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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Der Ring des Gyges (483 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 16.08.2022 um 00:05 Uhr (Zitieren)
Platon, Der Staat 359c-360c:

Sokrates vertritt die These, daß niemand von sich aus gerecht sei. Würde man einem Gerechten und einem Ungerechten die Macht geben zu tun, was er wolle, dann würden der Gerechte sich genauso verhalten wie der Ungerechte.
[...] Die Macht aber, die ich meine, kann am liebsten eine solche sein, wenn ihnen dieselbe Kraft zuteil würde, die einst Gyges, der Ahnherr des Lydiers (1), soll gehabt haben.

Dieser nämlich soll ein Hirt gewesen sein, der bei dem damaligen Beherrscher von Lydien diente. Als nun einst ein großes Ungewitter gewesen und Erdbeben, sei die Erde gespalten und eine Kluft entstanden in der Gegend, wo er hütete. Wie er nun dies mit Verwunderung gesehen und hineingestiegen sei, habe er dort vieles andere, was sie Wunderbares erzählen, und auch ein hohles, ehernes, mit Fenstern versehenes Pferd gefunden, durch die er hineingeschaut und darin einen Leichnam gesehen, dem Anschein nach größer als nach menschlicher Weise. Dieser nun habe nichts anderes an sich gehabt als nur an der Hand einen goldenen Ring, welchen jener ihm dann abgezogen habe und wieder herausgestiegen sei.

Als nun die Hirten ihre gewöhnliche Zusammenkunft gehalten, worin sie dem König monatlich berichteten, was bei den Herden vorgegangen, sei auch jener erschienen, den Ring am Finger. Wie er nun unter den anderen gesessen, habe es sich getroffen, daß er den Kasten des Ringes nach der inneren Seite der Hand auf sich zu umgedreht, und als dieses geschehen, sei er den Dabeisitzenden unsichtbar gewesen, daß sie von ihm geredet wie von einem Abwesenden; darüber habe er sich gewundert, den Ring wieder angefaßt und den Kasten nach außen gedreht, und sobald er ihn so umgekehrt, sei er sichtbar gewesen.

Wie er das nun gemerkt, habe er den Ring versucht, ob er wirklich diese Kraft habe, und es sei ihm immer so geschehen, daß, sobald er den Kasten nach innen gedreht, er unsichtbar geworden, nach außen aber sichtbar.

Als er dieses innegeworden, habe er sogleich bewirkt, unter die Boten aufgenommen zu werden, die der König um sich hielt, und so sei er gekommen, habe dessen Weib zum Ehebruch verleitet, dann mit ihr dem Könige nachgestellt, ihn getötet und die Herrschaft an sich gerissen.

Wenn es nun zwei solche Ringe gäbe und einen der Gerechte anlegte, den anderen aber der Ungerechte, so würde doch wohl keiner, wie man ja denken müsse, so stahlhart sein, daß er bei der Gerechtigkeit bliebe und es über sich brächte, sich fremden Gutes zu enthalten und es nicht anzurühren, da es ihm freistände, teils vom Markt ohne alle Besorgnis zu nehmen, was er nur wollte, teils in die Häuser zu gehen und beizuwohnen, wem er wollte, und zu töten und aus Banden zu befreien, wen er wollte, und so auch alles andere zu tun, recht wie ein Gott unter den Menschen. Wenn er nun so handelte, so täte er nichts von dem anderen Verschiedenes, sondern beide gingen denselben Weg.
[...]

(1) d.h. der lydischen Dynastie

Vgl. Herodot I, 8-12
 
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