Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Die sexuelle Identität des Kaisers Elagabal (420 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 19.11.2022 um 13:37 Uhr (
Zitieren )
1. Cassius Dio: Römische Geschichte (in der Epitome des Xiphilinos)
Wenn er [sc. Elagabal] über irgend jemand zu Gerichte saß, machte er tatsächlich mehr oder weniger den Eindruck eines Mannes, doch zeigte er sich bei allen anderen Gelegenheiten in seinem Betragen und in seiner Sprechweise geziert. Er tanzte zum Beispiel gewöhnlich nicht nur in der Orchestra, sondern auch irgendwie bei Gehen, beim Opfern, bei Entgegenahme von Huldigungen oder bei einer Ansprache.
Und schließlich – womit ich nun wieder an den Anfang meines Berichtes zurückkommen will – er ließ sich vermählen, Weib, Herrin und Königin nennen [καὶ ἐγήματο, γυνή τε καὶ δέσποινα βασιλίς τε ὠνομάζετο], beschäftigte sich mit Wollarbeiten, trug zuweilen ein Haarnetz und malte sich die Augen, indem er sie mit Bleiweiß und Ochsenzunge schminkte. Ein einziges Mal ließ er sich das Kinn scheren und veranstaltete deshalb ein Fest; doch dann zupfte er sich die Haa-re aus, um so noch mehr einer Frau zu gleichen. Und wiederholt ruhte er auf einem Lager, während er den Gruß der Senatoren entgegennahm.
Der Gatte dieser „Frau“ war ein karischer Sklave Hierokles, einstmals ein Liebling des Gordius, von dem er das Fahren mit einem Rennwagen gelernt hatte. [...]
[LXXX 14, 3 – 15, 1]
2. Herodian: Geschichte des römischen Kaisertums seit Mark Aurel
Diesem Gotte [sc. Elagabal] nun also war Bassianus (1) als Priester geweiht, denn ihm, als dem älteren, hatte man den heiligen Dienst übertragen (2); und so zeigte er sich denn öffentlich in Barbarentracht, bekleidet mit goldgestickten purpurnen, bis an die Hände und Füße reichenden Untergewändern, während Kleider von gleich bunten Gold- und Purpurstoffen die Beine von den Hüften bis zu den Zehen bedeckten. Den Kopf schmückte ein Kranz von künstlichen, aus Gold und Edelsteinen bunt zusammengesetzten Blumen.
Er war in der Blüte der Jugend und von Ansehen der schönste Jüngling seiner Zeit, und es war ganz natürlich, daß man bei dieser Vereinigung von Leibesschönheit, Jugendblüte und zierlicher Kleidung den Jüngling mit den schönen Bildnissen des Dionysos vergleichen mochte [ἀπείκασεν ἄν τις τὸ μειράκιον Διονύσου καλαῖς εἰκόσιν].
Wenn er nun so die Kultopfer vollzog und nach dem Klange der Flöten, Syringen und vieler anderer Instrumente nach Sitte der Barbaren um die Altäre tanzte, sahen ihm alle Leute mit besonderer Anteilnahme zu, vorzüglich aber die Soldaten, welche wußten, daß er von kaiserlicher Abkunft war (3), während seine Jugendschönheit aller Blicke auf sich zog. [...]
[V 6 f.]
(1) so der ursprüngliche Name des Kaisers
(2) in Emesos, einer Stadt in Phönizien, woher er stammte
(3) Diese Abstammung war fiktiv und bezog sich auf Caracalla.
Ein Typus, der in einer Zeit, die binär dachte, noch auffallender war als in heutigen LGBTQ-Zeiten.