Mängel:

1. Ein τραγῳδός ist gewöhnlich ein Tragödiendarsteller, nicht -dichter.
2. Das προσωπεῖον ist eine Maske, keine Büste. Schon das μορμολύκειον in der Überschrift verweist ja auf einen Maskentyp, und nur bei einer Maske ist das Fehlen des Hirns hinter der einschüchternden Mimik evident.
3. Für den πλάστης bietet sich in dem Zusammenhang die Übersetzung Maskenbildner an, da es sich bei der Tätigkeit eines πλάστης um eine formende, keineswegs aber um die eines Steinmetzes oder Holzbildhauers handelt.
Re: οἵα κεφαλὴ ἐγκέφαλον οὐκ ἔχει
Γραικύλος schrieb am 19.02.2023 um 23:00 Uhr (Zitieren)
Danke für den Hinweis. Ja, es handelt sich um die offenbar sinnentstellende Übersetzung von Rainer Nickel (Tusculum).

Hier ist eine andere Übersetzung:
Ein Fuchs kam in das Haus eines Schauspielers; dort durchstöberte er alle Gerätschaften und fand darunter auch eine hübsche Kopfmaske. Er faßte sie mit seinen Vorderfüßen und sagte: „Ach, welch ein Kopf und doch kein Gehirn darin!“
Die Fabel geht auf solche Leute, die zwar einen schönen Körper haben, deren Geist aber ganz anders beschaffen ist.

(Fabeln von Äsop. Ins Deutsche übertragen von Wilhelm Binder und Johannes Siebelis. München 1959, S. 19)

Hier stimmt mehr, aber "das Haus eines Schauspielers" ja nun auch nicht. Eine fehlerfreie Übersetzung ist anscheinend nichts, was man voraussetzen darf.
Re: οἵα κεφαλὴ ἐγκέφαλον οὐκ ἔχει
Bukolos schrieb am 20.02.2023 um 00:39 Uhr (Zitieren)
Zitat von Γραικύλος am 19.2.23, 23:00Hier stimmt mehr, aber "das Haus eines Schauspielers" ja nun auch nicht.

Diese Übersetzung benutzt, wie es aussieht, nicht den Text der collectio Augustana, sondern der collectio Accursiana*, auf der die ersten Drucke äsopischer Fabeln beruhen und die lange Zeit der verbreitetste Textfassung darstellte. Infrage käme daneben auch der bei Nr. 27 ähnlich lautende Text der collectio Vindobonensis.

* ἀλώπηξ εἰς οἰκίαν ἐλθοῦσα ὑποκριτοῦ καὶ ἕκαστα τῶν αὐτοῦ σκευῶν διερευνωμένη εὗρε κεφαλὴν μορμολυκίου εὐφυῶς κατεσκευασμένην ..., ed. Hausrath.
Re: οἵα κεφαλὴ ἐγκέφαλον οὐκ ἔχει
Bukolos schrieb am 20.02.2023 um 00:41 Uhr (Zitieren)
... die verbreitetste ...
Re: οἵα κεφαλὴ ἐγκέφαλον οὐκ ἔχει
Γραικύλος schrieb am 20.02.2023 um 14:35 Uhr (Zitieren)
Aus einer anderen Sammlung. Das erklärt, warum diese Fabel bei Binder/Siebelis die Nr. 11 trägt, statt 27.
 
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