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Opferschau schützt vor Gefahren (418 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 12.08.2022 um 13:26 Uhr (
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Arrian, Anabasis VII 18 (= Aristobulos von Kassandreia F 54):
Dazu schreibt Aristobulos auch noch folgendes: Apollodoros aus Amphipolis, ein Hetaire Alexanders und Kommandeur der bei Mazaios, dem Satrapen von Babylon, stationierten Truppen habe, als er sich nach dessen Rückkehr aus Indien bei Alexander meldete, sehen müssen, wie dieser die Satrapen verschiedener Länder bestrafte, und sich deshalb schriftlich an seinen Bruder Peithagoras gewandt, einen Wahrsager [μάντις] aus der Gruppe der Eingeweideschauer [τῆς ἀπὸ σπλάγχων μαντείας], er möge die Zeichen befragen.
Dieser jedoch habe zurückgefragt, vor wem er sich fürchte, daß er um diese Befragung bitte. Auf die Antwort, vor dem König selbst und vor Hephaistion, habe dieser zuerst die Opferzeichen bezüglich Hephaistions befragt, und da bei dem Opfertier der Leberlappen nicht zu finden war, unverzüglich zu Apollodoros einen versiegelten Brief aus Babylon nach Ekbatana gesandt, er brauche Hephaistion nicht zu fürchten, in wenigen Tagen werde er ihm nicht mehr im Wege sein. Einen Tag aber, nachdem Apollodoros diesen Brief erhielt, sei Hephaistion gestorben (1), wie Aristobul weiter berichtet.
Daraufhin habe Peithagoras ein zweitesmal beim Opfer die Eingeweide des Tieres geprüft, jetzt wegen Alexander, und die Leber des Tieres war ohne Lappen. Da habe Peithagoras seinem Bruder das gleiche geschrieben. Dies nun habe Apollodoros nicht verschweigen können, sondern den Inhalt des Briefes Alexander mitgeteilt – würde es ihm doch als Zeichen besonderer Anhänglichkeit ausgelegt werden, wenn er ihn bat, sich vor Gefahren zu hüten, die auf ihn zur Zeit hereinbrechen könnten.
Wie Aristobul fortfährt, lobte Alexander Apollodoros wie Peithagoras und fragte, als er nach Babylon kam, Peithagoras, von welchen Anhaltspunkten ausgehend er seinem Bruder eine derartige Nachricht geschickt habe. Auf die Antwort, die Leber sei ohne Lappen gewesen, fragte er, was dies Zeichen bedeute, und erhielt die Antwort, dies sage großes Unglück voraus.
Alexander, weit entfernt, Peithagoras deshalb gram zu sein, habe diesen jetzt noch viel mehr geachtet, daß er ihm ohne Hintergedanken die Wahrheit eröffnete.
Dies hat Aristobulos, wie er angibt, von Peithagoras persönlich erfahren. Später habe dieser auch die Eingeweide für Perdikkas und Antigonos [Monophthalmos] befragt, und auf die gleichen Zeichen für beide hin sei Perdikkas auf dem Zuge gegen Ptolemaios umgekommen und Antigonos in der Schlacht bei Ipsos gegen Seleukos und Lysimachos.
Auch von Kalanos, dem indischen Philosophen, wird berichtet, er habe, als er auf den Scheiterhaufen stieg, um zu sterben, und alle Hetairen zum Abschied umarmte, nicht zu Alexander hintreten wollen, ein Gleiches zu tun, sondern gesagt, er werde ihn ja bald in Babylon treffen und dann dort begrüßen. Auf dieses Wort habe man damals nicht weiter geachtet, später aber, als Alexander in Babylon gestorben war, hätten die, die es hörten, sich daran erinnert, daß damit wohl der Tod Alexanders angekündigt worden sei.
(Arrian: Der Alexanderzug – Indische Geschichte. Übersetzt und herausgegeben von Gerhard Wirth und Oskar von Hinüber. München/Zürich 1985, S. 578-581 f.)
(1) vermutlich an übermäßigem Weingenuß, im Winter 324/3
v.u.Z.