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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Schicksal in der Geschichte am Beispiel von Kindermangel (446 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 05.12.2022 um 13:47 Uhr (Zitieren)
Polybios XXXVI 17:
Da ich mich mit denen, die das Weltgeschehen im ganzen [τὰς κοινὰς πράξεις] und die Unglücksfälle, die einzelne treffen, der Tyche und dem Schicksal zuschreiben, nicht einverstanden erklären kann, will ich jetzt meine Auffassung zu dieser Frage darlegen, soweit das ein pragmatisches Geschichtswerk zuläßt.

Sicher, alles, wovon es für uns Menschen unmöglich oder doch schwierig ist die Ursachen zu erfassen, das kann man vielleicht in seiner Unwissenheit auf Gott oder die Tyche zurückführen, zum Beispiel besonders heftige und anhaltende Regengüsse und Schneefälle, oder umgekehrt Trockenheit und Frost, die zu Mißernten führen, ebenso langdauernde Seuchen und anderes Ähnliches mehr, wofür es schwer ist, die Ursache zu ergründen.

Es ist daher verständlich, wenn wir deswegen, in solcher Ratlosigkeit uns dem Volksglauben [ταῖς τῶν πολλῶν δόξαις] verschreibend, die Gottheit durch Gebete und Opfer zu versöhnen suchen und die Orakel befragen, was wir sagen und tun müssen, damit das Unglück, das uns getroffen hat, weicht und eine Wendung zum Besseren eintritt. Dort aber, wo es durchaus möglich (1) ist, die Ursache herauszufinden, aus der und derentwegen geschehen ist, was geschah, dürfen wir meines Erachtens die betreffenden Ereignisse nicht auf die Gottheit zurückführen.

Um ein Beispiel anzuführen: in der Zeit, in der wir leben, ist in ganz Griechenland die Zahl der Kinder, überhaupt der Bevölkerung in einem Maße zurückgegangen, daß die Städte verödet sind und das Land brachliegt, obwohl wir weder unter Kriegen von längerer Dauer noch unter Seuchen zu leiden hatten. Wenn uns nun jemand den Rat gäbe, deswegen zu den Orakeln zu schicken und die Götter zu befragen, was wir sagen und tun müssen, um an Zahl zuzunehmen und die Bevölkerung unserer Städte zu vermehren, würden wir den nicht einen Narren heißen, da doch der Grund klar zutage liegt und da es in unserer Macht steht, das Übel abzustellen?

Denn nur deshalb, weil die Menschen der Großmannssucht, der Habgier und dem Leichtsinn verfallen sind, weder mehr heiraten noch, wenn sie es tun, die Kinder, die ihnen gebo-ren werden, aufziehen wollen, sondern meist nur eins oder zwei, damit sie im Luxus aufwachsen und ungeteilt den Reichtum ihrer Eltern erben, nur deswegen hat das Übel schnell und unvermerkt um sich gegriffen. Wenn nur ein oder zwei Kinder da sind und von diesen das eine der Krieg, das andere eine Krankheit hinwegrafft, bleibt natürlich Haus und Hof verwaist zurück, und die Städte, ebenso wie ein Bienenschwarm, werden allmählich arm und ohnmächtig.

In diesem Fall tut es nicht not, die Götter zu befragen, wie wir diesen Übelstand beseitigen können. Jedweder wird uns ohne weiteres sagen: das können wir selbst aus eigener Kraft, indem wir uns andere Ziele und Ideale setzen, und falls das nicht geschieht, Gesetze geben, die dafür sorgen, daß die Kinder, die geboren werden, aufgezogen werden. Dafür braucht man weder Seher noch Wunderzeichen. Und dasselbe gilt wie für den Staat so auch für den einzelnen. Nur dort, wo die Ursachen schwer oder gar nicht zu fassen sind, muß die Frage offen bleiben.
[...]

(Polybios: Geschichte. Gesamtausgabe in zwei Bänden. Herausgegeben und übertragen von Hans Drexler. Zürich/Stuttgart 1961; Band II, S. 1301-1303)

(1) in der Übersetzung: unmöglich; aber im Original: δυνατόν

Klar und eindeutig sind die Ursachen in der Geschichte freilich nicht.
 
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