Γραικύλος schrieb am 04.11.2022 um 12:49 Uhr (Zitieren)
L. Seneca d.J., Briefe an Lucilius XV 95, 30 f.: (L. Annaeus Seneca, Philosophische Schriften. Vierter Band. Hrsg. v. Manfred Rosenbach. Darmstadt 1984, S. 478-481)
Genus mitissimum, wie mag er darauf kommen?
Re: Seneca als Pazifist
Marcella schrieb am 06.11.2022 um 12:16 Uhr (Zitieren)
Genus mitissimum - vielleicht ist das proto-rousseauisch gedacht - in der Vorstellung, dass ein nicht-entfremdetes und nicht von so abartigen Vorstellungen ("gloriosum scelus!" , Putin lässt grüßen) irritiertes Volk wieder zu seiner natürlichen Gutartigkeit finde.
Der Überseehandel (-bzw. -raub) und in der Folge ein unnatürlicher Reichtum Weniger war doch der Start in das eherne Zeitalter. So hören wir es doch nicht nur bei Seneca.
Re: Seneca als Pazifist
Γραικύλος schrieb am 06.11.2022 um 14:22 Uhr (Zitieren)
Daß der Mensch - proto-rousseauisch - von Natur aus gut sei und nur durch Umstände/Gesellschaft böse gemacht werde - gibt es dafür bei Seneca weitere Anhaltspunkte?
Re: Seneca als Pazifist
Marcella schrieb am 06.11.2022 um 15:55 Uhr (Zitieren)
Oh, da bin ich im Augenblick überfragt. Ich habe zwar den ganzen Seneca gelesen, aber das vor dreißig Jahren. Ich meine, solche Ideen kamen gelegentlich vor. Einstweilen biete ich Dir die schöne Utopie des Tibull über das Goldene Zeitalter an: Tibull I,3, 35-50, da heißt es zum Schluß über den Frieden damals:
Non acies, non ira fuit, non bella, nec ensem/ inmiti saevus duxerat arte faber./ nunc
Iove sub domino caedes et vulnera semper,/ nunc mare, nunc leti mille repente viae.
So sieht die Herrschaft Juppiters aus. Stets ist der Einbruch des Krieges und des Mordes in diesem Topos, auch bei Seneca, mit der Einführung des überseeischen Warenhandels verbunden und dem verrückten Streben nach Gold.
Vorausgesetzt ist bei diesem Tableau: Die Menschheit ist/wäre im Prinzip friedenstauglich. Aber Tibull ist ohnehin überzeugter Pazifist.
Re: Seneca als Pazifist
Γραικύλος schrieb am 06.11.2022 um 22:25 Uhr (Zitieren)
Schöne Stelle bei Tibull, auch im Kontext. Da erwähnt er ja etwas, das mich immer erstaunt hat: das Goldene Zeitalter war das des Kronos bzw. Saturn. Von dem andererseits auch so Schreckliches berichtet wird, etwa daß er seine Kinder verschlungen habe.
Wenn man etwa Goyas berühmtes Gemälde "Saturn verschlingt seine Kinder" anschaut, käme man nicht auf den Gedanken, ihn mit dem Goldenen Zeitalter zu verbinden.