Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Der Fall des Cremutius Cordus #1 (407 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 02.11.2022 um 18:37 Uhr (
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(25 u.Z.)
1. Tacitus: Annalen
Unter dem Konsulat des Cornelius Cossus und Asinius Agrippa wurde Cremutius Cordus belangt mit der neuen und damals zum erstenmal gehörten Anschuldigung, er habe in den von ihm herausgegebenen Annalen M. Brutus gepriesen und C. Cassius der Römer letzten [Romanorum ultimum] genannt. Die Anklage vertraten Satrius Secundus und Pinarius Natta, beide Klienten des Seianus (1). Dies mußte dem Angeklagten Verderben bringen, dazu der Umstand, daß der Kaiser (2) mit finsterer Miene die Verteidigungsrede anhörte, die Cremutius, entschlossen, sich das Leben zu nehmen, folgendermaßen begann: „Meine Worte, Senatoren, werden mir vorgeworfen: so sehr bin ich mit meinen Handlungen schuldlos [verba mea, patres conscripti, arguuntur: adeo factorum innocens sum]. Aber auch jene richten sich nicht gegen den Princeps oder den Vater des Princeps (3), für die das Majestätsgesetz [lex maiestatis] gilt: Brutus und Cassius habe ich gepriesen, sagt man, deren Taten, so viele sie auch dargestellt haben, niemand ohne ehrende Anerkennung erwähnt hat.
Titus Livius, wegen seiner Beredsamkeit und Ehrenhaftigkeit hochberühmt vor allen, hat Cn. Pompeius mit so hohem Lob bedacht, daß ihn Augustus einen Pompejaner nannte; doch hat dies ihrer Freundschaft nicht geschadet. Scipio, Afranius, eben diesen Cassius, diesen Brutus nennt er nirgends als Räuber und Hochverräter – diese Bezeichnungen legt man ihnen heute bei -, vielmehr oft als ausgezeichnete Männer. Asinius Pollios Werke übermitteln für die gleichen ein sehr ehrenvolles Erinnerungsbild; Messala Corvinus rühmte Cassius als seinen Imperator: und beide blieben im Genuß ihres Reichtums und ihrer Ehrenämter.
Wie hat auf Marcus Ciceros Buch, in dem er Cato in den Himmel hob, der Diktator Caesar geantwortet? Nicht anders als mit einer Gegenschrift, wie vor Gericht! Des Antonius Briefe, des Brutus Volksreden enthalten Vorwürfe gegen Augustus, die zwar falsch, aber von großer Erbitterung getragen sind; in den Gedichten des Bibaculus und Catullus kann man eine große Fülle von Schmähungen der Caesaren lesen (4): aber selbst der göttliche Iulius, selbst der göttliche Augustus haben diese Angriffe hingenommen und unbeanstandet durchgehen lassen – ich möchte nicht leichthin entscheiden, ob eher aus Mäßigung oder politischer Einsicht. Denn Dinge, die man nicht beachtet, verlieren ihre Bedeutung: wenn man aber in Zorn gerät, sieht es aus, als erkenne man ihnen eine Berechtigung zu.
Ich gehe nicht ein auf die Griechen, bei denen nicht nur Freiheit, sondern auch Frechheit unbestraft blieb; oder wenn jemand solche ahndete, vergalt er Worte mit Worten. Aber völlig straflos und unangefochten blieb, was man über Männer äußerte, die der Tod dem Haß oder der Gunst entzogen hatte.
Rufe ich etwa, weil Cassius und Brutus unter Waffen stehen und die Ebenen von Philippi besetzt halten, in öffentlichen Reden das Volk zum Bürgerkrieg auf? Oder sind jene Männer nicht vielmehr an die siebzig Jahre tot, und dürfen sie nicht, wie man sie von ihren Bildnissen kennt, die nicht einmal der Sieger beseitigen ließ, einen Teil ihres Andenkens bei den Geschichtsschreibern behaupten? Jedem wägt die Nachwelt das gebührende Maß an Ehre zu; und es wird nicht an Leuten fehlen, die sich, wenn mich der Urteilsspruch trifft, nicht nur der Cassius und Brutus, sondern auch meiner erinnern werden.“
Danach verließ er den Senat und endete sein Leben durch den Hungertod [egressus dein senatu vitam abstinentia finivit]. Seine Bücher durch die Ädilen verbrennen zu lassen beschloß der Senat; und doch sind sie erhalten geblieben, man versteckte sie und gab sie wieder heraus.
Um so mehr darf man über die Beschränktheit derer spotten, die angesichts ihrer gegenwärtigen Machtstellung glauben, auch die Erinnerung bei der Nachwelt tilgen zu können. Im Gegenteil: bestraften Geisteshelden wächst Ansehen zu [nam contra punitis ingeniis gliscit auctoritas], und nichts anderes haben ausländische Könige, oder wer sonst die gleiche grausame Haltung bewiesen hat, geerntet als Schande für sich und Ruhm für jene.
[IV 34 f.]
(1) Prätorianerpräfekt
(2) Tiberius
(3) Augustus
(4) Catull griff Caesar an, Bibaculus (von dem nur wenige Fragmente erhalten sind) muß sich gegen Octavian Augustus gewendet haben.