Das Opfer der Erstgeburt in der Thora #1 (631 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 07.01.2023 um 13:49 Uhr (Zitieren)
Der Hintergrund ist der, daß Gott beim Exodus aus Ägypten die Erstgeburt der Ägypter getötet, die der Juden hingegen verschont hatte; daraus leitete er einen Anspruch ab.
Re: Das Opfer der Erstgeburt in der Thora #1
Γραικύλος schrieb am 07.01.2023 um 15:48 Uhr (Zitieren)
Es scheint paradox, das Erstlingsopfer in der Tradition des Exodus auf Abraham zu beziehen, weil dieser ja vor Moses gelebt hat; aber das Buch Genesis steht zwar am Anfang der Thora, ist jedoch relativ jung.
Re: Das Opfer der Erstgeburt in der Thora #1
Johannes schrieb am 07.01.2023 um 17:53 Uhr (Zitieren)
Es gibt mehrere Schichten in der Genesis.
Jahwist, Elohist, Priesterschrift (die jüngste)
Γραικύλος schrieb am 08.01.2023 um 15:16 Uhr (Zitieren)
Jan Assmann (Exodus, a.a.O., S. 81) gibt die folgenden Stufen an:
Re: Das Opfer der Erstgeburt in der Thora #1
Marcella schrieb am 08.06.2024 um 10:56 Uhr (Zitieren)
Nachdenklich stimmt, dass Gott Abraham mit dem Befehl, seinen Sohn zu opfern, "auf die Probe" stellt (oder, meine Ausgabe) ihn "versuchte".
Die richtige Antwort auf Gottes Befehl dürfte demnach sein, sich ihm in diesem Fall zu widersetzen, was im allgemeinen sich tödlich auswirkt.
Das ist eine fatale Zwickmühle für Abraham.
Im übrigen überliefert die Bibel in 2.Könige, 16,2-3, dass König Ahas von Judäa ebenfalls seinen Sohn geopfert hat. Vielleicht dichtet man ihm das aber lediglich an, weil er gegenüber den Assyrern offenbar eine Schaukelpolitik betrieb.
Re: Das Opfer der Erstgeburt in der Thora #1
Johannes schrieb am 08.06.2024 um 11:56 Uhr (Zitieren)
Vor mich sieht das so aus, als wolle man die Gottheit geradezu zwingen durch solche Opfer
wunschgemäß zu handeln.
Motto: Ich gebe mein Teuerstes her für dich,
also bist du mir etwas schuldig.
Der Problem mit der Versuchung stellt sich auch
im Vater-Unser.
Darüber gab es eine heftige Debatte vor einigen Jahren.
Für mich bedeutet das, dass man nicht vorsichtig genug sein kann im Umgang mit Religion
und neige immer mehr zu der Ansicht, dass Religion ein hohes Gefahrenpotential enthält
und zum Missbrauch geradezu einlädt.
Wer auf den Willen Gottes verweist, muss sich fragen lassen, woher er diesen so genau kenne.
Dabei gibt es ein einfaches Kriterium:
Wenn Gott die Liebe ist, ist restlos alles, was lieblos geschieht, gottwidrig.
Offenbar war sich die Menschheit dessen lange nicht wirklich bewusst bzw. hatte ein defizitäres Verständnis von dem, was Liebe in letzter Konsequenz heißt: bereit sein für den anderen und seine Überzeugung zu sterben in der Hoffnung, dass es nicht sinnlos ist.
Dazu sollte uns die moderne Exegese einiges sagen können in wissenschaftlichen Kommentaren.
Oder auch Religionssoziologie, - psychologie und -philosophie und v.a. die Religionskritik, die immer eine Kritik an der institutionalisierten Religion sein wird und muss.
Jede nicht radikal biophile Religion sollte keine Zukunft mehr haben und jede zur Gewalt aufrufende
mit allen legitimen Mitteln bekämpft werden,
weil ein Hindernis auf dem Weg zu einer wirklichen, globalen Humanisierung der Menschheit, von der wir wieder so weitentfernt sind wie lange nicht mehr.
Re: Das Opfer der Erstgeburt in der Thora #1
Marcella schrieb am 08.06.2024 um 12:55 Uhr (Zitieren)
Was Juia Knop von der Uni Tübingen zur Exegese verfasst hat, ist doch größtenteils eine neutestamentlerische Deutung als Präfiguration des Opfertodes Christi. Das wird den Intentionen der Genesis eher nicht gerecht und lässt immer noch offen, was Gott mit dieser Versuchung Abrahams bezweckt haben will. -
Das Christentum ist biophil? Den Eindruck hatte ich gar nicht, als ich auf einer betont christlichen Schule das Abi machte.
Re: Das Opfer der Erstgeburt in der Thora #1
Γραικύλος schrieb am 08.06.2024 um 15:00 Uhr (Zitieren)
Ich habe Johannes so verstanden, daß Biophilie für ihn das entscheidende Kriterium einer Religion darstellt; wie er dann auf das Christentum und nicht etwa den Buddhismus gekommen ist, das weiß auch ich nicht.
Re: Das Opfer der Erstgeburt in der Thora #1
Johannes schrieb am 08.06.2024 um 17:52 Uhr (Zitieren)
Nach heutiger, vom Schutt der düsteren Vergangenheit befreiter Sicht
ist das Christentum ein biophile Religion.
Die Auferweckung Jesu ist eine Bestätigung für die
Zukunft des Lebens, wie auch immer geartet.
Schon im AT liest man:
Heute lege ich dir vor Tod und Leben.
Wähle das Leben!
Die 10 Gebote als Lebensregeln sollen das Zusammenleben erleichtern
und erst möglich machen.
Für mich ist die Isaakgeschichte eine fiktive Erzählung mit dem Ziel,
Gott als biophil darzustellen und Menschenopfern die theologische Begründung zu entziehen.
Der Rachegott des AT ist ein Gedankenkonstrukt
weitgehend ohne historische Basis aus einer Zeit,
in der der Gottesbegriff noch stark vom heutigen abwich, ihm sogar konträr war.
Mit dem NT ist nach allgemeiner Meinung dieser
Rachegott überwunden, auch wenn ihn die Kirche noch bis weit
ins 20 Jahrhundert dazu missbraucht hat.
In Sachen Biophilie sehe ich große Übereinstimmung zw. Buddhismus
und Christentum in wesentlichen Aspekten,
wobei der Buddhismus in manchen Dingen noch
radikaler zu sein scheint.
Präfigurationen halte ich für sehr fragwürdig.
Sie sind interessengeleitet und theologisch motiviert.
Oft wirken sie an den Haaren herbeigezogen bis absurd.
Re: Das Opfer der Erstgeburt in der Thora #1
Γραικύλος schrieb am 08.06.2024 um 20:21 Uhr (Zitieren)
Ich sehe halt nicht, wo in den 10 Geboten oder in den Geboten Jesu (Nächsten- und Feindesliebe) von Tier- und Pflanzenschutz die Rede ist.
Hingegen im Buddhismus, der viel sparsamer mit 4 Regeln für Laien auskommt, lautet eine davon: "Ich will mich bemühen, kein Lebewesen zu töten."
Re: Das Opfer der Erstgeburt in der Thora #1
Aurora schrieb am 09.06.2024 um 09:30 Uhr (Zitieren)
Man muss auch den 10 Geboten ein Weiterentwicklung gestatten und sie sogar fordern.
Auch Dogmen sind zeitgemäß auszulegen,
sonst sind sie kaum noch vermittelbar.
Dogmatiker werden nie arbeitslos,
obwohl man das Wichtige mMn viel einfacher
sagen kann und es hätte längst können.
Um mehr als um das Doppelgebot kann es nie gehen. Und das zu praktizieren ist schwer genug, oft unmöglich (strukturelle Sündensituation der Menschen).
Ecclesia semper reformanda et dogmatica cum ea.
Der konservative Philosoph Robert Spaemann sagt:
Man soll nichts essen, was Augen hat.
Doch auch die Ernährung der Menschheit lässt sich nicht von heute auf morgen umstellen.
Dennoch muss sie eine andere werden aus mehreren Gründen v.a. gesundheitlichen.
Es gibt erkennbare Fortschritte und einen Bewusstseinswandel.
Zwischen richtiger, beweisbarer Theorie und deren Umsetzung vergeht gewöhnlich viel Zeit
oder man stößt an Machbarkeitsgrenzen.
Das Paradies auf Erden wird ohnehin eine ewige Illusion bleiben.
Immerhin kann sie zu Verbesserungen motivieren.
Die Umsetzung des Biophilie-Prinzip ist langwierig,
sehr teuer und sehr unbequem. Denn ist wird ohne größere Verzichte nicht gehen.
Und verzichten ist ein Verb, das der Mensch nur
ungern hört. Viele Gewohnheiten wären zu hinterfragen und zu ändern,
was dem Gewohnheitstier MENSCH bekanntlich sehr schwer fällt.
Re: Das Opfer der Erstgeburt in der Thora #1
filix schrieb am 09.06.2024 um 11:02 Uhr (Zitieren)
Diese Umdeutung zur Biophilie von Dtn 30,19 wo Moses als Sprachrohr Gottes unter Androhung der Auslöschung für die Weigerung das Volk auf die Annahme der Gebote und die monotheistische Option verpflichten will (denn darin besteht diese Wahl), war schon bei Fromm eine Chuzpe.
Re: Das Opfer der Erstgeburt in der Thora #1
Johannes schrieb am 09.06.2024 um 13:37 Uhr (Zitieren)
Dient etwa der Dekalog nicht dem Lebensschutz wie jede moderne, humane, wünschenswerte Gesetzgebung?
Er wurde ja so auch weder einem fiktiven Moses
oder anderen religiösen Größen geoffenbart, sondern ist "nur" komprimierte, reflektierte, mit dem Verweis auf Gott legitimierte Zusammenfassung von Regeln, die menschliches Zusammenleben ermöglichen sollen.
An die Stelle Gottes ist die Vernunft getreten, vor der sich
jedes (un)menschl. Handeln rechtfertigen muss.
Das Kriterium ist der kategorische Imperativ,
den man modern auch mit dem Biophilie-Prinzip
übersetzen kann, wie es Rupert Lay tut.
"Ich bin Leben, das leben will,inmitten von
Leben, das leben will.“
Albert Schweitzer
Re: Das Opfer der Erstgeburt in der Thora #1
Γραικύλος schrieb am 09.06.2024 um 15:03 Uhr (Zitieren)
Danke, filix, für die Einordnung von Deuteronomium 30, 19. Das als Beleg für eine biozentrische resp. biophile Ethik der Bibel zu nehmen, erfordert wirklich Chuzpe.
Geradezu ein Klassiker für die sinnentstellende Verwendung eines Zitates.
Re: Das Opfer der Erstgeburt in der Thora #1
Γραικύλος schrieb am 09.06.2024 um 15:08 Uhr (Zitieren)
Der kategorische Imperativ Kants ist ein durch und durch anthropozentrisches Prinzip: Er wendet sich an vernunftbegabte Wesen und bezieht sich auch nur auf sie.
Falls es auch nicht-menschliche vernunftbegabte Wesen geben sollte (Engel?), ist Kant bereit, die Gültigkeit auch auf sie zu beziehen.
Zum Tierschutz fällt ihm nur ein, daß Grausamkeit gegenüber Tieren auch zur Grausamkeit gegenüber Menschen verführen könnte.
Re: Das Opfer der Erstgeburt in der Thora #1
Andreas schrieb am 09.06.2024 um 16:22 Uhr (Zitieren)
Lohnschlächter ist wohl mit der schlimmste, denkbare Beruf.
Und wie es bei Massenschlachtungen zugeht,
darüber gibt es erschütternde Dokus.
Und trotzdem wollen manche die Fleischproduktion weiter steigern.
Γραικύλος schrieb am 09.06.2024 um 16:32 Uhr (Zitieren)
Es spricht einiges für diesen Zusammenhang; aber heutige Biothetiker bemängeln an Kants Standpunkt, daß Tieren - anders als Menschen - in seiner Ethik kein Eigenwert zukommt. Das ist in der utilitaristischen Ethik anders: "Die Frage ist nicht: können sie denken? oder: können sie sprechen?, sondern können sie leiden?" (Jeremy Bentham)
Re: Das Opfer der Erstgeburt in der Thora #1
Andreas schrieb am 09.06.2024 um 17:11 Uhr (Zitieren)
Und das können sie, wie wir heute wissen.
Wohin die Vernutzung von allem und jedem führt,
sieht am Zustand der Welt.
Die Natur würde schreien, wenn die eine Stimme hätte.
Und wir holen weiter raus aus hier, was das
Zeug hält.
Sie braucht uns nicht, aber wir leben von und in ihr.