α β γ δ ε ζ η θ ι κ λ μ ν ξ ο π ρ ς σ τ υ φ χ ψ ω Α Β Γ Δ Ε Ζ Η Θ Ι Κ Λ Μ Ν Ξ Ο Π Ρ C Σ Τ Υ Φ Χ Ψ Ω Ἷ Schließen Bewegen ?
Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Die Sekte der Essener #2 (312 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 29.11.2022 um 12:57 Uhr (Zitieren)
Flavius Josephus, De bello Iudaico II 8, 2-13 (119-160):
5. Der Gottheit [τὸ θεῖον] gegenüber sind sie auf eigenartige Weise fromm. Bevor nämlich die Sonne aufgeht, sprechen sie nichts Unheiliges aus, vielmehr einige altherkömmliche Gebete an sie, gleichsam bittend, daß sie aufgehe. Und danach werden sie von den Aufsehern entlassen, ein jeder zu dem Gewerbe, das er versteht. Und wenn sie bis zur fünften Stunde angespannt gearbeitet haben, sammeln sie sich wieder an einem Platz, schürzen ein Leinentuch um und waschen so den Leib mit kaltem Wasser. Und nach dieser Reinigung begeben sie sich gemeinsam in ein besonderes Gebäude, zu dem keiner von den Andersgesinnten Zutritt hat; sie selbst betreten als Reine wie einen heiligen Bezirk den Speisesaal. Und wenn sie unter Schweigen Platz genommen haben, setzt der Bäcker ihnen der Reihe nach die Brote vor, und der Koch setzt jedem ein Gefäß mit einem einzigen Gericht vor. Es spricht aber der Priester vor der Mahlzeit ein Gebet, und vor dem Gebet zu essen ist wider das Gesetz. Nach der Mahlzeit betet er wieder; zu Anfang und am Schluß ehren sie Gott als Spender des Lebens. Sodann legen sie die Gewänder als heilige ab und wenden sich wieder der Arbeit zu bis zum Abend. Sie speisen aber in gleicher Weise nach ihrer Rückkehr, diesmal in Tischgemeinschaft mit den Fremden, falls solche bei ihnen sind. Weder Geschrei noch Lärm entweiht jemals das Haus, sie gewähren einander, der Ordnung nach zu sprechen. Und denen, die sich draußen befinden, erscheint die Stille derer, die drinnen sind, wie ein schauerliches Mysterium; der Grund dafür ist aber die ständige Nüchternheit und die Tatsache, daß sie sich Speise und Trank nur bis zur Sättigung zumessen.

6. Von den sonstigen Dingen setzen sie nichts ohne Anordnung der Aufseher ins Werk; nur dies beides ist bei ihnen der eigenen Entscheidung anheim gegeben: Hilfeleistung und Erbarmen. Denen nämlich zu helfen, die es wert sind, wenn sie es nötig haben, ist ihnen selbst überlassen, und den Bedürftigen Nahrung darzureichen. Den Verwandten etwas zuzuwenden ist ihnen jedoch nur mit Zustimmung der Aufseher gestattet. Des Zornes gerechte Verwalter, der Aufwallung Bezwinger, der Treue Vorkämpfer, des Friedens Diener. Alles, was sie sagen, ist gewisser als ein Eid; zu schwören aber lehnen sie ab, da sie es für schlimmer halten als den Meineid. Denn es sei schon verurteilt, wer unglaubwürdig ist, auch ohne Anrufung Gottes. Sie bemühen sich aber in außerge-wöhnlicher Weise um die Schriftwerke der Alten (1); dabei wählen sie vor allem das aus, was Seele und Leib fördert. Aus diesen Schriften erforschen sie zur Heilung von Krankheiten heilkräftige Wurzeln und Eigenschaften von Steinen.

7. Denen aber, die sich um die Aufnahme in die Sekte bewerben, steht der Eintritt nicht sogleich frei, sondern man macht dem Bewerber, während er ein Jahr lang außerhalb der Gemeinschaft bleibt, dieselbe Lebensweise zur Aufgabe und gibt ihm eine kleine Axt, den oben erwähnten Schurz und ein weißes Gewand. Wenn er in dieser Zeit die Probe der Enthaltsamkeit besteht, tritt er der essenischen Lebensweise näher und nimmt an reineren Läuterungsbädern teil; zugelassen zu den Betätigungen des Gemeinschaftslebens wird er indes noch nicht. Denn nach dem Erweis der Standhaftigkeit wird während weiterer zwei Jahre sein charakterliches Verhalten erprobt, und nur wenn er sich würdig zeigt, wird er in die Schar eingereiht. Bevor er jedoch die gemeinsame Speise anrührt, schwört er ihnen furchtbare Eide, erstlich die Gottheit zu verehren, dann das, was den Menschen gegenüber gerecht ist, zu bewahren und weder aus freiem Entschluß jemandem Schaden zuzufügen noch auf Befehl, immer aber die Ungerechten zu hassen und auf der Seite der Gerechten zu kämpfen, stets allen die Treue zu halten, allermeist aber der Obrigkeit, denn ohne Gott erwachse niemandem eine Herrscherstellung. Und falls er selbst zu befehlen habe, so werde er niemals gegen die Vollmacht durch mutwilligen Mißbrauch verstoßen und die Untergebenen auch nicht durch Kleidung oder durch irgendein Mehr an Schmuck überstrahlen. Er werde die Wahrheit immer lieben und es sich zur Aufgabe machen, die Lügner zu überführen. Er werde die Hände vor Diebstahl und die Seele rein von unrechtem Gewinn bewahren und weder vor den Anhängern der Sekte etwas verheimlichen noch anderen etwas von ihnen verraten, sollte man auch bis zum Tode Gewalt anwenden. Außerdem schwört er, niemandem die Satzungen anders mitzuteilen als wie er selbst sie empfing, keinen Raub zu begehen und die Bücher der Sekte in gleicher Weise wie die Namen der Engel sorgfältig zu bewahren. Mit solchen Eiden versichern sie sich der neu Eintretenden.

(Flavius Josephus: De bello Judaico – Der jüdische Krieg. 4. Bde. Hrsg. v. Otto Michel & Otto Bauernfeind. Darmstadt ³1982; Bd. 1, S. 204-213)

(1) Hiermit sind wohl vor allem die Heiligen Schriften der Juden gemeint.

Daß sie die Eide ablehnen, aber von den Neophyten verlangen, ist seltsam.
Re: Die Sekte der Essener #2
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 29.11.2022 um 16:11 Uhr (Zitieren)
Das ist auf den ersten Blick tatsächlich verwunderlich, einerseits die den Novizen abverlangten "furchtbaren Eide", andererseits die, wie es klingt, grundsätzliche (und begründete) Ablehnung von Eiden.
Mit Gewißheit kann man den Widerspruch vielleicht nicht auflösen, betrachtet man jedoch die beschworenen Glaubens- und Verhaltensregeln, vor allem den Passus "niemandem die Satzungen anders mitzuteilen als wie er selbst sie empfing", so kann man wohl mit einigem Recht davon ausgehen, daß es sich um den letzten Eid handelt, den der zukünftige essenische Glaubensbruder in seinem Leben ablegt, gewissermaßen auf der Schwelle von der "normalen" Welt, die der Eidesleistung (noch) bedarf, zur "neuen", in der er, in die Gemeinschaft - die ja auf ihre quasi arkane Stellung achtet - aufgenommen, seine Rede nur noch nach dem "Ja ja, Nein Nein" richtet bzw. richten muß.
Re: Die Sekte der Essener #2
Γραικύλος schrieb am 29.11.2022 um 16:38 Uhr (Zitieren)
Gedacht habe ich zunächst in der gleichen Richtung: Die Neulinge sind eben noch nicht auf dem Stand, daß man ihnen unbedingt vertrauen könnte.
Aber die Begründung für die Ablehnung von Eiden
Denn es sei schon verurteilt, wer unglaubwürdig ist, auch ohne Anrufung Gottes.

ist ja viel grundsätzlicher und gilt für jeden Menschen. Oder?
 
Antwort
Titel:
Name:
E-Mail:
Eintrag:
Spamschutz - klicken Sie auf folgendes Bild: Akropolis (Athen)

Aktivieren Sie JavaScript, falls Sie kein Bild auswählen können.