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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Der autokratische Nachteil (347 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 04.09.2022 um 13:31 Uhr (Zitieren)
Im Ausgang von dem antiken Gegensatz zwischen der attischen Demokratie und der persischen Autokratie analysiert Konrad Schuller (FAS vom 4.9.2022) den Krieg zwischen der Ukraine und Rußland, wobei er zu den vier Nachteilen der Autokratie kommt.
[...] In Putins Misserfolg zeigt sich der „demokratische Vorteil“ allerdings vor allem als „autokratischer Nachteil“. Mindestens vier solcher Nachteile haben seinem Angriff die Spitze gebrochen.

Erstens kennen autokratische Herrscher die Welt nicht. Sie sind von Jasagern umgeben, die Probleme unter den Tisch kehren. Demokratische Führer dagegen haben es mit einer aufmüpfigen Opposition und einer informierten Öffentlichkeit zu tun. Wenn sie etwas wollen, gibt es Widerspruch, und bevor eine Entscheidung fällt, müssen die Argumente der Gegner geprüft werden. Putin dagegen musste nichts prüfen, als er den Angriffsbefehl gab. So war er also schlecht informiert. Vermutlich hat ihn niemand darauf aufmerksam gemacht, wie schwach seine Armee in Wahrheit ist. Weil in der Elite eines oligarchischen Systems jede Führungsfigur von Unterschlagung und Diebstahl lebt, waren die Streitkräfte im Augenblick des Marschbefehls natürlich ausgeplündert. Diesel, Verpflegung, Kleidung fehlten, Reifen waren nie gewartet worden. Also blieben Kolonnen stecken und wurden von den Ukrainern zerschossen. Vieles spricht dafür, dass Putin damit nicht gerechnet hat, als er sich zum Krieg entschloss. Vielleicht wusste er auch nicht, dass seine Behauptung, die Ukraine warte nur auf en Befreier aus Russland, ein Hirngespinst war. So griff er Kiew mit viel zu schwachen Kräften an.

Zweitens sind die Soldaten autokratischer Kämpfer oft schlechtere Kämpfer als die Soldaten der Demokratie. Solda-ten eines freien Landes wissen, dass es um ihre eigene Sache geht. Wenn dann im Chaos des Gefechts Befehlsketten abreißen, folgen sie ihrem inneren Kompass und kämpfen weiter. Die Soldaten der Diktatur dagegen sind oft gegen ihren Willen aufs Schlachtfeld gekarrt worden. Sie sind auf Gehorsam gedrillt. Wenn keine Befehle kommen, wissen sie nicht weiter und bleiben stehen. Dann müssen die Befehlshaber an die Front, um die Truppe voranzutreiben. Die hohen Verluste der russischen Generalität in diesem Krieg beweisen, dass dies nicht nur Theorie ist.

Drittens muss ein autokratischer Führer immer sein Volk fürchten. Er muss deshalb viel Geld in seinen Repressionsapparat stecken. Kroenig (1) schreibt, Amerika gebe nur halb so viel für innere Sicherheit aus wie für äußere. In Russland dagegen sei das Verhältnis eins zu eins. So fehlt es der Armee an Geld. Und weil Putin sich aus Angst nicht traut, eine offene Mobilmachung anzuordnen, fehlen auch Soldaten.

Der vierte Nachteil: Autokratische Staaten sind rücksichtslos, und deshalb finden sie schwer Bundesgenossen. Kleine und mittlere Länder wählen sie nur zum Partner, wenn sie unbedingt müssen. Wenn es geht, entscheiden sie sich oft für einen freundlicheren Hegemon, und in der heutigen Welt ist das eben der „liberale Leviathan“ Amerika. In der Folge wird Russland in diesem Krieg von keinem einzigen starken Land offen unterstützt. Die Ukraine dagegen profitiert vom gut ausgebauten Bündnissystem Washingtons. Als Partner der USA bekommt sie Waffen von einigen der reichsten Länder der Welt.

Noch hat Putin diesen Krieg nicht verloren, aber es kann passieren, dass er ihn verliert. Sein Nimbus wäre dann zerstört, und vielleicht würde dann auch außerhalb von Russland er Mythos vom starken Mann als Märchen entlarvt. Das wäre nicht nur für die Ukraine gut. Es wäre gut für die Demokratie.

(1) Matthew Kroenig von der Georgetown University in Washington
Re: Der autokratische Nachteil
Bukolos schrieb am 05.09.2022 um 12:46 Uhr (Zitieren)
Zitat von Γραικύλος am 4.9.22, 13:31Drittens muss ein autokratischer Führer immer sein Volk fürchten. Er muss deshalb viel Geld in seinen Repressionsapparat stecken. Kroenig (1) schreibt, Amerika gebe nur halb so viel für innere Sicherheit aus wie für äußere. In Russland dagegen sei das Verhältnis eins zu eins.

Matthew Kroenig (The Return of Great Power Rivalry, New York 2020, S. 167) gibt zu seiner Aussage
While the United States spends twice as much on international security as on domestic security, in Russia those numbers are roughly equal

zwei Quellen an:
Jennifer Bronson, “Justice Expenditure and Employment Extracts, 2015,” Bureau of Justice Statistics, June 29, 2018; Leonid Bershidsky, “Russia’s Military Is Leaner, But Meaner,” Bloomberg, December 14, 2017.

Beide Quellen liefern keine Informationen über Russlands Ausgaben für die innere Sicherheit. Wie Kroenig zu seinen Aussagen darüber kommt, weist er also nicht nach. Nimmt man dennoch an, dass sie verlässlich sind und leitet aus Bershidskys Angaben zu den Militärbudgets beider Staaten für 2018 (Russland: umgerechnet 42,3 Milliarden US$, USA: 692,1 Milliarden US$) ab, wie groß der jeweilige Etat für die Innere Sicherheit ist, ergeben sich pro Kopf ca. 280 $ in Russland gegenüber 1040 $ in den USA. Steilvorlage für Putin und seine Freunde.
Re: Der autokratische Nachteil
Γραικύλος schrieb am 05.09.2022 um 13:11 Uhr (Zitieren)
Mir war schon aufgefallen, daß Schuller sich ohne genaue Angabe der Fundstelle auf Kroenig beruft. Du hast sie herausgefunden und überprüft. Danke.
 
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