Das Ilias-Epos als eine der frühesten historischen Quellen zur Sklaverei im antiken Griechenland widerspiegelt unterschiedliche Schichten der mykenischen Zeit und der dorischen Wanderung. Die Handlung ist Krieg, der durch adlige Anführer und ihre Anhänger geführt wird. Es kommt zur Eroberung von Städten, deren Männer, teilweise auch Kinder, getötet werden. Zwölf trojanische Jünglinge werden bei der Totenfeier des Patroklos geopfert. Hochrangige Frauen kommen als Raubgut unter Verfügungsgewalt der Sieger.
In der zweiten Phase – mykenische Städte gegen Troja um 1200 v.u.Z. – geht es auch um (Rück-)Eroberung von Frauen, jedoch meist als Beute neben anderen Formen von Beute. Männer werden weiterhin getötet; Kinder und Frauen der Besiegten werden bei Bedarf an Arbeitskräften versklavt und als Beute verschenkt. Das Los adliger Frauen, wie Andromache, Frau des Trojaners Hector, die ihres Ehemannes, seiner Brüder, ihrer Eltern und eigenen Brüder beraubt werden, ist Sklaverei.
Sklavenhandel im eigentlichen Sinne gibt es nur in Ausnahmefällen (bei Homer in der Episode des Lykaon); Sklavenhandel „ist höchstens als Tauschhandel von Beute bekannt“ (1). Direkte Quellen der Sklaverei sind Niederlage und Kriegsgefangenschaft. Hausgeburt von Sklaven wird nicht erwähnt; „von männlichen Sklaven ist keine Rede“ (außer von männlichen Kindern von Sklavinnen und von Hirtensklaven). All die hier dargestellten Szenen gehören in den welthistorischen Typus „Sklavinnen ohne Sklaverei“ (2) sowie frühe Kin-Formen der Sklaverei (3).
Frühe Männersklaven wurden manchmal als Hirten eingesetzt. Aber in der Ilias sind Adlige und Krieger noch selbst Hirten, wie die Brüder von Andromache. Erst später wurden männliche Sklaven bevorzugt Hirten, wie etwa bei süditalischen Griechen, Römern, Skythen oder Mongolen und überhaupt bei nomadisch lebenden Völkern.
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Auf dem Mittelmeer der Odyssee Homers waren besonders die „schiffsberühmten Phönizier“ und die Schiffsmannschaften der Griechen auf ihren „wohlgerundeten“ Schiffen als organisierte Razzien-Räuber, „geübte und geduldige Plünderer“ (4) und „Wikinger der Bronzezeit“ (5) gefürchtet, aber auch Kreter, Etrusker, Kilikier und Illyrer. [...]
(Michael Zeuske: Handbuch Geschichte der Sklaverei. 2 Bde. Berlin/Boston ²2020; Bd. 1, S. 508 f.)
(1) Hermann-Otto, „Die Ursprünge: von der mykenischen Palastwirtschaft zu den homerischen Fürstenhöfen“, S. 51-60, hier S. 56
(2) d.h. ohne formalisierte, rechtlich fixierte Sklaverei [Anm. W.W.]
(3) Sklaverei auf der Basis realer oder fingierter Verwandtschaft; vgl. Rom, wo die Haussklaven zur familia gerechnet wurden. [Anm. W.W.]
(4) Strauss, „Prolog. Fand der Trojanische Krieg wirklich statt?“, in: Strauss, Der Trojanische Krieg, S. 11-21, hier S. 19.
(5) Ebd., S. 19