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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Das Goldene Zeitalter und sein Untergang (371 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 13.11.2022 um 13:57 Uhr (Zitieren)
(Ps.-)Seneca, Octavia V. 376-435:
SENECA: Warum, mächtige Fortuna, mit trügerischer Miene mir schmeichelnd, hast du mich, der ich mit meinem Lose zufrieden, hoch erhoben? Daß ich aufgenommen in erhabener Burg um so schwerer stürze und so viele Ängste vor Augen habe? Besser lebte ich verborgen [melius latebam], fern von der Mißgunst Bosheit, verbannt inmitten der Klippen des Korsischen Meeres (1), wo der Geist frei und Herr des eigenen Rechtes mir zu meinem Forschen immer Muße ließ [ubi liber animus et sui iuris mihi / semper vacabat studia recolenti mea]. Welche Lust war es, den Himmel zu betrachten, dem an Größe sich nichts vergleichen läßt, was Mutter Natur, einer gewaltigen Schöpfung Baumeisterin, hervorgebracht: der Sonne heiliges Gespann, des Alls Bewegung, der Nacht regelmäßige Wiederkehr, des Mondes Scheibe, welche die wandelnden Gestirne umgeben, und der großen Äthers weithin funkelnde Zier.

Altert es, um in seiner ganzen Größe ins dunkle Chaos wiederum zu versinken, so bricht jetzt für die Welt jener letzte Tag an, der ein unfrommes Geschlecht begraben soll unter des Himmels Einsturz, daß sie – besser wiedergeboren – abermals ein neues Geschlecht erzeuge, so wie sie es einst hervorgebracht hat in ihrer Jugend, da Saturnus Herr des Himmels war.
[qui si senescit, tantus in caecum chaos
casurus iterum, nunc adest mundo dies
supremus ille, qui premat genus impium
caeli ruina, rursus ut stirpem novam
generet renascens melior, ut quondam tulit
iuvenis, tenente regna Saturno poli.]
Damals regierte jene Jungfrau, eine Göttin von großer Gewalt, Justitia, vom Himmel gesandt mit der unverletzlichen Fides, auf Erden mild über das menschliche Geschlecht. Keine Kriege, nicht der Trompete trotziges Schmettern kannten die Völker, nicht Waffen, noch waren sie gewohnt, ihre Städte mit Mauern zu umgürten: offen stand allen der Durchgang, gemeinsam war jeglicher Güter Gebrauch [communis usus omnium rerum fuit]; die Erde selbst breitete üppig ihren fruchtbaren Schoß aus, ungeheißen, ihren so frommen Geschöpfen eine glückliche und schützende Mutter.

Aber andere, weniger friedfertige Nachbarn traten auf; ein drittes, kunstreiches Geschlecht erstand zu neuartigen Künsten, doch gottesfürchtig noch immer, bald darauf ein un-ruhiges, das im Lauf das flinke Wild zu verfolgen wagte, die flutbedeckten Fische mit schwerem Netz herauszuziehen oder leichter Angelrute, die Vögel zu täuschen mit Flechtwerk oder sie mit List in der gedrehten Schlinge zu fangen; die Stiere eingespannt ins Joch zu zwingen, mit der Pflugschar die früher abgabenfreie Erde zu furchen, die verletzt ihre Früchte tiefer innen in ihrem heiligen Schoße barg.

Doch bis in seiner Mutter Eingeweide drang ein noch schlimmeres Zeitalter: es grub schweres Eisen aus und Gold, bewaffnete bald damit die grausamen Hände. Die Länder aufteilend errichtete es Reiche, erbaute neuartige Städte, es verteidigte seine Behausungen mit sonderbaren Waffen oder griff beutelüstern Fremde damit an.

Mißachtet floh die jungfräuliche Astraea (2), der Gestirne große Zier, die Erde und die verwilderten Sitten der Menschen und ihre vom blutigen Morden befleckten Hände. Kriegslust wuchs und Hunger nach Gold über den ganzen Erdkreis hin; das größte Übel erstand, Üppigkeit [luxuria], ein gleißnerisches Verderben, dem Kraft verlieh und Mark die lange Dauer und schwere Verblendung.

Laster, durch so viele Zeitalter angesammelt, fluten auf uns zurück: ein schweres Jahrhundert lastet auf uns [saeculo premimur gravi], in dem Verbrechen regieren, rasende Gesetzlosigkeit tobt, Wollust einer schändlichen Venus unverhohlen herrscht, Üppigkeit als Siegerin des Erdkreises unermeßliche Schätze mit ehedem schon gierigen Händen zusammenrafft, nur um sie zu verschleudern.

(Seneca: Sämtliche Tragödien. 2 Bde. Hrsg. v. Theodor Thomann. Zürich/Stuttgart 1961; Bd. 1, S. 428-433)

(1) Seneca war unter Kaiser Claudius wegen einer Verwicklung in die Verschwörung der Messalina nach Korsika verbannt worden.
(2) Dike bzw. Iustitia, mit dem Sternbild der Virgo (Jungfrau) gleichgesetzt

Ich danke Marcella für den Hinweis auf diese Passage.

Iustitia und Fides vs. Luxuria.
Re: Das Goldene Zeitalter und sein Untergang
Marcella schrieb am 14.11.2022 um 10:59 Uhr (Zitieren)
Diese Version hört sich fast danach an, als hätte "Seneca" etwas verlauten gehört über die indische Lehre vom Kreislauf der Weltalter, die im Kali yuga endlich unter der Last deS steten Verfalls und des angehäuften schlimmen Karma in sich zusammenstürzen. Auszuschließen ist das nicht.

https://de.wikipedia.org › wiki › Kali-Yuga
Re: Das Goldene Zeitalter und sein Untergang
Γραικύλος schrieb am 14.11.2022 um 14:18 Uhr (Zitieren)
Dies hier:
Altert es, um in seiner ganzen Größe ins dunkle Chaos wiederum zu versinken, so bricht jetzt für die Welt jener letzte Tag an, der ein unfrommes Geschlecht begraben soll unter des Himmels Einsturz, daß sie – besser wiedergeboren – abermals ein neues Geschlecht erzeuge, so wie sie es einst hervorgebracht hat in ihrer Jugend, da Saturnus Herr des Himmels war.

Das klingt in der Tat indisch. Aber Seneca könnte es indirekt vermittelt bekommen haben, denn dieses Krieslauf-Modell taucht ja auch bei griechischen und lateinischen Autoren auf.
Re: Das Goldene Zeitalter und sein Untergang
Γραικύλος schrieb am 14.11.2022 um 14:18 Uhr (Zitieren)
Krieslauf --> Kreislauf
 
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