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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Dea Muta (319 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 05.11.2022 um 14:25 Uhr (Zitieren)
Ovid, Fasti III 583-616:
Wer Dea Muta denn sei, das willst du nun gleich von mir wissen:
Hör, was von Greisen, die mich’s lehrten, darüber ich weiß!
Jupiter, hemmungslos einst der Begier nach Juturna ergeben,
Litt viel, was so ein Gott niemals sonst durchmachen sollt‘.
Bald war jene versteckt in den Haselstauden im Walde,
Bald kam hinabtauchend sie zu ihren Schwestern im Quell.
Er ruft die Nymphen zusammen, soweit sie in Latium wohnen,
Und inmitten der Schar sagt er erregt ihnen dies:
„Was ihr zum Glück doch gereicht, das vermeidet und gönnt sich nicht eure
Schwester: vereint zu sein mit dem erhabenen Gott
[summo iungere membra deo].
Helft uns beiden! Denn das, was meine riesige Lust ist,
Bringt eurer Schwester dann riesige Vorteile ein!
Flieht sie, so stellt euch ihr am Rande des Ufers entgegen,
Daß in die Fluten des Stroms nicht sie hinabtauchen kann!“
Sprach’s, und beifällig nickten die Nymphen des Tibers und alle,
Die bei dir im Palast, göttliche Ilia, sind.
Grad war nun da eine Nymphe, die Lara hieß; zweimal die erste
Silbe sprechend hat man Lala sie früher genannt,
Weil einen Fehler sie hatte: Zu ihr sagte Almo des öftern:
„Zügle die Zunge, mein Kind [nata, tene linguam]!“ Aber sie zügelt sie nicht!
Kaum daß bei ihrer Schwester Juturna Gewässer sie anlangt,
Ruft sie: „Vom Ufer bleib weg!“, sagt dann, was Jupiter sprach,
Geht auch zu Juno, beklagt der Gattinnen Los und sagt: „In die
Nymphe Juturna ist jetzt heftig verliebt dein Gemahl!“
Zorn packt Jupiter: Sie, die sie nicht im Zaume hielt, ihre
Zunge reißt er ihr aus, ruft dann Merkur zu sich her:
Führ zu den Manen sie fort! Gelegenheit gibt’s dort zum Schweigen
[locus ille silentibus aptus];
Nymphe bleibt sie, jedoch Nymphe im Unterweltsfluß!“
Was er befiehlt, das geschieht. Unterwegs nahm ein Hain sie auf; da nun
Fand ihr Begleiter, der Gott, sagt man, Gefallen an ihr,
Greift zur Gewalt, und durch Blicke, nicht Worte fleht sie um Schonung;
Sprechen möchte ihr Mund – stumm ist er, müht sich umsonst.
Schwanger wird sie, gebiert Zwillinge, welche den Kreuzweg
Schützen, in unserer Stadt wachsam stets, Laren genannt.

(Ovid: Fasti – Festkalender. Hrsg. v. Niklas Holzberg. Zürich 1995, S. 80-83)

Wie selbstverständlich auch Götter vergewaltigen und mißhandeln! Schon das läßt einiges für den Umgang unter Menschen ahnen.
Re: Dea Muta
Marcella schrieb am 06.11.2022 um 11:15 Uhr (Zitieren)
Was aus Juturna geworden ist, die sich so konsequent dem göttlichen Bedürfnis entzogen hat, wissen wir nicht. Sie ignoriert ihr eigenes Glück (das, wie es scheint, identisch mit dem Glück des Herren ist).
Die Rede Juppiters toppt die alte Sklavenhalterideologie, dass die Unterlegenen oft nicht wissen, dass die Ergebung in den fremden Willen besser in jeder Hinsicht für sie ist. (In der Neuzeit betont z.B. auch Hegel, dass es besser sei für die "Neger," Sklave zu sein.)

Der armen Lara/Larunda hat man es aber aufs Gräßlichste eingetränkt! Ich muss mich mal nächster Tage eingehend mit Ovid, Fasti 2,583 ff. beschäftigen. Ovid betatigt sich wohl wieder als Frauenversteher.
Re: Dea Muta
Γραικύλος schrieb am 06.11.2022 um 14:18 Uhr (Zitieren)
Das ist Patriarchat pur, bis in die Götterwelt, "nach unserem Bilde geschaffen", hinein.

Über die Juturna und Juppiters Belohnung erfährt man noch etwas in Vergils Aeneis (XII 139-142; 244-265; 869-886).
Re: Dea Muta
Marcella schrieb am 06.11.2022 um 16:34 Uhr (Zitieren)
Patriarchat pur, ja, und zwar in der übelsten Ausprägung des toxischen Männlichkeit.

Was sagt uns dieser aufschlussreiche Text?
- Juppiter geht es ausschließlich um Sex: "mea magna voluptas", und er setzt scheinbar voraus, dass Juturnas eigentliches Interesse auch darin beschlossen sein müsse, ihn zu befriedigen. Wie Nietzsche sagt: "Das Glück des Weibes heißt: ER will!"
- Wenn der Gott so leidet, ist oft die Frau schuld.

- Vater Almo sagt immer wieder der obendrein mit einem Sprachfehler behafteteten Lara:
"Klappe halten, meine Tochter." Und sie tut es nicht. Hat sie dann das grässliche Ende nicht irgendwie verdient?

- Lara beklagt bei Juno auch noch die Ehefrauen: miserata nuptas. Das geht zu weit.

- Natürlich muss die ungehorsame Frau - Grundlage aller sexistischen Weltsicht damals wie heute - in die Unterwelt abgeschoben und zum Schweigen gebracht werden. Man benutze sie als Sexualobjekt und mache ihr Kinder.
Dann ist alles gut, oder?

Ich vermute, dass Ovid hier karikiert. Und in wenigen Worten zeichnet er eindrucksvoll die
entsetzliche stumme Not Laras.
Immerhin ist die Stumme Göttin auch eine bedeutende Figur, wie anderswo dokumentiert.
Re: Dea Muta
Γραικύλος schrieb am 06.11.2022 um 22:27 Uhr (Zitieren)
Ovid, so habe ich kürzlich gelesen, war einer der wenigen antiken Autoren, die bemüht waren, die Perspektive von Frauen einzunehmen.
Ganz sicher schildert er diese Geschichte von der Dea Muta nicht mit Begeisterung für diese Götter.
 
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