Γραικύλος schrieb am 14.11.2022 um 14:10 Uhr (Zitieren)
Neuerscheinung:
Ein Endzwanziger lernt eine Dozentin (Elizabeth Finch) kennen, die ihn als Person und hinsichtlich ihrer Ansichten beeindruckt. Zu diesen Ansichten gehört die These, daß der Weg Europas besser und toleranter verlaufen wäre, wenn Kaiser Julian Apostata mit seiner Restituierung des Heidentums erfolgreich gewesen wäre. Mit dessen Projekt setzt sich der Mittelteil des Romans auseinander.
Rezension: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 13.11.2022: "Kaiser Julian und wir".
Noch habe ich den Roman nicht gelesen, aber spontan habe ich mir gedacht, daß es drei entscheidende Punkte gab, an denen der Triumph des Christentums über das Heidentum hätte vereitelt werden können:
1. Jesus hätte nicht gekreuzigt werden dürfen. Ich weiß nicht, was dann aus der Anhängerschaft dieses seltsamen Rabbis geworden wäre; aber die christliche Religion, wie wir sie kennen, wäre nicht entstanden.
2. Paulus hätte nicht den Mythos von der Auferstehung Jesu ("Sieg über den Tod") verbreiten und die neue Religion für Nicht-Juden öffnen dürfen.
3. Die christliche Religion hätten ihren sektiererischen Selbstzerstörungstendenzen überlassen werden sollen, statt sie in ein Bündnis mit der weltlichen Macht (unter dem denkbar unchristlichen Kaiser Konstantin, dem Mörder seiner Familie) zu bringen.
Unter Julian Apostata war es für all das zu spät. Dessen Projekt mußte scheitern.
Dies sind meine Thesen.
Re: Eine alternative Geschichte Europas
Marcella schrieb am 15.11.2022 um 12:57 Uhr (Zitieren)
Der letzte Punkt ist sicher der ausschlaggebende.
Macht und Kirche....
Zum Thema der Christenverfolgungen wird selten thematisiert, dass die intensivsten und rücksichtslosesten Christenverfolgungen ab 313 von Christen durchgeführt wurden (nämlich v.a. um den Alleinstellungsanspruch der katholischen und Machtkirche zu sichern). Die um die 200 christlichen Sekten der Zeit wurden nach Möglichkeit ausgerottet.
Den Weg zur Macht konnte nicht einmal die inkommensurable Dogmatik aufhalten - oder war diese etwa ein perfides Erfolgsrezept?
Re: Eine alternative Geschichte Europas
Γραικύλος schrieb am 15.11.2022 um 23:10 Uhr (Zitieren)
Das Christentum hat nun wahrlich wenig Recht, sich über die Intoleranz und Verfolgung durch andere zu beklagen. Dieser ganze Märtyrer-Kult erscheint mir als Ideologie.
Zu dem anderen Punkt: Zur Zeit Konstantins war die Frage, welche Religion sich als die populärste erweisen würde, m.E. bereits entschieden. Die große Alternative der Spätantike, der Mithras-Kult, sprach mit seiner Fokussierung auf Beamte und Soldaten nicht in gleicher Weise die Massen an. Frauen und Sklaven, eine Religion "der kleinen Leute" (oder der Plebejer, wie Th. Mommsen sagte), das war die Zukunft.
Wie wirkmächtig das ist, erleben wir ja bis heute, wo das sogar ohne den religiösen Überbau funktioniert.
Deshalb komme ich auf die früheren Zeitpunkte: Hätte man das Christentum vermeiden wollen, dann hätte es die Ideologie nicht geben dürfen (Jesus), oder sie hätte eine jüdische Sekte bleiben müssen (Paulus). Wenn aber diese Katze einmal aus dem Sack ist ...