Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Ein anthropologisches Experiment mir maximaler Freiheit (281 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 11.10.2022 um 12:40 Uhr (
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Das Privatleben der römischen Kaiser bildet innerhalb der europäischen Kulturgeschichte ein anthropologisches Experiment ohne Beispiel. Es zeigt uns Menschen in einem Leben unter minimaler Kontrolle, in maximaler Freiheit. Nero hat einmal erklärt, vor ihm habe noch niemand gewußt, was ein Fürst sich alles erlauben dürfe. Er widerlegte damit den Historiker Sallust, der schrieb, mit steigender sozialer Stellung schwinde die Freiheit ihres Inhabers, und enttäuschte den Philosophen Seneca, der seinem Zögling Nero aus seiner herausgehobenen Position eine entsprechende Verpflichtung ableiten wollte. Daß dem Kaiser zwar rechtlich, nicht aber moralisch alles erlaubt sei, leuchtete dem jungen Liebes-, Leib- und Lebenskünstler nicht ein. Als artifex forderte er künstlerische Freiheit rundum.
Weder die Meinung der Öffentlichkeit in Rom, im Senat oder im Lager noch die Rücksicht auf Ratgeber und Angehörige haben den Kaisern Schranken setzen können. Eine höfische Etikette, wie sie im neuzeitlichen Absolutismus beachtet wurde, hat die Kaiser nicht einmal im frühbyzantinischen 4. Jh. n.Chr. eingeschränkt, wie das eigenwillige Verhaltens Julians lehrt, der sich über die Regeln des Hoflebens ebenso hinwegsetzte, wie über den herrschenden Glauben. [...]
Die Freiheit des Kaisers hing indessen ab von der politischen Lage. In Zeiten der Not blieb nicht viel davon übrig. Der gallische Dichter Sidonius Apollinaris [...] erläutert das Elend des Herrscheramtes an der Geschichte vom Damokles-Schwert. Dieser Damokles hatte den Tyrannen Dionysios von Syrakus um sein Glück beneidet und war von ihm eingeladen worden, einen Tag mit ihm zu tauschen. Nachdem Damokles alle Freuden des Palastes genossen hatte und abends beim Weine lag, erblickte er über sich ein Schwert, das an einem Roßhaar hing. Erschreckt sprang er auf und wußte jetzt, womit das „Glück“ des Herrschers erkauft war.
Den Blick nach oben haben die Kaiser gewöhnlich vermieden. Sie nahmen ihre bedrohte Stellung in Kauf und lebten, zumindest in der Zeit des Principats, ohne äußeren Beschränkungen unterworfen zu sein. Kein griechischer Tyrann, kein italienischer Renaissancefürst hat sich so hemmungslos ausleben dürfen. Gewiß waren Dionysios von Syrakus, Al Hakim in Kairo oder Cesare Borgia [in Italien] ebenso frei von sittlichen Rücksichten wie ein Nero, ein Caligula oder ein Commodus, aber sie verfügten weder über die Machtmittel eines Weltreiches noch über die Freiheit, selbst Religionen nach Belieben verändern, verspotten und verbieten zu können.
War der Freiraum der Kaiser schon in der Amtsführung und in der Politik beträchtlich, so gab es für die Gestaltung der Freizeit überhaupt keine festen Grenzen. [...] Für Kaiser gilt das in doppeltem Sinne: zum ersten, weil es auf alle Bürger zutrifft; zum zweiten, weil ein Kaiser sowieso nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann, auch für seine Amtshandlungen nicht. Dafür lebte er tatsächlich unter dem Damokles-Schwert. Nach der Ermordung Caligulas erklärte der Prätorianerpräfekt Arrecinus Clemens, ein Kaiser, der die Gesetze mißachte und ermordet werde, sei an seinem Tode selbst schuld. Kaiser wurden eher wegen ihres anstößigen Privatlebens als aus politischen Gründen ermordet. [...]
Unser Thema hat neben der historischen noch eine anthropologische Dimension. Sowohl Marx als auch Freud lehrten, der Mensch werde in der Klassengesellschaft bzw. in der Kultur seinem wahren Wesen entfremdet. Dahinter steht der Wunsch, diese Entfremdung zu überwinden und die völlige individuelle Selbstverwirklichung zu realisieren - gleich also ob die geschichtlich gewordene, von uns selbst mitgestaltete Gemeinschaft, in der wir leben, die Schuld an unserem Unglück trüge. Fixiert auf das Negativum der angeblichen Fremdbestimmtheit, fragten Marx und Freud nicht nach dem Positivum, nämlich danach, was dabei herauskomme, wenn alle gesellschaftlichen Zwänge entfallen und der Mensch sich ungehemmt entfalten darf. Das Privatleben der römischen Kaiser - genauer: das der „schlechten“ Kaiser - führt es uns vor Augen. So wie ein Vespasian, wie ein Marc Aurel kann man zu allen Zeiten leben, wenn man den Halt in sich selber findet und freiwillig Rücksicht nimmt. Wie ein Caligula oder Nero konnte man aber nur - wenigstens zeitweise - auf dem Cäsarenthron existieren, wo alles erlaubt schien. Für eine Gesellschaft aus völlig selbstverwirklichten Menschen bieten sie kein probates Vorbild. [...]
Die Exzesse des Cäsarenwahns bestätigen die stoische Ansicht, daß der Mensch nicht außerhalb, sondern innerhalb seiner sozialen Bindung Erfüllung suchen möge, auch wenn dabei Kanten und Ecken abgeschliffen werden. Sagen wir es mit Friedrich Rückert:
Willst du, daß wir mit hinein
in das Haus dich bauen,
laß es dir gefallen, Stein,
daß wir dich behauen!
(Alexander Demandt: Das Privatleben der römischen Kaiser. München 1996, S.228-233)
Re: Ein anthropologisches Experiment mit maximaler Freiheit
Γραικύλος schrieb am 11.10.2022 um 14:11 Uhr (
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[Titelkorrektur]
Re: Ein anthropologisches Experiment mir maximaler Freiheit
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 12.10.2022 um 13:28 Uhr (
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Was Schrankenlosigkeit in Verhalten und Anspruch, verbunden mit der Ablehnung der Gültigkeit moralischer Grundsätze, auf einem massenhaften Level zu bewirken vermag, das zeigt schon _ein Blick_ auf einen Teilbereich heutiger Lebenswelt: die (un)Sozialen Medien mit der Flut an Haß, Niedertracht und Lüge, die wie ein pyroklastischer Strom alles niederzuwalzen droht, worauf ein Gemeinwesen beruht.