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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Die alte Klage vom Verfall der Kultur (372 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 06.11.2022 um 00:00 Uhr (Zitieren)
Ammianus Marcellinus XIV 6, 18:
Quod cum ita sit, paucae domus studiorum seriis cultibus antea celebratae nunc ludibriis ignauiae torpentis exundant uocabili sonu perflabili tinnitu fidium resultantes. denique pro philosopho cantor et in locum oratoris doctor artium ludicrarum accitur et bibliothecis sepulchrorum ritu in perpetuum clausis organa fabricantur hydraulica et lyrae ad speciem carpentorum ingentes tibiaeque et histrionici gestus instrumenta non leuia.

Infolge dieser Verhältnisse sind die wenigen Häuser, die früher wegen ernsthafter Pflege der Wissenschaften berühmt waren, jetzt erfüllt von Spielereien einer langweiligen Untätigkeit und hallen von Gesang und seichtem Geklimper der Saiteninstrumente wider. Schließlich holt man statt des Gelehrten einen Sänger und statt des Redners einen Possenreißer als Lehrer zu sich. Die Bibliotheken sind wie Grabmäler für immer geschlossen; man läßt sich Wasserorgeln bauen oder riesige Leiern vom Ausmaß eines Wagens und Flöten wie Ungeheuer von Instrumenten für Schauspielkunststücke.

(Ammianus Marcellinus: Römische Geschichte. Herausgegeben von Wolfgang Seyfarth. 4 Teile, Darmstadt 1970; Teil 1, S. 76 f.)

Nun, die Spätantike kann man so sehen; hier überrascht mich freilich der Kontrast zu spektakulären technischen Errungenschaften. Wer mag dafür einen solchen Aufwand betrieben haben?
Re: Die alte Klage vom Verfall der Kultur
Marcella schrieb am 06.11.2022 um 11:29 Uhr (Zitieren)
Spätrömische Dekadenz? Ganz anders als der arme Westerwelle das auffasste, ist eine Ursache des Verfalls eher das: Die mangelknde Verteilungsgerechtigkeit.
Hartmut Vensky, ZEIT, 6.2.2012: "Aber die Verteilungsungerechtigkeit wurde zu krass. Knapp ein Prozent der 50 bis 80 Millionen Menschen, die um Christi Geburt im Römischen Reich lebten, teilten den Reichtum unter sich auf. Die Elite der Grundbesitzer, Staatsbeamten und Militärs lebte dank der hohen Steuereinnahmen aus den Provinzen im Überfluss, lateinisch "luxuria".

Die Macher der Wanderausstellung Luxus und Dekadenz. Römisches Leben am Golf von Neapel nennen die Preise: 4000 Sesterzen für ein Pfund Purpur, 100.000 für einen guten Lustsklaven, eine Million für einen edlen Tisch aus Zitrusholz. Ein freier Bürger der Unterschicht verdiente als Tagelöhner vier Sesterzen am Tag. Sklaven verdienten nichts.

Die im Überfluss lebende Elite neigte offenbar zu Exzessen, die ihre Urteilsfähigkeit trübten und die Verteidigungsbereitschaft Roms schwächten – wobei man vorsichtig sein muss: Die in Hollywood so beliebten Ausschweifungen und Orgien gehen auf zeitgenössische Beschreibungen zurück, die oft von politischen Interessen gefärbt sind."

Die Indentifikation mit dem System geht so auf die Dauer flöten, wenn immer dünnere Eliten immer mehr an sich reißen. Diese Einstellung der sozialen Verantwortungslosigkeit : "Alles sei für uns" hat übrigens niemand anders als Adam Smith angeprangert, der nicht unbedingt der Prophet der hemmungslosen Bereicherung war. - Man muss den Römern allerdings lassen: Ihr Weltreich bleib über Jahrhunderte stabiler als die modernen Imperien - wie das spanische, das niederländische , das britische oder vielleicht demnächst auch das US-amerikanische. Sie haben nicht alles falsch gemacht.

Re: Die alte Klage vom Verfall der Kultur
Γραικύλος schrieb am 06.11.2022 um 14:20 Uhr (Zitieren)
Daß die mangelnde Identifikation mit dem Staat Folgen hat, leuchtet ein. Über Landflucht, Räuberbanden und Steuerhinterziehung wird in der Spätantike viel berichtet.
 
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