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Achilleus Tatios über die Bukolen #1 (421 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 06.11.2022 um 14:44 Uhr (
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Achilleus Tatios (2. Jhdt. u.Z.), Leukippe und Kleitophon III 9-13:
[...]
Nachdem wir uns hier (1) zwei Tage aufgehalten und von unseren Leiden erholt hatten (2), mieteten wir von dem Gelde, das wir noch im Gürtel hatten, ein ägyptisches Schiff und nahmen unsere Fahrt auf dem Nil nach Alexandrien; hier beschlossen wir vorzüglich deswegen zu verweilen, weil wir glaubten, unsere Freunde, wenn sie etwa das Land erreicht hätten, dort am ersten wiederzufinden.
In der Nähe einer Stadt hörten wir plötzlich ein starkes Geschrei, und der Schiffer drehte mit dem Ausruf: „Der Hirt [Ὁ βουκόλος]!“ das Schiff um, um wieder zurückzufahren; aber sogleich war das Land mit furchtbaren, wilden Menschen angefüllt. Sie waren alle groß und schwarz von Farbe; nicht ganz wie die Inder, sondern wie unechte Äthiopier; ihr Kopf war kahl, ihre Füße dünn, der Körper dick, und alle redeten eine fremde Sprache.
Der Steuermann hielt mit den Worten: „Wir sind verloren!“ das Schiff an; denn der Fluß war hier sehr schmal. Vier Räuber stiegen in das Schiff und nahmen alles auf dem Schiffe mit, auch unser Geld. Uns selbst banden sie, schlos-sen uns in eine Wohnung ein und gingen fort, nachdem sie uns Wächter zurückgelassen hatten, um uns den folgenden Tag zum Könige zu führen; so nannten sie den ersten unter den Räubern; bis dorthin war, wie wir von unsern Mitgefangenen hörten, ein Weg von zwei Tagen.
Die Nacht, als die Wächter schliefen und wir gefesselt da lagen, bracht‘ ich mit Klagen über Leukippes Schicksal zu. Ich bedachte bei mir, wie viel Unglück ich ihr schon bereitet habe, seufzte tief in meiner Brust und sagte, nur leise wehklagend:
„O ihr Götter und Dämonen! wenn ihr irgendwo seid und mich hört, was haben wir so sehr verschuldet, daß sich in wenig Tagen ein solcher Strom von Unglück über uns wälzt? Und jetzt gebt ihr uns noch ägyptischen Räubern in die Hän-de, damit sich niemand unserer erbarme. Einen griechischen Räuber kann doch noch die Stimme erschüttern und das Bitten erweichen; denn die Rede erweckt oft Mitleid [ὁ γὰρ λόγος πολλάκις τὸν ἔλεον προξενεῖ]; die Zunge, welche dem Schmerz der Seele zu Hilfe kommt, um das Gemüt des Hörenden zu erweichen, besänftigt den Zorn. Aber welcher Stimme sollen wir uns jetzt bedienen? Welche Eide sollen wir schwören? Und besäße jemand mehr Überredungskraft als selbst die Sirenen, der Mörder würde ihn doch nicht hören. [...]“
So klagte ich stillschweigend; weinen konnte ich aber nicht; dies ist uns bei großen Unglücksfällen eigen. Bei mäßigem Unglück fließen die Tränen reichlich herab; hier dienen sie den Leidenden dazu, die Züchtigenden um Schonung anzuflehen, und sie erleichtern die Schmerzen der Unglücklichen, wie bei einer schwellenden Wunde. Aber bei übermäßigem Unglücke fliehen auch die Tränen und verlassen die Augen. Die Traurigkeit hemmt den Ausbruch der aufsteigenden Tränen und führt sie mit sich hinab; so kehren sie von den Augen zurück, fließen in die Seele hinab und machen ihre Wunde noch heftiger.
Dann sagt‘ ich zu Leukippe, die beständig schwieg: „Warum schweigst du, Geliebteste? und sagst gar nichts zu mir?“
„Ach!“ antwortete sie, „was könnt‘ ich sprechen, Kleitophon, da mir vor der Seele die Stimme entwichen ist?“
(1) im Tempel von Pelusion an der Spitze des Nildeltas
(2) einer Seefahrt mit Sturm und Schiffbruch
Von den Räuberbanden des Nildeltas, den Bukolen, war hier schon die Rede. Achilleus Tatios hat das Potential dieses Stoffes für die dramatischen Erlebnisse eines Liebespaares gesehen.
Der Weg zur idyllischeren Bedeutung von "Bukolik" ist merkwürdig.