Γραικύλος schrieb am 05.11.2022 um 14:25 Uhr (Zitieren)
Ovid, Fasti III 583-616:
(Ovid: Fasti – Festkalender. Hrsg. v. Niklas Holzberg. Zürich 1995, S. 80-83)
Wie selbstverständlich auch Götter vergewaltigen und mißhandeln! Schon das läßt einiges für den Umgang unter Menschen ahnen.
Re: Dea Muta
Marcella schrieb am 06.11.2022 um 11:15 Uhr (Zitieren)
Was aus Juturna geworden ist, die sich so konsequent dem göttlichen Bedürfnis entzogen hat, wissen wir nicht. Sie ignoriert ihr eigenes Glück (das, wie es scheint, identisch mit dem Glück des Herren ist).
Die Rede Juppiters toppt die alte Sklavenhalterideologie, dass die Unterlegenen oft nicht wissen, dass die Ergebung in den fremden Willen besser in jeder Hinsicht für sie ist. (In der Neuzeit betont z.B. auch Hegel, dass es besser sei für die "Neger," Sklave zu sein.)
Der armen Lara/Larunda hat man es aber aufs Gräßlichste eingetränkt! Ich muss mich mal nächster Tage eingehend mit Ovid, Fasti 2,583 ff. beschäftigen. Ovid betatigt sich wohl wieder als Frauenversteher.
Re: Dea Muta
Γραικύλος schrieb am 06.11.2022 um 14:18 Uhr (Zitieren)
Das ist Patriarchat pur, bis in die Götterwelt, "nach unserem Bilde geschaffen", hinein.
Über die Juturna und Juppiters Belohnung erfährt man noch etwas in Vergils Aeneis (XII 139-142; 244-265; 869-886).
Re: Dea Muta
Marcella schrieb am 06.11.2022 um 16:34 Uhr (Zitieren)
Patriarchat pur, ja, und zwar in der übelsten Ausprägung des toxischen Männlichkeit.
Was sagt uns dieser aufschlussreiche Text?
- Juppiter geht es ausschließlich um Sex: "mea magna voluptas", und er setzt scheinbar voraus, dass Juturnas eigentliches Interesse auch darin beschlossen sein müsse, ihn zu befriedigen. Wie Nietzsche sagt: "Das Glück des Weibes heißt: ER will!"
- Wenn der Gott so leidet, ist oft die Frau schuld.
- Vater Almo sagt immer wieder der obendrein mit einem Sprachfehler behafteteten Lara:
"Klappe halten, meine Tochter." Und sie tut es nicht. Hat sie dann das grässliche Ende nicht irgendwie verdient?
- Lara beklagt bei Juno auch noch die Ehefrauen: miserata nuptas. Das geht zu weit.
- Natürlich muss die ungehorsame Frau - Grundlage aller sexistischen Weltsicht damals wie heute - in die Unterwelt abgeschoben und zum Schweigen gebracht werden. Man benutze sie als Sexualobjekt und mache ihr Kinder.
Dann ist alles gut, oder?
Ich vermute, dass Ovid hier karikiert. Und in wenigen Worten zeichnet er eindrucksvoll die
entsetzliche stumme Not Laras.
Immerhin ist die Stumme Göttin auch eine bedeutende Figur, wie anderswo dokumentiert.
Re: Dea Muta
Γραικύλος schrieb am 06.11.2022 um 22:27 Uhr (Zitieren)
Ovid, so habe ich kürzlich gelesen, war einer der wenigen antiken Autoren, die bemüht waren, die Perspektive von Frauen einzunehmen.
Ganz sicher schildert er diese Geschichte von der Dea Muta nicht mit Begeisterung für diese Götter.