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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Ein berühmtes Zitat zur Vernichtung von Büchern (301 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 31.10.2022 um 15:37 Uhr (Zitieren)
Zu einem Zeitpunkt, da schon nicht mehr damit zu rechnen wäre, erscheint die Bibliothek [sc. von Alexandria] nochmals in zwei arabischen Chroniken. Die Perspektive der Berichte ist weder heidnisch noch christlich, sondern muslimisch: Wir müssen dafür ins zwanzigste Jahr nach der Hidschra springen, also ins Jahr 642 nach christlicher Rechnung. „Ich habe [die Stadt Alexandria] mit Gewalt bezwungen, ohne Pakt und ohne Vertrag“, schreibt der Heerführer Amr ibn al-As in einem Brief an den zweiten Nachfolger Mohammeds, den Kalifen Omar I. Nach dieser Glücksbotschaft zählt Amr die Reichtümer und Schönheiten der Stadt auf: „Ich habe [...] 4000 Gebäude gefunden, mit 4000 Bädern; 40000 Juden, die den Tribut bezahlen müssen, und 400 königliche Vergnügungsplätze und 12000 Gemüsehändler, die das grüne Gemüse (öffentlich) verkaufen.“

Der Chronist und Denker Ali ibn al-Kifti und der Gelehrte Abd al-Latif erklären, einige Tage nach der Eroberung der Stadt habe ein uralter christlicher Weiser den muslimischen Heerführer gebeten, Einsicht in die Bücher der Großen Bibliothek nehmen zu dürfen, die bei der Invasion beschlagnahmt worden waren. Amr hörte mit Neugier, was der Alte über den ehrwürdigen Glanz des Museums und seine durch die Zeit verwüstete, aber immer noch kostbare Sammlung zu sagen hatte. Er war kein ungebildeter Krieger und verstand die Bedeutung jenes verstaubten und mottenzerfressenen Schatzes, wagte aber nicht, frei darüber zu verfügen, sondern schickte vorsichtshalber einen weiteren Brief an Omar mit der Bitte um Anweisungen.

Bevor wir fortfahren, ist ein Hinweis fällig. Es stimmt, dass Amr im Jahr 640 Alexandria eroberte, und auch seine allgemeine Beschreibung der Ereignisse scheint der Wahrheit zu entsprechen. Aber viele Spezialisten glauben, Ali ibn al-Kifti und Abd al-Latif hätten sich die Geschichte vom tragischen Ende der Großen Bibliothek nur ausgedacht. Die beiden schrieben mehrere Jahrhunderte nach den Geschehnissen und hatten ein eindeutiges Interesse daran, die Dynastie des Kalifen Omar bei dem gebildeten Sultan Saladin in ein schlechtes Licht zu rücken. Es mag also sein, dass Ähnlichkeiten zwischen ihrer Erzählung und der Wirklichkeit rein zufällig sind – vielleicht aber auch nicht.

Ein Brief brauchte damals im Durchschnitt zwölf Tage auf See und etwa noch mal so viele über Land, um Mesopotamien zu erreichen. Einen Monat lang warteten Amr und der alte Mann auf die Antwort des Kalifen. Inzwischen äußerte der Feldherr den Wunsch, das halb verfallene Bibliotheksgebäude zu besichtigen. Er wurde also durch ein Netz kleiner Gassen und über schmutzige Straßen zu einem heruntergekommenen Palast geführt, der von einigen Soldaten bewacht wurde. Im Inneren hallten die Schritte laut wider, und man konnte die zahllosen schlafenden Worte geradezu vor sich hinflüstern hören. Die Handschriften ruhten auf den Regalbrettern wie große Schmetterlingspuppen in ihren Kokons aus Staub und Spinnweben. Der alte Mann sprach: „Diese Bücher sollten durch die Herrscher und ihre Nachfolger bis ans Ende der Zeiten bewahrt und bewacht werden.“

Amr fand Gefallen an der Unterhaltung mit dem Alten und suchte ihn bald täglich auf. Wie eine Erzählung aus Tausendundeine Nacht hörte er von ihm die unglaubliche Geschichte des griechischen Königs, der ein seinem Palast ein Exemplar von jedem Buch der Welt sammeln wollte, und von den Suchen seines eifrigen Dieners Zamira – wie Ibn al-Qifti Demetrios von Phaleron nennt – in Indien, Persien, Babylonien, Armenien und an anderen Orten.

Endlich kam Omars Gesandter mit der Antwort des Kalifen nach Alexandria. Amr las die Nachricht mit pochendem Herzen. „Was die Bücher der Bibliothek betrifft, so lautet meine Weisung: Wenn ihr Inhalt mit dem Koran übereinstimmt, sind sie überflüssig; wenn nicht, Frevelei. Geh also und zerstöre sie.“

Enttäuscht befolgte Amr den Befehl. Er verteilte die Bücher auf die viertausend öffentlichen Bäder Alexandrias und ließ sie in den dortigen Öfen verfeuern. Es heißt, es habe sechs Monate gedauert, jenen Schatz an Vorstellungskraft und Weisheit den Flammen zu überantworten. Einzig die Bücher des Aristoteles wurden verschont. Im Dampf der Bäder verbrannte knisternd die letzte Utopie von dessen Schüler Alexander, bis nur noch stumme Asche blieb.

(Irene Vallejo: Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern. Zürich 2022, S. 382-385)
Re: Ein berühmtes Zitat zur Vernichtung von Büchern
Γραικύλος schrieb am 31.10.2022 um 17:34 Uhr (Zitieren)
Warum Frau Vallejo einmal vom Jahr 642 schreibt, das andere Mal von 640, weiß ich nicht.
 
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