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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Geschlechtsspezifische Erziehung #3 (391 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 15.04.2022 um 13:46 Uhr (Zitieren)
C. Musonius Rufus:
Die aber, welche in den Bereich der sittlichen Tugend fallen, sind – das kann man mit Recht behaupten – in gleicher Weise für beide Geschlechter verpflichtend, wenn wir behaupten, daß auch die Tugenden beiden Geschlechtern in gleichem Umfang zukommen. Daher muß man vernünftigerweise in allem, was in den Bereich der Sittlichkeit gehört, das weibliche und das männliche Geschlecht gleich erziehen. Und von Kindesbeinen an muß man sie lehren: „das ist gut; das dagegen ist schlecht“, weil gut und böse für beide Geschlechter dasselbe ist, und ebenso „das ist nützlich, das aber schädlich“; „das muß man tun, das aber nicht“.

Daraus erwächst den lernenden Mädchen und Knaben in gleicher Weise die rechte Einsicht, ohne Unterschied der Geschlechter. Und dann muß man ihnen Abscheu gegen alles Gemeine einflößen. Unter solchen Voraussetzungen müssen ja Männer wie Frauen sittliche Menschen werden.

Und insbesondere muß der, der richtig erzogen wird, wer er auch sei, ob Knabe oder Mädchen, daran gewöhnt werden, Strapazen zu ertragen; man muß sie daran gewöhnen, den Tod nicht zu fürchten [ἐθιστέον δὲ μὴ φοβεῖσθαι θάνατον], sich durch keinerlei Unglück unterkriegen zu lassen. Auf diese Weise wird einer tapfer. Tapferkeit, habe ich schon eben gesagt, müssen auch die Frauen besitzen.

Ferner müssen sie lernen, andere nicht zu übervorteilen, dagegen Recht und Billigkeit zu ehren; sie müssen Gutes tun wollen, als Mensch den Menschen nie Böses tun wollen [κακοποεῖν δὲ μὴ θέλειν ἄνθρωπον ὄντα ἀνθρώπους] – das ist die schönste Form der Erziehung; sie macht die so Erzogenen zu rechtlich denkenden Menschen.
Warum sollte ein Mann diese Dinge mehr lernen? Denn wenn, beim Zeus, auch die Frauen gerecht sein müssen, dann müssen beide Geschlechter auch dasselbe lernen und vor allem die wichtigsten Dinge, die bedeutendsten Grundsätze. Denn wenn einmal auf irgendeinem Gebiet der Mann etwas weiß, die Frau aber nicht, oder umgekehrt, sie etwas weiß, er aber nicht, was auf irgendeinem Fachwissen beruht, so fordert dieser Unterschied noch nicht die verschiedene Erziehung der Geschlechter. Nur soll keiner über irgendeinen der wichtigsten Grundsätze anderes lernen als der andere, sondern jeder dasselbe.

Wenn aber mich jemand fragt: welche Wissenschaft ist maßgebend für diese Erziehungsmethode, so antworte ich, daß ohne die Philosophie weder irgendein Mann noch irgendeine Frau in der rechten Weise gebildet werden kann. Ich will aber damit nicht sagen, daß die Frauen größeren Scharfsinn und übermäßige Gewandtheit im Disputieren besitzen sollen, wenn sie als Frauen Philosophie treiben sollen. Denn ich lobe das nicht einmal bei Männern. Wohl aber, daß auch die Frauen eine edle Gesinnung und ein wahrhaft sittliches Wesen erwerben sollen. Ist doch die Philosophie das Streben nach wahrer Sittlichkeit und nichts anderes [ἐπειδὴ καὶ φιλοσοφία καλοκἀγαθίας ἐστὶν ἐπιτήδευσις καὶ οὐδὲν ἕτερον].

(Wege zum Glück. Epiktet – Teles – Musonius. Hrsg. v. Wilhelm Capelle und Rainer Nickel. Zürich/München 1987, S. 226-230)
Re: Geschlechtsspezifische Erziehung? #3
Γραικύλος schrieb am 15.04.2022 um 13:47 Uhr (Zitieren)
(Titelkorrektur)
 
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