Ich übersetze z. Zt. einen Text aus dem 16. Jahrhdt. von Latein ins Deutsche. Dieser Text enthält auch griechische Brocken, die aber leider in einer mir nicht ganz verständlichen Handschrift geschrieben sind. Ich würde gern ein Beispiel anfügen, dies ist aber im Rahmen dieses Forums nicht möglich. Kennt jemand eine Stelle, die mir weiterhelfen kann?
Re: unverständliche Schreibweise
Γραικύλος schrieb am 12.07.2022 um 20:43 Uhr (Zitieren)
Wieso sollte es hier nicht möglich sein, einen Link zu einer Abbildung einzufügen?
Re: unverständliche Schreibweise
Bukolos schrieb am 13.07.2022 um 11:43 Uhr (Zitieren)
Γραικύλος schrieb am 14.07.2022 um 18:03 Uhr (Zitieren)
Kannst Du nun überhaupt nichts davon lesen, oder geht es um einzelne, nach heutigem Stil ungewöhnlich geschriebene Buchstaben? Z.B. Zeile 2, Buchstabe 5?
Re: unverständliche Schreibweise
Gerhard Eber schrieb am 14.07.2022 um 19:26 Uhr (Zitieren)
Ja, natürlich geht es nur um die speziellen Zeichen, einige habe ich auch aus dem Zusammenhang erraten, z. B. daß das, was wie μ aussieht, meist ein ν ist, oder das eingekringelte s ein ος sein soll. Aber das fünfte Wort in der zweitletzten Zeile ist mir vollkommen unklar, es kommt noch mehrmals vor, z. B. in den Zeilen 10 und 12. Ebenso das 2. Wort in der 1. Zeile.
Re: unverständliche Schreibweise
Γραικύλος schrieb am 14.07.2022 um 20:25 Uhr (Zitieren)
Daß das Wort mehrmals vorkommt, ist nicht überraschend: καί bzw. καὶ.
Das zweite Wort in der ersten Zeile ist eine härtere Nuß.
Re: unverständliche Schreibweise
Γραικύλος schrieb am 14.07.2022 um 20:28 Uhr (Zitieren)
Der erste Buchstabe sieht aus wie ein μ, kann aber kein μ sein, denn er steht auch als letzter Buchstabe im letzten Wort der zweiten Zeile, wo überhaupt kein μ paßt.
Re: unverständliche Schreibweise
Bukolos schrieb am 14.07.2022 um 20:33 Uhr (Zitieren)
Das zweite Wort der 1. Zeile ist μέν.
Die griechische Schrift der frühen Drucke (aber oft auch noch bis weit ins 18. Jh hinein) orientiert sich stark an den späten Minuskel-Handschriften mit ihren zahlreichen Ligaturen und Abbreviaturen. Ohne gewisse paläographische Erfahrung sind diese oft nicht so leicht zu entziffern.
Re: unverständliche Schreibweise
Γραικύλος schrieb am 14.07.2022 um 20:44 Uhr (Zitieren)
Doch ein μ. Und wie heißt dann das letzte Wort der zweiten Zeile, wo der Buchstabe erneut steht, aber doch kein μ paßt?
Re: unverständliche Schreibweise
Bukolos schrieb am 14.07.2022 um 21:00 Uhr (Zitieren)
νέων. My und Ny können relativ ähnlich aussehen, aber beim Ny gibt es nach dem zweiten Aufstrich keinen Abstrich zur Grundlinie und auf der Grundlinie auch keine Verbindung mit dem nachfolgenden Buchstaben.
Re: unverständliche Schreibweise
filix schrieb am 14.07.2022 um 21:13 Uhr (Zitieren)
William H. Ingrams Artikel The Ligatures of Early Printed Greek bringt einen hier eventuell ein Stück weiter:
Kontakt zur Greek Font Society, die sich der Erforschung der griechischen Typographie verschrieben und auch einiges dazu publiziert hat, könnte sich ebenfalls als hilfreich erweisen: https://greekfontsociety-gfs.gr/
Der Schriftdesigner K. Siskakis hat eine auf der Entwicklung der Grecs du Roi basierende Schriftart entworfen, die über 1000 Ligaturen und Abbreviaturen enthält:
Γραικύλος schrieb am 14.07.2022 um 23:01 Uhr (Zitieren)
Das ist jetzt die optimale Hilfe: die komplette Transkription der Verse für Gerhard Eber und der Link zum Verzeichnis der Ligaturen für mich.
Re: unverständliche Schreibweise
Γραικύλος schrieb am 15.07.2022 um 12:34 Uhr (Zitieren)
Und das ν selber gibt es in zwei Versionen, hier am Wortanfang und Wortende (wie sonst nur bei σ/ς).
Das ist schon irritierend.
Re: unverständliche Schreibweise
filix schrieb am 15.07.2022 um 12:59 Uhr (Zitieren)
Die typographische Entwicklung von, überspitzt gesagt, Graeca sunt, non leguntur zu Graeca sunt, ligantur zeichnet ein interessanter Vortrag von George D. Matthiopoulos mit vielen Beispielen nach:
Diese Hypertrophie wurzelt demnach in einem Aufstieg Frankreichs auch zur wissenschaftlichen und kulturellen Großmacht:
Re: unverständliche Schreibweise
Gerhard Eber schrieb am 15.07.2022 um 14:39 Uhr (Zitieren)
Ganz herzlichen Dank für die Transkription an Bukolos, das hilft mir natürlich sehr viel weiter. Die Verse stammen übrigens von Joachim Camerarius, der sie als Widmung dem Calendarium von Paul Eber vorangestellt hat.
Vielen Dank auch an die anderen, die sich für dieses Problem interessiert haben,