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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Eine populistische Rede (376 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 02.12.2022 um 13:16 Uhr (Zitieren)
Als Musterbeispiel einer populistischen Rede erscheint mir die folgende des L. Sergius Catilina (Sallust, De coniuratione Catilinae XX):

Nach mehreren gescheiterten Anläufen bewarb sich L. Sergius Catilina für das Jahr 63 v.u.Z. erneut um das Konsulat.
Hättet ihr nicht eure Tüchtigkeit und Treue mir schon längst bewährt, so wäre eine herrliche Gelegenheit umsonst gekommen; eine schöne Hoffnung, die Macht, schon mit Händen greifbar, wäre ein Traumbild geblieben [dominatio in manibus frustra fuissent]. Auch würde ich nicht mit Feiglingen oder unzuverlässigen Geistern nach Ungewissem statt nach Gewissem greifen. Aber da ich schon in vielen schweren Stunden der Gefahr euch treu und tapfer fand, deshalb habe ich den ersten Schritt zu der gewaltigen und wunderbaren Tat gewagt, zumal ich sah, daß euer Wohl und Wehe gleich dem meinen ist – dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen, das erst ist ja feste Freundschaft [idem velle atque idem nolle, ea demum firma amicitia est].

Meine Pläne habt ihr alle, der eine hier, der andre dort, schon längst gehört. Nun aber glüht mein Herz von Tag zu Tage mehr bei dem Gedanken, welches Lebensschicksal unser wartet, wenn wir uns nicht selbst die Freiheit schaffen [nisi nosmet ipsi vindicamus in libertatem]. Denn seit der Zeit, da unser Staat in die völlige Abhängigkeit weniger Machthaber geriet, waren ihnen stets Könige und Fürsten steuerpflichtig, Staaten und Völker mußten Abgaben zahlen; wir anderen alle, tüchtige, brave Leute, vornehm und gering, wir sind Masse [volgus] geworden, ohne Einfluß, ohne Ansehn, denen untertan, die uns fürchten müßten, wenn die alte Republik noch lebte.

So ist denn alles, Einfluß, Macht, Ehre, Reichtum, in ihrer Hand oder in der Hand von ihren Kreaturen; uns ließen sie nur Gefahren, Zurücksetzung, Prozesse, bittere Armut. Wie lange wollt ihr eigentlich das noch ertragen, meine tapfren Freunde [quae quo usque tandem patiemini, o fortissimi viri]? Ist es nicht besser, ehrenvoll zu fallen statt ein elendes und ehrloses Leben, wobei man fremdem Übermut zum Spotte dient, mit Schande zu verlieren?

Doch nein, so gewiß es eine Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden gibt [pro deum atque hominum fidem], der Sieg ist unser, wir sind jung, wir haben starken Mut; die andern aber wurden durch Jahre und Schlemmerleben völlig alt und stumpf. Nur anzufangen gilt es, alles andre wird sich dann von selber finden. Denn wer ein ganzer Kerl ist, kann er es ertragen, wie sie im Reichtum schwelgen, wie sie ihn verschwenden, um ins Meer hinauszubauen und Berge einzuebnen, während uns zum Nötigsten die Mittel fehlen? Wie sie zwei oder noch mehr Stadtpaläste aneinanderreihen, uns aber nicht einmal ein eigner Herd beschieden ist? Wenn sie Gemälde, Bildwerke, kunstvoll gearbeitete Gefäße kaufen, neue Gebäude niederreißen, andre aufbauen, kurz, auf alle Weise ihr Geld verschleppen und verschleudern, so bringen sie es doch bei allem üppigen Genießen nicht fertig, ihren Reichtum klein zu kriegen.

Wir aber haben zu Hause Not, draußen Schulden, die Gegenwart ist schlimm, die Zukunft noch viel härter: kurz, was bleibt uns übrig als ein erbärmliches Leben? Warum erwacht ihr also nicht [Quin igitur expergiscimini]? Seht, dort habt ihr sie, die ihr so oft ersehntet, die Freiheit, dazu steht Reichtum, Ehre, Ruhm vor euern Augen; das Schicksal hat das alles den Siegern zum Lohn bestimmt [fortuna omnia ea victoribus praemia posuit].

Unsre Lage, die Zeit, Gefahren, Armut, herrliche Kriegsbeute mahnen euch noch mehr als meine Worte. Nehmt mich als Führer oder als einfachen Soldaten: weder mein Kopf noch mein Arm soll euch fehlen [vel imperatore vel milite me utimini: neque animus neque corpus a vobis aberit]. Als Konsul werde ich dies alles hoffentlich mit euch zusammen leisten, wenn ich mich nicht täusche und ihr es nicht vorzieht, lieber Sklaven als Herren zu sein [et vos servire magis quam imperare parati estis].

(Sallust: Werke. Hrsg. v. Wilhelm Schöne und Werner Eisenhut. München 61980, S. 34-39)

Ob Cicero mit seinem berühmten, gegen Catilina gerichteten "quo usque tandem ..." Catilina zitiert hat? Hier kommt es jedenfalls vor.
Re: Eine populistische Rede
filix schrieb am 03.12.2022 um 19:05 Uhr (Zitieren)
Die Rede ist fingiert, Sallusts Catilina parodiert also über zwanzig Jahre später das berühmte Vorbild.
Re: Eine populistische Rede
Γραικύλος schrieb am 04.12.2022 um 13:30 Uhr (Zitieren)
Sallust läßt Catilina Cicero parodieren. Das ist witzig.
 
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